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GOOD MOVIES FOR BAD PEOPLE
Shame

Shame

DRAMA: UK, 2011
Regie: Steve McQueen
Darsteller: Michael Fassbender, Carey Mulligan, James Badge Dale, Nicole Beharie

STORY:

Brandon (Michael Fassbender) ist ein erfolgreicher New Yorker Mitte dreißig. Er hat alles, was sich ein moderner Mensch nur wünschen kann: Einen guten Job, eine schöne Wohnung, er ist attraktiv und sollte so eigentlich glücklich und zufrieden sein. Doch er ist besessen von Sex, versucht damit eine innerliche Befriedigung zu erlangen, doch diese ist rein körperlich. Nach dem Sex fühlt sich Brandon genauso leer und zerrissen wie zuvor. Er hat sich allerdings damit arrangiert und einen Rhythmus geschaffen. Als seine impulsive Schwester Sissy (Carey Mulligan) plötzlich vor seiner Tür steht und bei ihm für ein paar Tage einziehen will, bringt das sein ganzes Leben völlig durcheinander. Seine Fassade, die er aufgebaut hat und die ihm am Leben hält, bröckelt. Sissy sucht Nähe und diese Nähe kann Brandon nicht aushalten.

KRITIK:

Als die Leinwand sich verdunkelt und der Abspann zu laufen beginnt sitze ich wie festgekettet im Kinosessel. Welch ein überwältigendes Schauspielerkino. Die Musik tut ihr übriges, dass ich es erst nach Ende des Abspannes schaffe mich taumelnd zu erheben. Beim Verlassen werde ich gefragt wie mir der Film gefallen hat und noch völlig benommen stammele ich irgendwas vor mich hin wie "...grossartig, ich mag es wie Steve McQueen seinen Schauspielern den Raum lässt zum agieren...". Mehr bringe ich gerade noch nicht heraus, so überwältigt bin ich noch von dem was ich da zu sehen bekam.

Die Filmmusik noch im Ohr verlasse ich das Kino und wandere auf Münchens Straßen Richtung Hauptbahnhof zur U-Bahn. Auf dem Weg blicke ich in so viele Gesichter und frage mich was sich wohl hinter ihnen verbirgt, welche Last diese Menschen zu tragen haben, welche Freude sie erfahren, was hinter der Fassade steckt. Als ich in der U-Bahn sitze, packt mich nochmal die volle Intensität des Films. Wie Brandon beobachte ich die Menschen, die mir gegenübersitzen und fühle mich allein unter so vielen Leuten.

Da fällt mir mein dahingestammelter Satz wieder ein und ich begreife, dass es tatsächlich das ist was mich so überwältigt hat an Shame. Das grossartige Schauspiel von Michael Fassbender (Inglourious Basterds, Hunger) und Carey Mulligan (Drive) und die Freiheit die Steve McQueen ihnen lässt zu agieren.

Beide, sowohl Brandon als auch seine Schwester Sissy, sind verlorene Seelen, die durch ihr Leben taumeln, in der Hoffnung so etwas wie Glück zu finden. Brandon und Sissy sind innerlich zerrissen und tragen die Last ihrer Vergangenheit mich sich herum (ich fühlte mich übrigens sehr an Enter the Void erinnert, auch wenn diese beiden Filme stilistisch nicht miteinander zu vergleichen sind). "We´re not bad people. We just come from a bad place" sagt Sissy zu Brandon. Jeder von uns hat eine Vergangenheit, die maßgeblich seine Zukunft beeinflusst. Unser Handeln, unsere Gefühle, unseren Alltag.

Die moderne Welt ist ein verlassener Ort. Uns wird vermeintliche Nähe vorgegaukelt. Doch Nähe bedeutet nicht nie allein zu sein. Nähe bedeutet nicht, dass ich diese erfahre, wenn ständig hunderte von Menschen um mich rum sind, wenn ich zu jeder Tages- und Nachtzeit mit meinen Freunden am anderen Ende der Welt chatten kann, wenn ich über Facebook mehr über die Menschen, die ich kenne, erfahre, als wenn ich mich mit ihnen unterhalte. Das ist keine Nähe, ein Mensch kann mir körperlich noch so nah sein und doch bin ich mit mir allein.

Brandon sucht körperliche Nähe, er ist besessen von Sex, er ist süchtig danach. Dabei spielt es für ihn auch keine Rolle ob er Sex mit Frauen, Männern, oder mit sich selbst hat. Es ist sein Ventil um mit dem Leben klar zu kommen. Dabei kommt er anderen Menschen körperlich so nahe und ist doch innerlich so allein. Seine Schwester Sissy kompensiert ihr Leid anders: Sie sucht sowohl die körperliche und geistige Nähe zu ihrem Bruder und ihren Mitmenschen und scheitert doch genauso.

