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The Woman

The Woman

HORROR: USA, 2011
Regie: Lucky McKee
Darsteller: Pollyanna McIntosh, Sean Bridgers, Angela Bettis, Lauren Ashley Carter

STORY:

Nach außen hin ist der Rechtsanwalt Chris Cleek der formvollendete Saubermann. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und ein einsam gelegenes Haus im Grünen. Und im Rübenkeller hält er sich eine wilde Frau, die er bei einem Jagdausflug in den Wäldern aufgestöbert und gefangen hat ...

KRITIK:

"From the twisted mind of Jack Ketchum" heißt es im US-Trailer. Was man durchaus als berechtigte Warnung auffassen kann. Denn der Name Jack Ketchum ist das Pseudonym des Schriftstellers Dallas Mayr und steht seit seinem berüchtigten Debütroman "Off Season" aus den ganz frühen 80ern für kompromißlosen, knallharten Horror, der seltener in den Gefilden des Übernatürlichen als viel mehr in der kranken, dreckigen Realität unserer modernen Gesellschaft angesiedelt ist.

Ketchum reißt gerne die Fassaden des amerikanischen Traums, der Vorstadt- und Familienidyllen nieder und legt die dunklen Abgründe dahinter frei. Die führen nicht selten ins Unmenschliche. In die Welten von Amokläufern, Serienmörder, Ehefrauenschläger und Kindesmißhandlerinnen. Aber dort begegnen uns auch immer wieder diejenigen, die schweigen, mitlaufen oder wegsehen.

Streng genommen bildet THE WOMAN zusammen mit den Romanen "Off Season" und "Offspring" eine Trilogie. Doch da im Film keinerlei Bezug auf die Vorgeschichte genommen wird, kann er auch ohne Abstriche für sich allein stehen. Somit ist THE WOMAN der perfekte Brückenschlag zwischen den urbanen THE HILLS HAVE EYES-mäßigen Kannibalenschlachtplatten, welche die Vorgänger noch servierten, hin zum schmerzhaft realistischen Horror der neueren Ketchum-Werke. Diesmal hat der Schriftsteller prominente Schützenhilfe bekommen. Sowohl der Film als auch der ihm zugrunde liegende Roman entstand in enger Zusammenarbeit mit dem jungen Genre-Enthusiasten Lucky McKee.

McKee zählt zu den jungen Wilden des amerikanischen Horrorfilms. Sein Debütfilm war der schräge, ironische, gemeinhin stark unterschätzte Slasher MAY, mit der grandios verrückten Angela Bettis in der Hauptrolle. Danach durfte er neben Carpenter, Landis, Argento, Miike und Gordon im Konzert der Großen und Etablierten des Genres mitspielen. SICK GIRL nannte sich sein Scherflein zur prestigeträchtigen ersten Staffel der MASTERS OF HORROR-Reihe. Ein weiterer seiner Filme ist der ebenfalls übersehene THE WOODS, aber hierzu an anderer Stelle mehr. Mit THE WOMAN hat McKee (mit Jack Ketchum an seiner Seite) nun die erste richtige Kontroverse in seiner Filmographie platziert.

Ein Rechtsanwalt und scheinbarer Bilderbuchfamilienvater entpuppt sich als frauenhassender Psychopath, der eine Spielfilmzeit lang seine verängstigte Gattin, seine jugendliche Tochter und eine aus den Wäldern stammende "Wolfsfrau" seelisch, körperlich und sexuell malträtiert. Nicht wenige Zuschauer reagierten darauf mit Entsetzen, Empörung und Wut; insbesondere beim Screening im Rahmen des Sundance-Festivals gab es einen Zuschauer, der nach THE WOMAN völlig ausgerastet ist und die Filmemacher wüst beschimpft hat.

