FILMTIPPS NACH GENRE
Save the Green Planet
THRILLER/HORROR/DRAMA/KOMÖDIE/SCI-FI: Südkorea, 2003
Regie: Jeong Jun-hwan
Darsteller: Shin Ha-kyun, Baek Yun-shik
Eine Alieninvasion steht bevor. Zumindest in der Vorstellungswelt des ehemaligen Chemie-Arbeiters
Byun-gu (Ha-kyun Shin), der mit seiner Freundin eine Art Alien-Forschungsstation betreibt.
Dass diese eher einem Folterkeller ähnelt, hat seine Gründe. Wie sonst kann man den außerirdischen Invasoren
ihre finsteren Pläne zu entlocken, als durch schmerzhafte Folter?
Blöd nur, dass sich die Mehrzahl der Opfer, die Byun-gu entführt und zu Tode gefoltert hat,
nachträglich als ganz normale Menschen erweisen. Die Mehrzahl, wie gesagt ...
Seit ein paar Jahren gelten ja Filme aus Südkorea als DER heiße Scheiß.
Nicht zu unrecht, wie wir aufgeschlossenen Filmfreunde wissen. Ich sag jetzt nur Old Boy ...
Save the Green Planet ist auch so ein Film,
dem man jede Sekunde ansieht, dass Filmemacher in Südkorea beinahe unendliche kreative Narrenfreiheit genießen.
Wir haben es hier mit einem bizarren Genre-Mix zu tun, der absolut nichts auslässt:
Psychodrama, Actionstreifen, Paranoia-Thriller, schwarze Komödie und überdrehte Science-Fiction-Parodie:
Kein Genre, das Jun-hwan Jeong nicht streifen würde.
Was sich vielleicht anstrengend oder konzeptlos anhört, wirkt in Wahrheit wie aus einem Guss.
Visuell nimmt der Regisseur Anleihen bei Gott und der (westlichen) Welt,
vor allem bei Terry Gilliam (Brazil lässt schön grüßen),
aber auch Jeunet/Caro (Delicatessen) und Ridley Scott (Blade Runner) haben Pate gestanden.
Allerdings sollte man sich nicht vom ulkigen Cover,
das grinsende Gesichter unter lächerlichen Helmen zeigt, nicht täuschen lassen:
Mit einer harmlosen Sci-Fi-Komödie Marke Space Balls hat dieser abgefahrene Genre-Mix
so viel zu tun wie Radio Stephansdom mit nordischem Black Metal.
Ab der Filmmitte werden nämlich andere Saiten aufgezogen,
man wähnt sich mitunter in einem der pädagogisch wenig wertvollen Siebziger-Folter-Streifen
marke Jess Franco. Nichts für Zartbesaitete also, wenn auch die naturgemäß sehr derben Folter-Exzesse
mit einem ironischen Augenzwinkern präsentiert werden.
Trotz gehörigem Trash-Faktor verliert der Film seine humane Botschaft nicht ganz aus den Augen.
Save the Green Planet ist auch ein Kommentar zur Befindlichkeit der Menschheit anno 2005:
Zwischen sogenannter Normalität und Wahnsinn liegt nur ein schmaler Grat,
immer mehr Menschen kippen über,
"Verrückte", Soziopathen und Menschen in psychischen Ausnahmesituationen
sind von "Normalbürgern" nicht zu unterscheiden.
Weil es eben keine Normalität gibt, sondern nur verschieden schwere Formen von psychischen Defekten ...
Schade nur, dass das (aus meiner Sicht) kindische Ende viel vom gesellschaftskritischen
Potential des Films kaputt macht.
Aber vielleicht ist das nur meine Allergie gegen Auflösungen im allgemeinen
und Star Wars-mäßigen Auflösungen im besonderen ... Egal, Punkteabzug setzt's trotzdem.
Ein mehr als origineller Genre-Mix aus dem neuen Filmwunderland Südkorea. Nur über das Ende müssen wir nochmal reden ...
Die Faszination, die für viele Kritiker von diesem Film ausgeht, kann ich verstehen, leider nicht für mich nachvollziehen. Wobei ich auch der Bezeichnung "Überdreht" oder "Schrill" nicht folgen kann. Die Asiatische Art, Filme zu machen, hat offenbar etwas mit dem ausdruck extremer Gefühle und Spannungen zu tun, die die Protagonisten auch zu extremen Handlungen treiben.
Trotz dieses ultimativen Aufwands an Leid und Spannung hat mich der Film seltsam unberührt gelassen, sodaß mir der Eindruck "naja, ganz nett" am Schluß zurückgeblieben ist. Unter anderem, weil der Film meine Sympathie mal vom Täter zum Opfer, dann vom jumgen Detektiv und dann vieder zum alten Detektiv, zurück zum Täter, dazwischen zur pummeligen Freundin des Täters und wieder weg von ihr zum Opfer usw. gelenkt hat. Das war für meine arme Seele irgendwann zuviel, gerade im Endkampf, wo man eigentlich mit beiden Hauptpersonen mitfiebert. Längst weiß jeder, daß der Täter keinen Hirngespinsten nachjagt, längst hat man einen festen Boden unter dem filmsprachlichen Glatteis gefunden. Die Auflösung führt genau dorthin, wohin es der erfahrene Zuschauer tief drinnen erwartet bzw. erhofft. Genau das aber, nach all dem sonst so geschickt doppelbödig Angelegtem, hinterläßt eine eigenartige Leere, die z.B. "Oldboy" nicht hinterlassen hat, und "Brazil" schon gar nicht, trotz Happy-End-Verweigerung.
Das kommt vielleicht auch daher, daß "Save the Green Planet" eben jenes Hin- und Herspringen zwischen allen möglichen Ansprüchen - Satire, Horror, Crime, Gesellschaftskritik, usw. - das ihm so viel internationale Beachtung eingebracht hat, gar etwas zu sehr auskostet und dabei den Zuschauer etwas im Stich läßt.
Das leistet sich z.B. "Oldboy" (dem ich etwa 9.5 von 10 Punkten gebe) nicht, der Film bleibt - bis auf die überhöhte gekünstelte Auflösung - innerhalb seines Rahmens.
6/10 alien-massagen