Steve McQueen sagt über Shame: "In Hunger ging es um einen Mann ohne Freiheit, der seinen Körper als Werkzeug verwendete und mit diesem Akt Freiheit erlangte. Shame folgt einem Menschen, der all die Freiheiten des Lebens im Westen genießt und sich durch seine vermeintliche sexuelle Freiheit sein eigenes Gefängnis erschafft."

Warum fällt es uns so schwer mit allen Freiheiten der Welt, die wir im Moment haben, glücklich zu sein, wirklich frei zu sein? Ich selbst kenne das Gefühl, das einem zu viel Freiheit gibt und einen dadurch nur blockiert, weil es so schwer ist zu wählen welchen Weg man gehen soll, wenn so viele zur Verfügung stehen.

Genau wie in Hunger kommt Steve McQueen in Shame ohne viele Worte aus. Der Film ist sehr langsam und ruhig erzählt, mit langen Einstellungen, die durch die intensive schauspielerische Kraft der Hauptdarsteller getragen werden. Die Musik trägt den Zuschauer ebenfalls, ohne jemals rührselig zu werden.

Shame ist mit schonungsloser Offenheit inszeniert. Michael Fassbender und Carey Mulligan spielen ihre Rollen so intensiv, dass einem kaum Luft zum Atmen bleibt. Es gibt Filme über die ich so glücklich bin, dass es sie gibt, dass ich weinen könnte. Shame ist so ein Film. In jedem einzelnen Moment spüre ich die Verzweiflung der Protagonisten - und das ist der großartigen schauspielerischen Leistung der Hauptdarsteller zu verdanken.

Wenn Sissy in einer versnobten New Yorker Bar "New York, New York" singt bekomme ich eine Gänsehaut. Die Kamera ruht in Nahaufnahme auf Carey Mulligan, wie sie ihre ganz eigene Interpretation dieses Klassikers singt und ihm, im Kontext, damit eine völlig neue Bedeutung gibt. Zwischendurch sehen wir ihren Bruder, ebenfalls in der Nahen und ihm läuft eine Träne über die Wange. Diese Szene ist so intensiv und beinhaltet die ganze Thematik des Films. Die ganze Einsamkeit, Verlorenheit und Sehnsucht der Protagonisten.

Bei ausgerechnet einer der eindringlichsten Sexszenen des Films war ich zu Tränen gerührt. Brandon wird die Nähe, die seine Schwester zu ihm sucht, zu viel. Sie bringt seinen Rhythmus, sein Leben durcheinander. Er sehnt sich nach Nähe, kann diese aber nicht aushalten, weswegen er auch nicht zu einer aufrichtigen Beziehung fähig ist und warum er Sex mit Prostituierten hat. Sissy verzweifelt daran, dass sie Nähe sucht und diese von keinem bekommt. In dieser einen Szene verdichtet sich alles und auch wenn wir "nur" sehen wie Brandon mit zwei Prostituierten schläft ist doch das Gefühl, das vermittelt wird, ein ganz anderes. Die geballte Verzweiflung der Protagonisten kommt hier zum Ausdruck.

Fassbender sagt Shame ist in Film über das Hier und Jetzt und hält ihn für absolut relevant für die Zeit in der wir leben. Ich kann ihm da nur beipflichten. Selten habe ich die Einsamkeit, die wir im Moment verspüren, so eindringlich dargestellt gesehen. Shame schafft es dies wunderbar zu transportieren. Ich kann diese innere Zerrissenheit so gut nachfühlen. Durch die unzähligen Wahlmöglichkeiten, die ein moderner Mensch hat, entsteht ein innerlicher Konflikt sich zu entscheiden und zu filtern. Alles steht in Überfluss zur Verfügung, wir können uns Befriedigung auf vielfache Weise holen und fühlen uns trotzdem innerlich leer. Diese Scham, die wir dabei empfinden, wenn wir uns, wie die Protagonisten, auf einem Spielfeld bewegen, dessen Regeln wir noch nicht einmal verstehen, lässt uns verzweifeln.

Shame ist ein Film den man keinesfalls versäumen sollte, ein Film der auf der großen Leinwand gesehen werden muss, denn diese Intensität kann nur so erfahrbar werden. Ein absolut unglaubliches Kinoerlebnis und ein grandioser Start in das Kinojahr 2012.

Shame ab dem 1.3. 2012 in den deutschen Kinos, in Österreich ab 9.3.

