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Special: Dracula

DRACULA IN SHOCKING COLOR oder: Christopher Lee und der englische Charme eines transsylvanischen Grafen

Teil 2 des Dracula-Specials auf FILMTIPPS.at

All you need is Love

Wie der Graf als Leiche vom zugefrorenen Burggraben in einen zugefrorenen Bergfluss gekommen ist, weiß er vermutlich nur selbst. DRACULAS RÜCKKEHR erfolgt jedoch in eine Welt, die nicht mehr die alte ist; Flower Power, Studentenrevolte und freie Liebe haben die Welt aus den Angeln gehoben und ewig gültige Regeln ihre Bedeutung verloren. Das bleibt auch bei Dracula anno 1968 nicht ohne Folgen: Ein Priester wird Draculas treuer Gehilfe! Sein Gegner ist kein erfahrener Professor, sondern Student - und Atheist! Dracula holt sich sogar selbst den Pflock aus dem Leib! Was für Tabubrüche. Die Geschichte dagegen ist eine verkappte Romeo & Julia Variante, die zwar irgendwie zur Love & Peace Generation passt, aber nach einem sehr starken Beginn mittendrin komplett zur Hängepartie wird und erst zum Finale wieder zur alten Form zurückfindet.

Dracula

Was DRACULAS RÜCKKEHR von den anderen Filmen aber abhebt ist seine Fotografie. Der vorzügliche Kameramann Freddie Francis führte selbst Regie, und nach dem zeitgemäß psychedelischen Titelvorspann setzt er deutliche Farbakzente, insbesondere durch einen exzessiven Gebrauch von Farbfiltern. Auch optische Einfälle geben sich die Hand: die erste Leiche hängt im Nachtgewand in der Kirchenglocke - süßer die Glocken nie klingen. Die Dächer der Kleinstadt haben eine grandios gotische Atmosphäre - und überdeutliche Phallussymbole.

Selbst die Kombination von Außen- und Innenaufnahmen gelingt so gut wie nie zuvor oder danach. Endlich einmal ergeben die Außenaufnahmen im bewährten Park mit den Studiobauten ein harmonisches Ganzes. Und wenngleich natürlich Berge vor den Toren Londons immer noch Mangelware sind, wusste Hammer jedoch, damit durchaus humorvoll umzugehen. Das Drehbuch verlegte die Handlung nach Keinenberg. Ein paar Zwischeninserts allerdings, die Keinenberg wieder bergumrahmt von weiten zeigen, stammen aus dem Archiv - und ich tippe mal darauf, dass sich Innsbruck dort verewigt hat.

Dracula im falschen Film

Dracula

Dass Christopher Lee eines Tages ein Fremdkörper in seinen eigenem Film sein würde, hätte er sich vermutlich auch nicht vorstellen können. WIE SCHMECKT DAS BLUT VON DRACULA war zunächst ohne Lee geplant und wurde auch woanders gedreht (in einem Park nördlich von London anstatt wie üblich westlich). Als man Lee dann doch noch verpflichten konnte (oder musste), schrieb man die Handlung mit heißer Nadel um. Wie wenig der Film ursprünglich mit der Reihe zu tun hatte, zeigt der Ort der Handlung, vermutlich London, auf jeden Fall weit weg von Karpaten.

Drei ehrbare, puritanisch strenge Familienväter lassen einmal im Monat die Sau raus und vergnügen sich in einem Bordell, als ihnen eines Tages ein Lord ein noch verlockenderes Angebot macht: eine satanische Messe zu Ehren Draculas. Bei der Messe bekommen die Väter es dann doch mit der Angst zu tun und töten den Lord. Doch zu spät, Dracula ist bereits erwacht und - äh ja - rächt sich. Woran, wofür, weiß eigentlich niemand so richtig.

Sinniger wäre gewesen, wenn sich - wie zunächst geplant - der satanische Lord als eine Art Guru gerächt hätte. Insbesondere dann hätte auch die nette Nuance, dass die eigenen Kinder ihre Väter umbringen, ein Kommentar zur einer Zeit sein können, für die Charles Manson Sinnbild ist. So ist der Film in der ersten Hälfte deutlich stärker als nach Draculas hineingemogelten Auftritt, vor allem die Bigotterie wird in aller Deutlichkeit aufgedeckt, dass es eine Freude ist. Die Szenen im Bordell haben ihren Reiz (was sie ja auch sollen), und waren im Kino damals gekürzt. Dennoch bleibt das eine Hammer-Produktion, kein Independentkino, das heißt, wir bewegen uns vornehmlich zwischen schönen Studiobauten, und ein inszenatorisch eher gepflegtes Niveau bleibt auch in diesem englischen Ableger der Karpatenreihe erhalten.

Dracula Gorehound

Dracula

1970 lief die Dracula-Produktion auf Hochtouren. DRACULA - NÄCHTE DES ENTSETZEN erschien noch im gleichen Jahr seines Vorgängers. Nun hatten sich die Zeiten aber inzwischen deutlich geändert, ein paar Fangzähne lockten den Hund nun nicht mehr vom Kamin ins Kino. Das Publikum war härteren Tobak gewöhnt, und um mithalten zu können, ließ Hammer den Hammer kreisen: Dracula foltert mit glühenden Schwertern, peitscht, erdolcht und verbrennt am Ende, während seine Haut schwarz anläuft, ja es gibt gar eine Szene, in der ein Opfer zerstückelt und in ein Säurebad geworfen wird, neun Jahre vor Joe d'Amatos legendärer Badewannenszene aus SADO.

