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Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß

Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß

OT: 2 ou 3 choses que je sais d´elle
DRAMA/EXPERIMENTALFILM: Frankreich, 1967
Regie: Jean-Luc Godard
Darsteller: Joseph Gehrard, Marina Vlady, Anny Dupery, Roger Montsoret

STORY:

Wir sehen einen Tag im Leben von Juliette Jeanson (Marina Vlady), die in den 60ern in einem der damals neu erbauten Pariser Betonvorstädte wohnt. Sie gibt ihren Sohn bei einem Bekannten ab, der in seiner Wohnung nicht nur einen kleinen privaten Kinderhort betreibt, sondern auch einige Zimmer an Prostituierte vermietet. Dann fährt Juliette ins Stadtzentrum, wo sie einen Tag in der Woche ebenfalls als Prostituierte arbeitet, um sich neue schicke Kleider kaufen zu können. Zugleich ist dieser Aisflug in die Innenstadt auch eine Flucht aus ihrem eingeengten Leben in der unwirtlichen Retortenstadt. Sie besucht ein Café, geht zum Friseur und zum Shoppen und besucht ihren Mann Robert (Roger Montsoret) in der Autowerkstatt, in der er als Mechaniker arbeitet. Abends holt sie ihren Sohn ab, macht kurz Hausaufgaben mit ihm und geht gemeinsam mit ihrem Mann zu Bett.

KRITIK:

Mit dieser kurzen Inhaltsangabe zu Jean-Luc Godards aus dem Jahre 1967 stammenden Film ZWEI ODER DREI DINGE, DIE ICH VON IHR WEISS ist im Prinzip bereits alles gesagt, was hier inhaltlich in knapp eineinhalb Stunden abläuft. Doch zugleich ist damit noch gar nichts über einen Film gesagt, dessen genaue inhaltliche Analyse mehrere Buchbände füllen würde. Denn Godard interessiert sich keineswegs für die durchaus banale inhaltliche Ebene, sondern benützt die recht uninteressante Rahmenhandlung nur als leere Projektionsfläche auf der er ein schier unglaubliches Feuerwerk an Ideen abbrennt. Zugleich ist diese inhaltliche Leere jedoch auch das zentrale Thema dieses Hauptwerks aus Godards "soziologischer Periode".

Bereits im äußerst kurzen Vorspann verweist der Regisseur darauf, dass mit dem "ihr" im Titel dies Films nicht wirklich die Protagonistin Juliette gemeint ist, sondern "die Pariser Stadtregion". Eine der ersten Einstellungen des Films zeigt die Schauspielerin Marina Vlady, welche in der Rolle der Juliette Jeanson auf dem Balkon ihrer Wohnung steht, während Godard das gezeigte Geschehen aus dem Off heraus kommentiert ("Jetzt dreht sie ihren Kopf nach links, doch dies hat nichts zu bedeuten..."). Bereits an dieser Szene werden sich die Geister scheiden. Während die einen all dies als unerträglich langweilig und insbesondere auch als unerträglich prätentiös empfinden werden, erleben die anderen in diesen Momenten eine wahre Offenbarung.

Denn innerhalb von nur fünf bis zehn Minuten hat uns Godard eindeutig demonstriert, was der Film als Ausdrucksmittel tatsächlich alles zu zeigen und zu sagen vermag und dass wir bis dahin vielleicht noch nie einen Film gesehen hatten, der wirklich versucht hat das unglaubliche Potenzial dieses Mediums auch nur annähernd zu erschließen. Und spätestens nach einer halben Stunde ist auch klar, dass auch der andere Teil des Titels, die "ZWEI ODER DREI DINGE" nicht wirklich so gemeint sein kann, wie man dies zunächst vermutet hätte. Viel richtiger wäre der Titel "ALLES WAS ICH VON IHR WEISS", denn dieser Film wirkt in seiner Gesamtheit wie ein einziges Manifest zur Untermauerung von Godards Thesen "Man kann alles in einem Film unterbringen. Man muss alles in einem Film unterbringen." und "Zwischen Schreiben und Drehen gibt es nur einen quantitativen, nicht einen qualitativen Unterschied."

Die Grundidee zu ZWEI ODER DREI DINGE... war Godard gekommen, als er einen Zeitungsartikel las, in welchem offengelegt wurde, dass sich damals tatsächlich viele Pariser Hausfrauen prostituierten, um ihr Einkommen aufzubessern. Der Regisseur sagte hierzu: "Jeder, der heutzutage in Paris leben will, egal in welcher sozialen Schicht, muss sich in gewisser Weise prostituieren." Demzufolge ist dieser Film im Kern als eine Gesellschaftskritik zu verstehen. ZWEI ODER DREI DINGE zeigt am Beispiel des Lebens von Juliette und ihrer Familie wie sehr der allerorts grassierende Kapitalismus und die westliche Konsumgesellschaft im allgemeinen bereits damals das Leben der Menschen aushöhlte. Godard zeigt dies am Beispiel einzelner Menschen und am Beispiel des menschenunwürdigen Städtebaus unter de Gaulle (SIE, die Pariser Stadtregion). Von dort geht er zu einer politischen Kritik über (der wachsende amerikanische Einfluss in Frankreich) und gelangt am Ende wie so oft beim Vietnamkrieg an.

