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GOOD MOVIES FOR BAD PEOPLE
127 Hours

127 Hours

DRAMA: USA, 2010
Regie: Danny Boyle
Darsteller: James Franco, Lizzy Caplan, Amber Tamblyn

STORY:

Dem Extremsportler Aron Ralston passiert ein Missgeschick; auf einem Trip durch den Grand Canyon rutscht er in eine Felsspalte und bleibt dort stecken. Natürlich weiß niemand wo er steckt, ein Mobiltelefon ist auch nicht in Reichweite und alle Versuche sich aus dem steinernen Gefängnis zu befreien scheitern. Die Lage ist aussichtslos und Aron bleibt bald nichts mehr übrig, als sich mit seinem Schicksal abzufinden.

KRITIK:

Ich mag Danny Boyle. Beziehungsweise seine Filme. Angefangen natürlich bei seinem grandiosen TRAINSPOTTING, über den beklemmenden 28 DAYS LATER bis hin zu seinem oft unterschätzen LIFE LESS ORDINARY, ja selbst das over-the-top Drama SLUMDOG MILLIONAIRE oder den etwas zu wirren THE BEACH, selbst die finde ich gut. Boyle schafft es außerordentliche Geschichten außerordentlich zu erzählen, nicht virtuos aber in einer Ästhetik, die mich anspricht. Sie ist schnell, sie ist oft mehrdeutig und erinnert nicht selten an Musikvideos.

Boyles Filme waren auch immer schon ein bisschen wahnsinnig; stets im Rahmen des Akzeptablen, nichts Außerordentliches, kein Noé oder Kubrick, aber trotzdem nicht ganz bodenständig. Und bevor 127 HOURS noch richtig beginnt, bestätigt Boyle bereits das, was man von ihm erwartet. Und hinterlässt dabei einen bitteren Nachgeschmack.

Menschenmassen im Splitscreen, ein treibender Beat als Soundtrack, der mediale Alltag aus dem Aron Ralston (gespielt von James Franco) entflieht, nur um sich ein Wochenende durch die Wüste Arizonas durch Stock und Stein, auf dem Rad und per pedes zu jagen. Doch statt Naturverbundenheit und Flucht erleben wir popmusikuntermalte Szenenwechseln im Stakkatotakt. Keine Pause aus der trostlosen Stresswelt, kein INTO THE WILD sondern wilde Kamerafahrten, Sprünge in dunkle Steine und türkisgrelle Höhlenteiche, Shots mit dem Camcorder die stylisch weggefegt werden, bedeutungslose Momentaufnahmen.

Schnell bekommt man das Gefühl, dass hier das Motto "Style over Substance" galt und das ist an sich ja nichts Verwerfliches, sofern sich der "Style" nicht versucht dadurch den die Substanz zu ersetzen. Oder ein Drehbuch. Oder ein gutes Schauspiel. Und genau dies passiert zu Beginn von 127 HOURS; der Film rennt von Anfang an sehr ungezähmt los, reiht Bild an Bild, die dadurch jedoch an Wichtigkeit und Potenz einbüßen.

Doch. Ein Schritt. Dann Schlittern. Und Stille. Eine Zahl steht fest und sie verlautbart nichts Gutes; die nächsten 127 Stunden werden die Hölle. Und hier kriegt sich der Film plötzlich auch ein. Plötzlich kriecht die Substanz aus den Felsspalten und es wird klar, womit sich die nächste Stunde beschäftigen wird.

Kennen Sie Aron Ralston? Ja? Gut, dann wissen Sie ja wie der Film ausgeht. An alle anderen, nicht googeln, nicht spoilern, denn so macht es immer gleich mehr Spaß. Die auf wahren Begebenheiten basierende Story bietet zwar keinerlei großen Twists, dennoch will man sich das Kammerspiel, die One-Man-Show Francos nicht durch unnötiges Vorwissen vermiesen.

127 HOURS ist nämlich ein überaus gelungenes Werk, natürlich wieder ein Spiel mit der Ästhetik, kein visuelles Wunder, aber doch bemerkenswert. Boyle benutzt für die Darstellung des Wahnsinns in der Felsspalte zwar keine überaus neuen Mittel, aber trifft durch den richtigen Einsatz Altbewährtem oft ins Schwarze. Und bald erklärt sich auch der zu Beginn überstrapazierte Werbefilmstyle, zwar nicht aus dem Drehbuch selbst heraus, jedoch immerhin aus der Konsequenz die Boyle mitbringt um seinen Film zu inszenieren.

