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Ich gelobe

Ich gelobe

DRAMA: A, 1994
Regie: Wolfgang Murnberger
Darsteller: Christoph Dostal, Andreas Lust, Andreas Simma, Pia Baresch

STORY:

Wolfgang Murnbergers Satire zeigt den Wehrdienst aus der Sicht des künstlerisch begabten Rekruten Berger, der sich in einer Maturanten-Einheit befindet, dessen Wehrpflichtige zu Gruppenkommandanten ausgebildet und auf den Kampf gegen den "Feind von außen" vorbereitet werden.

KRITIK:

Kaum ein anderer Lebensabschnitt eines Mannes lädt mehr dazu ein, übersentimentalisiert und ausgeschmückt zu werden, wie der Präsenzdienst. Da werden nicht nur in bierseeligen, feuchtfröhlichen Runden Geschichten zum Besten gegeben, die zeitweise auf kriegsähnliche Handlungen schließen lassen, während der Erzähler, den berichteten Zeitraum wohl eher in einem selbstgeschaufelten Graben oder mit "Feind"-beobachtung aus einem mehr oder minder getarnten Gebüsch verbracht hat. Ein Umstand, der mir früher immer zutiefst zuwider war, bis ich mich nach Abschluss meines Wehrdienstes selbst einige Male dabei ertappt hab, Anekdoten daraus zu berichten.

"Ich gelobe" stellt nun gewissermaßen Wolfgang Murnbergers Anekdote, beziehungsweise Abrechnung mit dem Wehrdienst dar. Ähnlich wie sein Debüt "Himmel oder Hölle" ist auch dieser Film autobiographisch gefärbt.

In der Einöde und der damit verbundenen Langeweile der Kaserne in Oggau gefangen, sehnt sich Wehrmann Berger nach Freiheit, die er nur auf einer ausschließlich ihm zugänglichen Kasernentoilette verwirklicht sieht. Sein Quadratmeter Freiheit, wie er es bezeichnet, wird zu einem Gemälde, auf dem er seine Eindrücke künstlerisch festhält. So folgt man seinen philosophischen Monologen, im Zuge derer er die Sinnhaftigkeit der Wehrpflicht in Frage stellt. Eine Erzählweise, die augenscheinlich an jene von Apocalypse Now erinnert. Während im bekannten Anti-Kriegsfilm Captain Willard, den Flusslauf des Nung folgend, zunehmend die Absurdität des Krieges vor Augen geführt wird, mäandert hier der Protagonist durch die wenig sinnvollen Ausbildungsübungen des Präsenzdienstes.

Dass das österreichische Bundesheer dabei nicht gut wegkommt, versteht jeder, der den Wehrdienst selbst erlebt hat. Das zeigt sich beispielsweise in der sadistischen Darstellung der Ausbildner, auch wenn diese bei weitem keine Sergeant Hartmans abgeben, der Schilderung der Reservisten als faule und widerspenstige Soldaten oder des breiten Spektrums an unterschiedlichen Kameradencharakteren. Hervorheben möchte ich den vorlauten Draufgänger Rumpler, gekonnt gespielt von einem jungen Andreas Lust.

Murnberger blendet natürlich auch die Geschehnisse nach Dienstschluss nicht aus, der Film weist somit ein "Coming of age"-Element auf. So thematisieren Bergers Monologe auch die Beziehung zu seiner Freundin Veronika, die den Wehrmann partout nicht über küssen hinausgehen lässt und somit immer wieder frustriert zurücklässt. Man folgt den Wehrmännern daher auf Sauftouren durch diverse Lokale oder das Rotlichtmilieu, auf der Suche, den im Dienst aufgestauten Frust und Verdrossenheit in sexuelle Tätigkeiten zu kanalisieren.

Ich gelobe Bild 1
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Ich gelobe Bild 3
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FAZIT:

Autobiographisch gefärbtes Frühwerk von Wolfgang Murnberger, in dem der Regisseur von späteren österreichischen Erfolgsfilmen wie Komm süßer Tod oder Der Knochenmann seinen Wehrdienst Revue passieren lässt. Ein trotz mancher Länge in der Dramaturgie gelungener Film. Der meines Wissens einzige, der den Wehrdienst im Österreichischen Bundesheer ohne peinlich übertriebenem Klamauk oder übermäßiger Ernsthaftigkeit als das zeigt, was er ist. Acht Monate im Leben eines jungen Mannes, über deren Sinnhaftigkeit man sich ernsthaft Gedanken machen sollte, die einen unbewusst und ungewollt aber dennoch prägen.

WERTUNG: 7 von 10 neu definierte Dopplereffekte
Gastreview von Matthias
Dein Kommentar >>
Johannes | 15.05.2011 10:01
ein wirklich exzellenter film!
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Ralph | 08.05.2011 00:41
Ein Meisterwerk. 8/10 mindestens. Und ein ganz
großes Lob an Regisseur Murnberger, der mit diesem
Film bewiesen hat, dass man hierzulande künstlerisch
wertvolles Unterhaltungskino mit Tiefgang und
ausgefeiltem visuellen Konzept auf internationalem
Niveau machen kann. Das hat auch Wolf Haas so
gesehen und sich deshalb den Murnberger für seine
Brenner-Verfilmungen gewünscht.
Harald | 08.05.2011 10:32
fand ich auch extrem gut. Der hatte stellenweise gar etwas Fellineskes, ich denke da an die Party/Maskenballszenen.
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