Doch wer glaubt ZWEI ODER DREI DINGE.. sei einzig das politisches Manifest eines typischen linken Pariser Intellektuellen, der hat noch immer erst einen Bruchteil dieses Films erfasst. Godard interessiert sich hier ebenfalls für das Geschehen aus psychologischer und aus soziologischer Sicht. Er fragt, wie die allerorts angebrachten Werbetexte die Bilder der Wirklichkeit überlagern und geht von dort aus zu einer allgemeinen Wahrnehmungspsychologie über. Godard untersucht das Verhältnis von Bild und Sprache. Er zeigt auf, dass Worte niemals vollständig beschreiben können, was ein bildhafter Eindruck, also auch die erlebte Wirklichkeit, in seiner Gesamtheit vermittelt. Godard fragt sich auch, weshalb bestimmte Gegenstände mit bestimmten Begriffen bezeichnet werden und ob sie nicht auch anders heißen könnten. Von dort aus beginnt er über das Verhältnis von Wirklichkeitserfahrung und Sprache zu philosophieren und legt seiner Protagonistin sogar Worte von Ludwig Wittgenstein in den Mund ("Die Grenzen der Sprache sind die Grenzen der Welt - meiner Sprache, meiner Welt.").

Godards Prinzip bestimmte Filmfiguren als Sprachrohr für seine eigenen (oder zumindest von ihm geklaute) Weisheiten zu verwenden, wird in ZWEI ODER DREI DINGE... auf die Spitze getrieben. Hier ist es nicht nur der völlig unvermittelt und zusammenhanglos auftauchende Intellektuelle in einem Café, der stellvertretend für den Regisseur einige wichtige Statements macht. Hier ist im Prinzip jede einzelne Figur nur ein Stellvertreter für Godard. Die Protagonisten in diesem Film spielen Protagonisten in einem Film die sich auch gerne einmal direkt an die Zuschauer wenden, um diesen einen Schwank aus ihrem Leben zu erzählen oder um eben inhaltsschwere Einsichten von sich zu geben, welche man von den entsprechenden Filmfiguren nicht unbedingt erwarten würde. Zusätzlich wird fast die gesamte Handlung noch von Godard im Flüsterton kommentiert und die Handlung wird immer wieder durch plötzlich eingeblendete Fotos, Grafiken und Schriftzüge unterbrochen, welche einzelne Gedanken illustrieren, welche dem Regisseur in diesem Moment gerade durch den Kopf gehen. Godard sagt hierzu "Ich schaue mir zu beim Filmen, und man hört mich denken."

Mit einem gewöhnlichen narrativen Film hat ZWEI ODER DREI DINGE... also ähnlich wenig zu tun, wie Luis Buñuels EIN ANDALUSISCHER HUND. Doch während Buñuel daran gelegen war, die Einschränkungen einer schlüssigen Narration aufzubrechen, um das Unbekannte, das Unbewusste und das Geheimnisvolle sichtbar werden zu lassen, verlässt Godard die konventionellen Strukturen, um den Film zu einer Abhandlung, zu einem Lehrstück und zu einem Manifest werden zu lassen.

Doch bei aller Inhaltsschwere und bei aller inhaltlichen Tristesse gelingt ihm hierbei das Kunststück, dass ZWEI ODER DREI DINGE eben nicht zu einem eiskalten, prätentiösen und besserwisserischen Machwerk verkommt, wie es gerade unter den sogenannten Europäischen Autorenfilmern auch heute nicht unüblich ist. Denn auch wenn Godard tatsächlich eine halbe Bibliothek an Inhalten in diesen verhältnismäßig kurzen Film gepackt hat, so werden all diese oftmals tatsächlich sehr tiefsinnigen Gedanken zumeist in locker assoziierter Form dargeboten. Und auch wenn die Schauspieler hier mehr als Projektionsfläche für den Regisseur, als als tatsächliche Darsteller fungieren, zeigt Godard doch zugleich eine eindeutige Sympathie für diese einsamen Figuren, wodurch wiederum so etwas wie menschliche Wärme inmitten einer unmenschlichen Welt vermittelt wird.

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FAZIT:

Laut Wikipedia bezeichnet der Filmkritiker J. Hoberman Godards ZWEI ODER DREI DINGE, DIE ICH VON IHR WEISS als einen der zehn besten Filme des 20. Jahrhunderts. Und auch, wenn ich noch lange nicht alle Filme des 20. Jahrhunderts gesehen habe und dies wohl auch nicht mehr schaffen werde, stehen aus meiner Sicht die Chancen äußerst gut, dass Herr Hoberman tatsächlich Recht hat. Dies ist ein Film der nicht nur das Herz jedes klassischen Intellektuellen höher schlagen lassen wird. Auch ausgesprochenen Lesemuffeln kommt dieses Meisterwerk sehr entgegen, da sie nach dessen Sichtung z.B. fehlerfrei Wittgenstein zitieren können, ohne tatsächlich jemals etwas von diesem oder gefühlten 100 weiteren in diesem Film verarbeiteten Denkern gelesen zu haben.

WERTUNG: 10 von 10 Dinge die Godard von ihr weiß
TEXT © Gregor Torinus
Dein Kommentar >>
Marcel | 21.06.2012 12:14
Es besteht gute Hoffnung, diesen Film in absehbarer Zeit mal im Filmclub in Köln sehen zu können. Ab und an laufen da die Godards der 60er Jahre. Auf diesen wäre ich sehr neugierig.
Gregor | 21.06.2012 13:45
Klingt super. Den würde ich auch gerne einmal im Kino sehen. Auf DVD habe ich den inzwischen schon ca. fünfmal angesehen. Ist immer wieder genial und es gibt auch immer wieder neue Dinge zu entdecken bzw. man kann sich immer wieder auf neue Dinge konzentrieren, da die allgemeine Informationsdichte fast zu hoch ist, um mit einer Sichtung wirklich alles mitnehmen zu können.
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