Entgegen seinem Ruf haben die NÄCHTE DES ENTSETZENS aber eine ganze Reihe von gelungenen Szenen, die noch den alten Geist der Hammerfilme atmen. Ab und an gelingt der Kamera eine richtig schöne Einstellung - etwa durch einen Kerzenständer - und der Blick vom Fenster des Schloss in den Abgrund lässt Schwindelgefühle aufkommen, auch wenn er nur gemalt ist.

Auf der anderen Seite merkt man hier aber auch mehr als in anderen Produktionen das selbst für Hammer deutlich beschränkte Budget. NÄCHTE DES ENTSETZENS war sicher keine filmische Großtat, sondern ziemlich hastig runtergekurbelt: Anschlüsse zwischen Schloss (auf einer Felssteilwand) und Weg dorthin (durch ein beschauliches Wäldchen im Flachland, guess where) passen diesmal gar nicht, erst recht nicht die zu hellen amerikanischen Nächte. Von dem unfreiwilligen Dauergag mit der Plüschfledermaus, die zu viele Filmminuten für Trashappeal sorgt, ganz zu schweigen. Christopher Lee schimpfte wie ein Rohrspatz auf den Film, er floppte an der Kasse und zwang Hammer zum Umdenken.

Dracula und seine Droogs

Dracula

Seit Ende der 50er Jahre trat der Horrorfilm langsam aus den Schatten der Vergangenheit in die aktuelle Gegenwart hinaus. Blutsauger mit Fangzähnen waren 1972 überholt, und was vor 10 Jahren vielleicht noch gewagt war, ist nun Schnee von gestern. Was lag also näher, Dracula ins hippe London der Gegenwart zu transportieren, um damit ein neues, junges Publikum anzusprechen. Hammer war mit dem Gedanken nicht alleine. Jean Rollin (Shiver of the Vampire) und Jess Franco (Vampyros Lesbos) zeigten schon mit ihren lesbischen Vampiren, dass Blutsauger durchaus aktuell sein können.

Um den alten Zuschauerstamm nicht vor vollendete Tatsachen zu stellen, fängt DRACULA JAGT MINIMÄDCHEN allerdings noch im 19. Jahrhundert an, zudem vereint er erstmals seit dem Beginn der Reihe vor 14 Jahren wieder Peter Cushing und Christopher Lee als Todfeinde. Dracula wird besiegt, van Helsing verliert allerdings auch sein Leben. 100 Jahre später feiert man in London zu Beatmusik drogengeschwängerte Partys, und die MINIMÄDCHEN orientieren sich entsprechend am Stil hieran. Psychedelische Farben, kultige 70er Mode, schnelle Schnitte, funky Soundtrack.

Und dazu ein Anführer einer Gang namens Alucard (aha), der deutliche Ähnlichkeit zu Malcom McDowells aus dem gerade aktuellen UHRWERK ORANGE hat und es anscheinend darauf anlegt, noch böser zu werden als Alex und seine Droogs. Dazu belebt er Dracula in einer satanischen Messe wieder. Richtig zwingend ist das nicht, Alucard selbst ist eigentlich schon dämonisch genug, zudem hat dieses Konstrukt auch schon in WIE SCHMECKT DAS BLUT VON DRACULA nicht wirklich funktioniert.

Dracula

Der wiederbelebte Dracula trifft anno 1972 auf den Nachkommen van Helsings, und das bleibt leider auch seine einzige Verbindung zur Neuzeit. Dracula und das London der 70er Jahre finden nie zusammen, die hübschen Mädchen - etwa die knackige Caroline Munro - müssen vielmehr zu ihm geführt werden. Welch vertane Chance! Was für ein Fest hätte das werden können, wenn er einen Beatclub so richtig aufgemischt und Mädchen in Federboas und Miniröcken nachgestellt hätte, getreu der Tagline: The Count is back, with an eye for London's hotpants ... and a taste for everything!

Ein kultiger Retrospaß ist das heute dennoch, denn die 70er sind heute ebenso Vergangenheit wie das 19. Jahrhundert, und es ist amüsant anzusehen, wie man zwei Zielgruppen in einen Film locken wollte. Gerade dadurch, dass die Szenen mit Dracula immer noch den Geist der 50er Jahre atmen, hat er etwas total anachronistisches, was den Kontrast zu der poppigen 70er-Atmosphäre umso deutlicher werden lässt.

Am Ende ist Dracula mal wieder besiegt. Für immer? Nein, denn nur ein Jahr später kam er wieder. Past, present or future, never count out The Count!

ZAHLEN, DATEN, MEINUNGEN:
Draculas Rückkehr (Dracula has risen from the Grave), GB 1968. Regie: Freddie Francis.
Darsteller: Christopher Lee, Veronica Carlson, Rupert Davies
WERTUNG: 6 von 10 Glockenleichen

Wie schmeckt das Blut von Dracula (Taste the Blood of Dracula), GB 1970. Regie: Peter Sadsy. Darsteller: Christopher Lee, Geoffrey Keen, Linda Haydeen
WERTUNG: 5 von 10 geheimen Orgien

Dracula - Nächte des Entsetzens (Scars of Dracula), GB 1970, Regie: Roy Ward Baker.
Darsteller: Christopher Lee, Patrick Throughton, Jenny Hanley
WERTUNG: 6 von 10 Blitzableitern

Dracula jagt Minimädchen (Dracula A.D. 1972), GB 1972, Regie: Alan Gibson.
Darsteller: Christopher Lee, Peter Cushing, Stephanie Beacham, Christopher Neame
WERTUNG: 7 von 10 psychedelischen Partys
TEXT © Marcel


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