Ebenso könnte man meinen, Boyle würde damit nicht sich, sondern einem verwöhnten Publikum, einer Masse, die über die Konzentrationsspanne einer Hauskatze mit ADHS verfügt, einen Gefallen tun. Trotz beklemmender Szenerie ist das Setting selbst weniger beklemmend; wer einen klaustrophobischen Thriller will, sollte sich noch einmal BURIED ansehen; obgleich Danny Boyles Film weniger aktionistisch daherkommt, passiert in 127 HOURS einfach "mehr". Das mag, wie gesagt, für viele sogar störend wirken, vielleicht sogar prätentiös, einfallslos oder manieristisch, passt aber zu dem Film und wurde bewusst so gewählt.

Hier sind auch keine Zugeständnisse an werbeclipverwöhnte Herdentiere gemacht worden und ebenso wenig will der Film durch seinen Inszenierungsüberfluss kritische Seitenhiebe auf eine übermedialisierte, kommunikationsgestörte Welt herbei beschwören, nein, 127 HOURS zeigt im Endeffekt eine sehr subjektive Wahrnehmung seines Hauptprotagonisten. Wer oder wie auch immer Aron Ralston war, und vielleicht war es für den Extremsportler auch die Flucht aus dem Alltag, vielleicht war es die Suche nach Ruhe, der Charakter Aron Ralston aus Boyles Film ist ein typischer, aus unserer Gesellschaft entsprungener junger Mann, der in den eventuellen letzten Stunden seines Lebens nicht zum Weisheiten umher werfenden Propheten erhebt sondern sich in seinen stillen und durstigen Momenten eine Limonade, ein Bier oder die Gesellschaft von Comicfiguren wünscht. Das sieht nach Werbung aus, ist es auch - und ich stehe immer wieder gerne in der ersten Reihe, schreie "product placement!" und schmeiße den Produzenten ihre omnipräsenten Appleprodukte zurück - doch diese Werbung ist diesmal nicht dem Selbstzweck des Werben gewidmet, sondern ist die Erfahrung und Interpretation eben dieses gefangenen Mannes, wenn es um seine Vorstellung von Genuss geht. Das kann man deuten wie man will, kann es von mir aus auch lächerlich finden und das ist es auch irgendwie, doch es ist nicht unnötig.

Neben diesem leichten Werberausch und einer soliden Performance von James Franco (seit der Serie FREAKS & GEEKS sowieso immer schon ein sympathisch-guter Akteur) erreicht der Film in seinem letzten Drittel auch eine sehr bedrückende und überraschende Intensität. Ohne zu spoilern; es gibt viele Arten und Möglichkeiten Schmerz im Film zu inszenieren, seien es die schwindelerregende Drehungen aus IRRÉVERSIBLE, die plakativen Blut- und Eiterergüsse aus SAW, die distanzierten Beobachtungen aus FUNNY GAMES, sie alle zeigen und lösen Leid aus. Boyle übersteigt trotz, oder nein, eigentlich genau wegen seines eigenen Stils eine ungeahnte Grenze, das Kratzen auf der Tafel sozusagen, auditiver und visueller Schmerz den ich nicht umsonst mit den oben genannt Horrorvisionen in Verbindung bringe.

Letzten Endes ist auch etwas Schreckliches an diesem sonst sehr befreiendem und schönem (ja, wirklich) Film. Zwar zeigt 127 HOURS diesen Schrecken immer mit Distanz, wagt es vielleicht nicht dem Zuschauer den ganzen Druck der Steinplatten aufzuerlegen und deswegen verabschiedet sich die Kamera auch oft in schwindelnde Höhen, oder erzählt Geschichten von fliegenden Adlern und das Warten auf das Unausweichliche wird mit platten Flashbacks aufgelockert, aber es gelingt ihm nichts desto trotz eine sich schwer zu entziehende Intensität aufzubauen. Eine spürbare Intensität, die den Mit-Erleber zum Erlebenden macht. Und für eine solche Inszenierung gebührt Boyle durchaus Respekt.

Dennoch bleibt 127 HOURS immer im Rahmen der Erwartungen und trotz guter Einfälle und grandioser, schmerzhafter Spannung erhebt sich der Film nicht über seine sich selbst zu erkorene Rolle als Ästhetikschausplatz. Als dann der Abspann zu einem Dido-Lied läuft (ein merkwürdiger Kontrast zu einem sonst recht hörbaren Soundtrack, unter anderem mit einem grandiosen Finale hinterlegt mit Sigur Ros' großartigem Lied FESTIVAL) und man sich über ein zufriedenstellendes Ende freut (trotz Dido), bleibt der schale Nachgeschmack der obengenannten Substanzlosigkeit. Und dass Boyle hier seinen eigenen Film THE BEACH den Schluss geklaut hat. Und dass es auch nicht wirklich nötig gewesen wäre, Bilder des "echten" Aron Ralston zu zeigen, wozu auch, ein Film bleibt trotz seines authentischen Inhalts stets ein fiktives Werk, das gilt ebenso für die noch so lebensnahe Dokumentation, die Boyle durch manche Bilder zwar nachahmt, aber wohl selbst nie im Leben auf die Idee kommen würde, seinen Film als solche zu deklarieren. Und wer ein bisschen mehr Doku und ein bisschen weniger Boyle sehen will, sollte auf die (sehr empfehlenswerte) britische Semi-Doku TOUCHING THE VOID zurückgreifen.