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FAZIT:

Mit seinem zweiten Film nach Hunger schafft der Künstler Steve McQueen ein intensives Meisterwerk. Shame spiegelt die innere Zerrissenheit des modernen Menschen wider. All die Einsamkeit und die Suche nach wirklicher Nähe, die wir nicht durch die Freiheit eines modernen Lebens erlangen. Michael Fassbender und Carey Mulligan sind herausragend in ihren Rollen. Eine eindringliche Studie über einen modernen Menschen, der an der Welt verzweifelt. Schauspielerkino in seiner reinsten Form. Ein Film so überwältigend, dass man ihn auf keinen Fall versäumen sollte. Ein Film der einem im Gedächtnis bleibt.

WERTUNG: 9 von 10 One-Night-Stands
TEXT © Nicky
Dein Kommentar >>
davidkakavid | 31.05.2012 22:43
der großartigste film, den ich seit langem gesehen habe. wirklich fantastisch. er berührt und beeindruckt mich jetzt - nach wochen - immer noch, wenn ich daran denke!
>> antworten
Harald | 16.02.2012 09:00
getsren in der Sneak gesehen und masslos enttäuscht.
Die Idee ist ja nett, die Umsetzung jedoch katastrophal: Langeweile pur, anödende Rammelszenen, alles quälend in die LÄnge gezogen. Noch nie war ich nach einem Film so froh, dass es endlich vorbei war, und ich als Abspannhockenbleiber flüchtete erleichtert aus dem Kino.
Harald (von Filmtipps) | 16.02.2012 09:11
ist sich sicher, dass ihm der Film wesentlich besser gefallen wird als dem Namenskollegen.
Ralph | 23.02.2012 23:35
Der Harald geht long und short gleichzeitig. so ein Hedgefonds! ;-)
>> antworten
uiuiui | 29.01.2012 17:13
PS: Carey Mulligan nackisch. Nur leider doch nicht so geil.
>> antworten
Lena | 22.01.2012 01:41
Tolle Kritik, muss ich mir unbedingt ansehen!
>> antworten
Harald | 21.01.2012 14:27
Wow. Tolle Kritik. Ich finde ja, persönliche Empfindungen nach dem Kinobesuch niederzuschreiben immer noch als die Königsdisziplin der Filmkritik - und etwas, was "seriöse", "professionelle" - aka abgeklärte Kritiker ja nie tun. Weshalb sich die Filmkritik in Zeitungen/Feuilleton, aber auch auf bestimmten großen Websiten oft auch so sterbenslangweilig liest.

Nur dem Satz "Alles steht in Überfluss zur Verfügung, wir können uns Befriedigung auf vielfache Weise holen und fühlen uns trotzdem innerlich leer." muss der desillusionierte Houellebecq-Leser in mir allerdings widersprechen.

Ich für meinen bescheidenen Teil glaube, dass das Einzige, was die meisten Menschen im Überfluss haben, Sorgen, Probleme und Ängste sind. Sind wir uns ehrlich: Die Einsamkeit und innere Leere von schönen, gutsituierten, sexuell attraktiven & erfolgreichen jungen Menschen sind schon auch ein bissl ein glamouröses Luxusproblem.

Aber eines, von dem ich mich im Kino nie satt sehen kann. Bin schon extrem gespannt auf den Film.
nicky | 21.01.2012 16:13
Ein stückweit ist es sicher ein Luxusproblem. Ich denke allerdings, dass wir alle Befriedigung suchen in beispielsweise materiellen Dingen. Wir wollen immer mehr und mehr und glauben dadurch glücklich zu werden. Uns steht so viel zur Verfügung, das wir gar nicht brauchen und es gaukelt uns vor, dass wir es brauchen zum Glück. Ich denke wenn wir uns mal alle mehr darauf besinnen würden, wie wenig man eigentlich braucht um glücklich zu sein und wie viel wichtiger doch Zusammenhalt, Freundschaft und Ähnliches ist, dann würde tatsächlich was voran gehen.

Jetzt mag mir sicherlich der Ein oder Andere Naivität vorwerfen, da empfehle ich gleich ein gutes Buch: Richard David Precht ?Die Kunst, kein Egoist zu sein? ;)

Und danke für die Blumen! :)
--- | 14.03.2012 06:49
Ich glaube die wenigsten wissen was Einsamkeit ist. Die
Abkapselung von allen Menschen. Zuzusehen wie alles brummt
und arbeitet, sich bewegt, fließt und ineinander verschmilzt.
Der sehnliche Wunsch es allen gleichzutun und die eigene
Unfähigkeit diesbezüglich zu verdammen.
Aus dem Fenster sehen und zu wissen, dass es da draussen
nichts für einen zu tun gibt.
>> antworten

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