Er geht zweifellos unter die Haut; der Leidensweg der drei Frauen in THE WOMAN. Die Tatsache, dass McKees Stammbesetzung Angela Bettis (die geprügelte Ehefrau), Laura Ashley Carter (die verängstigte Tochter) und vor allem die furiose Pollyanna McIntosh (die wilde Frau) ihre jeweiligen Rollen perfekt spielen, macht die Sache nur noch eindringlicher und unbequemer. Und da ist natürlich noch der bislang nur in amerikanischen TV-Serials in Erscheinung getretene Sean Bridgers, der seinen American Family Psycho derart aalglatt, zynisch und widerwärtig interpretiert, dass er sich meinem Votum fürs "Filmarschloch des Jahres" schon sicher sein darf. Wobei; in diesem inoffiziellen Contest hat er im vierzehnjährigen Zach Rand, seinem Filmsohn in THE WOMAN, ernsthaft Konkurrenz. Der Apfel fällt eben nicht weit vom Stamm...

Auch wenn in diesem Film Frauen, insbesondere die Titel gebende Pollyanna McIntosh in Ketten gelegt, mit dem Hochdruckreiniger abgespritzt, geschlagen oder sonstwie gequält werden; wer THE WOMAN Frauenfeindlichkeit unterstellt wie etwa unser empörter Sundance-Besucher, der hat die Geschichte ebensowenig verstanden wie derjenige, der ihn als "neuen geilen Torture Porn" abfeiert.

Keiner bei Trost würde in dem eindeutig bösartig und verachtenswert gezeichneten Chris Cleek oder gar seinem mißratenen Sohn eine Identifikationsfigur sehen; unser Mitgefühl und die Sympathien gehören eindeutig den Frauen. Und anders als in den berüchtigten, als besonders misogyn geltenden Werken wie etwa BLOODSUCKING FREAKS oder diversen Outputs aus dem Frauengefängnis-Genre verkommen die Folter- und Terrorsequenzen nie zum Selbstzweck.

Man setzt auf kurze, verstörende Sequenzen; auf subtilen, umso effektiveren Terror. Anfänglich schwingt da noch etwas grimmiger Sarkasmus mit, aber der verflüchtigt sich desto weiter dieser urbane, unerbittliche Familienalptraum voranschreitet. Spätestens beim Finale regiert dann das blanke Entsetzen. In der letzten Viertelstunde tun sich weitere immer schwärzere Abgründe auf. Gleich mehrere unglaublich fiese Twists prasseln auf den Zuschauer ein. Die Frau entledigt sich ihrer Ketten. Blutbad.

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FAZIT:

Im Vorfeld hat der in enger Zusammenarbeit zwischen dem berühmt-berüchtigten Jack Ketchum und dem jungen Genre-Wilden Lucky (THE WOODS) McKee entstandene THE WOMAN auf diversen Festivals für Empörung, Verstörung und Wutausbrüche gesorgt. Aber auch für Begeisterung. Denn einmal mehr lotet Ketchum auf recht drastische Weise die Abgründe unserer kalten, kranken Gesellschaft aus und nimmt diesmal die vermeintliche Familienidylle ins Visier. THE WOMAN ist dabei weder gewaltverherrlichendes, frauenfeindliches Machwerk noch stupider Torture Porn. Sondern einfach nur hochklassiger, knallharter und realistischer Horror, der auf die Magengrube zielt.

WERTUNG: 8 von 10 blutverschmierten Holzbrettern
TEXT © Christian Ade
Dein Kommentar >>
DavinFelth | 16.03.2012 14:30
Sehr kranker Film...leider täuschen die äußerst brutalen Szenen nicht über ein paar Längen in der Mitte des Filmes hinweg. Alles in allem solider Horror aber noch längst kein Überflieger! Naja zumindest weiß ich jetzt was "Anophthamlie" ist ;)
6/10 gut schmeckenden Fingern
DavinFelth | 16.03.2012 14:31
Anophthalmie...sorry ;)
>> antworten
Survivor | 02.03.2012 06:53
Gut oder schlecht? Keine Ahnung! Auf jeden Fall übelst Krank. Ich konnte den ganzen Film lang zu keinem Charakter eine Beziehung aufbauen. Es war mir immer vollkommen egal wer überlebt und wer draufgeht, oder wie der Film überhaupt enden soll. Man schaut sich den Streifen an und denkt sich, macht doch was ihr wollt. Ein paar perversitäten hier, ein paar Gedärme da. Horror? Na ja, alles ist relativ.
>> antworten
toxic | 16.01.2012 21:33
Ein Monster von einem Film. Trotz des Reviews hatte ich ja keine Ahnung, was da auf mich zukommt. Die Art des Horrors erwischt einem kalt und ich war sogar am Überlegen abzubrechen als die Lehrerin kommt. Und ich hab fast alles gesehen.
Das kann man als Warnung oder Empfehlung interpretieren. Ein anfangs langsamer, kraftvoller, nihilistischer und kranker Film. Der nachwirkt.
Auf McKee werd ich ein Auge werfen.
Sehr gute Filmkritik mit der ich übereinstimme.