Nun, die Message ist klar, interpretiert kann (und wird) durch die sehr durchschaubaren Metaphern hier auch nicht mehr viel und so erscheint 127 HOURS trotz aller Hitze, trotz des ganzen Schweiß und Bluts gegen Ende hin leider sehr konventionell. Zwar nicht typisch, aber wie gesagt, im Rahmen des Ertragbaren und Gewohnten, was dann auch mit einer Oscar-Nominierung belohnt wird. Ja, so schadet man zukünftigen Filmen, die sich dann doch nicht "mehr" trauen.

127 Hours Bild 1
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127 Hours Bild 8
FAZIT:

Gut gespielt und gut inszeniert. Überästhetik hin oder her, Werbe- und Musikclipfeeling für die Katz, Danny Boyle zeigt hier ein weiteres visuell ansprechendes Werk, welches sich zwar manchmal in Sinnlosigkeiten und Strapazen verirrt, aber dennoch seine Geschichte gut erzählt. Durch das Beharren auf die Authentizität des Backgrounds wird noch etwas Irrelevanz hinzugefügt, die aber den intensiven Genuss dieses Filmes nicht weiter stören sollte.

PS: Trotz aller Gerüchte und der wiederholten Bestätigung in diesem Film - den eigenen Urin sollte man in solchen Situationen trotzdem nicht trinken, sofern man seine Überlebenschancen nicht zusätzlich mindern will. ;)

WERTUNG: 7 von 10 Stürzen ins Leere
Dein Kommentar >>
toxic | 27.02.2011 21:39
Also ich fand den Film, als er zu Ende war auch gut.
Währenddessen fand ich ihn auch zum Teil sehr leer und überstylt. Ich musste dauerd an "Sturz ins Leere" denken und wie gefesselt und gefangen ich damals aus dem Kino kam. Hier ist es halt "nur" Unterhaltung. Aber mit der Konsequenz mit der uns der Showdown präsentiert wird (einige ältere Zuschauer verließen den Saal), hat er mich dann doch überzeugt und ich musste grinsend denken: Cool, dass Boyle den Mainstreamzuschauer so verarscht/fordert.
Nichts desto trotz hat der Film keine Halbwertszeit und scheitert daran, dass ich zuvor "Sturz ins Leere" gesehen habe.
7 von 10 besseren Boyles
Federico | 09.03.2011 03:08
Jaja, Sturz ins Leeere war super, auf den hab' ich eh hingewießen. Vor allem waren in dem Film die Darstellungen der Isolation bei weitem gelungener (mir läuft immer noch ein Schauer über den Rücken wenn ich Boney M höre - der unheimliche Schauer, nicht der Vereehrungs-Schauer ;)). Distanziert betrachtet, finde ich 127 Hours im Nachhinein auch nicht mehr so gut (wie besagt, die Halbwertszeit), meine Kritik und Wertung aber immer noch gerechtgertigt (hehe) aber definitiv (neben BEACH) der schlechteste Boyle (damit ich dir am Ende noch ein Bisschen widersprechen kann, unser Filmgeschmack deckt sich ja sonst so oft - ist mir aufgefallen^^).
>> antworten
Johannes | 08.02.2011 12:49
Ey, kein Dido-Bashing bitte. ;)
Federico | 08.02.2011 23:58
Ich... werd'S versuchen. :)
>> antworten
Ralph | 07.02.2011 23:16
Tolle Kritik!!!

Aber Danny Boyle ist mein zweiter Fincher. Objektiv gesehen weit überdurchschnittlicher Regisseur, der es aber trotzdem in den seltensten Fällen schafft mich zu überzeugen, weil meine Erwartungen einfach auch höher sind als bei zB Micheal Bay.