Ein Monster von einem Film.
Chris | 17.01.2012 18:10
Thanx! Der Härtegrad ist allerdings eher typisch Ketchum als
typisch McKee. Aber McKee ist natürlich trotzdem sehenswert. Ein
junger Filmemacher mit Herzblut fürs Genre; einer von uns! PS:
Ebenfalls eine fiese, weil erschütternde Keule ist die Verfilmung von
Ketchums Roman "The Girl next door", Regie: Gregory Wilson.
Deutsche DVD heißt EVIL.
toxic | 17.01.2012 20:34
Danke, werd mich danach umsehen, kenn ich noch nicht. Aber zwischen solchen Filmen brauch ich erstmal was Leichtes. May hab ich schon gesehen und fand ich ganz interessant, Ketchum sagte mir vor diesem Film noch gar nix. Aber das ändert sich die nächsten Monate.
Meine 2Watch-Liste ist auch ne Art Horrorfilm, quantitativ und finanziell. A Neverending Story...
toxic | 17.04.2012 03:06
Hab "The Girl Next Door" gesehen. Schlägt in die selbe Kerbe. Aber sehr unangenehm. Auch als Film nich so toll. Ich glaub mit dem Thema bin ich durch.
Jetzt brauch ich wieder was Leichtes.
>> antworten
Marcel | 17.12.2011 22:09
Da bin ich aber mal ganz anderer Meinung. Dem guten McKee scheinen die Figuren ab der zweiten Hälfte vollends egal zu werden. Spätestens nach der ersten Hälfte hätten seine Charaktere entweder ihr Handeln hinterfragen oder wesentlich zwingender eingebunden werden müssen. Stattdessen überbieten sie sich gegenseitig mit einer kaum zu ertragenden Passivität und einer völligen, gegenseitigen Fehleinschätzung. Nach meiner Einschätzung verrät er damit auch den feministischen Anspruch, den er vermeintlich vertritt, sondern baut einfach nur einen größtmöglichen Propanz auf, den er dann brutal niederknüppelt - und ist dadurch leider eben nicht mehr viel mehr als ein zugegebenermaßen harter Backwood-Slasher. Selbst der anfangs gelungene Einsatz der Songs wird zunehmend belangloser, bis der Eindruck entsteht, hier solle McKees Lieblingsband Gelegenheit haben, ein neues Album komplett vorzustellen.

Das alles ist sehr schade, denn bis zu einem gewissen Zeitpunkt blieb immer noch die Möglichkeit, das Ruder herumzureißen. Das tut der Film auch, leider - oder eben in voller Absicht - in Richtung Abgrund.
Chris | 17.12.2011 22:48
Passivität. Dort in der gut besetzten U-Bahn, wenn mal wieder jemand
halb totgeschlagen wird. Hier in der Familie. Schwer zu ertragen. Da
gebe ich dir Recht.
toxic | 16.01.2012 21:38
Die Indiemusik fand ich auch nervig bis unpassend aber evtl verstärkt das den Sicknessfaktor.
Der Film hat aber definitiv einen feministischen Anspruch und verkommt auch zum Ende nicht zum Selbstzweck
>> antworten

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