Auf 127 Hours bin ich dennoch sehr neugierig....
Marcel | 08.02.2011 09:43
"Objektiv gesehen" finde ich das genau nicht. An keinem seiner Filme ist meiner Meinung nach wirklich etwas Besonderes, führt man die Filme auf ihren Kern zurück, zeigt sich die dünne Substanz. Federico sagt das ja - vielleicht unfreiwillig - mit einem seiner Sätze selbst. Boyle verkauft das aber ziemlich gut, er gibt dem Zuschauer das Gefühl, etwas Besonderes zu sehen. Wenn das nun einen Regisseur auszeichnet, habe ich ein anderes Verständnis von einer guten Regie.
Federico | 09.02.2011 00:08
Ach, so würd' ich das nun auch nicht sagen, es kommt bei Boyle eben auf den Film an: TRAINSPOTTING, 28 DAYS LATER und sogar SLUMDOG MILLIONAIRE hatten, selbst im Kern, relativ viel "Substanz". Natürlich auf unterschieldiche Art und Weise und ich unterstelle Boyles Werken jetzt nicht umbedingt eine dünne Story oder eiin schlechtes Drehbuch, das haben sie in meinen Augen alle (obwohl sich viele gegen Ende hin etwas verlieren - eigentlich fast alle), sondern finde, dass Boyle sein Stil einfach ZU wichtig ist. Und außerdem ist diese Inszenierungswut Boyles für seine Filme ja nur förderlich und in den meißten Fällen auch passend - und um Sinne des Films - umgesetzt. Also kein MTV-Style zum Selbstzweck. SUNSHINE (den ich leider bei meiner Aufzählung komplett vergessen habe, was soll's, trotzdem einer meiner Lieblinge) wäre in meinen Augen ein so viel schlechterer Film ohne dieses "Gefühl der Besonderheit", dieses Vortäuschen von visueller Spezialität. Und das asst auch ziemlich zum Thema und zu der Atmosphäre des Films. Denn auch der verliert sich dann am Ende in eine sehr unlogische und etwas fade Geschichte, sehr unpassender Showdown inklusive. Doch Boyle zeigt uns das alles trotzdem auf eine so interessante (und wie ich finde immer zutreffende) Weise, dass man in hierbei durchaus als einen sehr guten Regisseur bezeichnet kann. Seine Art von Storytelling ist vll nicht jedermanns Geschmack, aber sie zeichnet ihn in meinen Augen eben schon als einer der guten aus.
Marcel | 09.02.2011 09:42
Gerade "Sunshine" ist für Boyle exemplarisch. Gleißende Bilder, die große Vorbilder zitieren, ohne inhaltlich mit ihnen gleichziehen zu können. Für mich ist das - wie du treffend formulierst - Vortäuschen visueller Spezialität einfach Schaumschlägerei. Aber zumindest haben wir ein ähnliches Bild von Boyle, auch wenn wir es unterschiedlich bewerten. Irgendwie beruhigend.
Nic | 09.02.2011 14:08
kann nicht enttäuschender sein als sunshine oder slumdog. wird jeden gut unterhalten.
Chris | 09.02.2011 16:51
Was habt ihr eigentlich alle gegen SUNSHINE? Den Film könnte ich mir einmal pro Woche geben! Ich sage bloß: Im brennenden Angesicht der Sonne und dazu "Adagio in D Minor" - Gänsehaut pur! Zur Boyle-Diskussion selbst kann ich nicht sehr viel beisteuern. Kenne sonst nur seinen 28 DAYS LATER. Der hatte eine extrem geniale und apokalyptische erste Stunde; doch ab Enter Militärbasis ging's leider steil bergab. Denn diese Diskussionen wurden schon in Romeros DAY OF THE DEAD umfassend abgehandelt. Anyway, auch ein guter Film, der uns so ganz nebenbei die guten, alten Zombies (als Infizierte getarnt) wieder aus der Gruft geholt hat.
Allein deswegen werde ich Boyle zu ewigen Dank verpflichtet sein. ; )
Federico | 09.02.2011 19:15
@Chris: SUNSHINE ist super, dagegen sage ich auch nichts. Eben von dir genannte Szene ist ja wohl mehr als Beweis, dass Boyle ein begabter Filmschaffender ist. Nur die Story ist halt am Ende doch etwas schwach. So wie bei 28 DAYS LATER der Anfang spitze und - wei schon gsagt - die Militärbasis halt eher mau ist. Trifft auch auf THE BEACH zu. An dieser Stelle empfehle ich A LIFE LESS ORDINARY, eine Liebeskomödie à la Boyle. Sehr fein.

@Marcel: Ich weiß schon worauf du hinaus willst, aber wie gesagt, diese Schaumschlägerei ist teil des Films und der Charakterisierungen seiner Figuren. Während, sagen wir Haneke, jetzt stumm und strafend mustert, wirft Boyle eben seine exzentrischen visuellen Ergüsse in Bilder. Und - wie gesagt - nicht zum Selbstzweck. Tony Scott lässts krachen weil's gut ausschaut, Danny Boyle, weil es dazugehört und er seine Geschichte nicht anders zeigen würde (um ihn letztendlich zufreiden zu stellen).
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