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A Bell from Hell

A Bell from Hell

OT: La campana del infierno
GIALLO & FRIENDS / PSYCHOTHRILLER: SPANIEN, 1973
Regie: Claudio Guerin Hill
Darsteller: Renaud Verley, Viveca Lindfors, Nuria Gimeno, Maribel Martin

STORY:

Bevor John das reiche Erbe seiner verstorbenen Mutter antreten kann, sorgen die raffgierige Tante Marta und deren drei Töchter dafür, dass er entmündigt in der Klapsmühle landet. Nach Jahren erhält er den ersten Freigang auf Probe. Die kurze Zeit will John nutzen, um sich an seiner erbschleicherischen Familie zu rächen…-

KRITIK:

Nanu, was hat denn A BELL FROM HELL in der Giallo-Rubrik verloren? Dies werden sich die Genrekenner unter den Lesern fragen; wohl wissend, dass diese spanisch-französische Co-Produktion in keiner der offiziellen und inoffiziellen Listen, auf denen man mühsam alle Gialli dieser Welt zusammengetragen hat, zu finden ist.

Die Frage ist nicht ganz unberechtigt. Denn streng genommen genügt A BELL FROM HELL nicht der Genredefinition. Weit entfernt von den Rasiermesser- und Handschuhpfaden wandelnd disqualifiziert sich der Film allein schon wegen der fehlenden italienischen Hand in der Produktion (obwohl letzteres -Gott sei Dank!- weder Experten noch Fans daran gehindert hat, Filme wie die spanischen LA RESIDENCIA oder BLUE EYES OF THE BROKEN DOLL fürs Genre zu adoptieren). Ich würde aber zumindest meine Soundtrack-Sammlung darauf verwetten, dass A BELL FROM HELL -wäre er italienisch- allerorts ebenso mit Stolz als Giallo bezeichnet werden würde wie solch genreatypische Genialitäten wie Bazzonis mysteriöses Psychodrama FOOTPRINTS.

So aber lässt sich das letzte Werk von Guerin Hill ob seiner Chamäleonnatur nur sehr schwer einordnen. Doch lassen wir das sture Schubladendenken einfach mal außer Acht und blicken der Tatsache ins Auge, dass dieses intelligente wie bösartige Schmuckstück von einem Psychothriller durchaus ins Beuteschema des (aufgeschlossenen) Giallo-Afficionado passt. Und passionierte Filmfreunde werden mir sicherlich beipflichten, wenn ich behaupte, dass der Blick über den Tellerrand oftmals ein lohnender ist.

Deshalb werden wir mit A BELL FROM HELL erstmals einen Film innerhalb dieser genrespezifischen Rubrik besprechen, der zwar per Definition kein Giallo ist, aber Eigenheiten besitzt, die dann doch irgendwo auf das Giallo-Publikum zugeschnitten sind. Call it meinetwegen "Giallo & Friends"! Doch Puristen können beruhigt sein! Wir werden es damit nicht übertreiben und wild Filme als gialloesk deklarieren, sondern uns an dieser Stelle in der Hauptsache weiter den eindeutigen Genrevertretern widmen. Nur dann und wann einmal wollen wir in die Grenznebel des Genres reinschnuppern. Der erste dieser Blicke über den Tellerrand: A BELL FROM HELL.

Eine gewisse Nähe zum Giallo ist nicht zu leugnen. Was nicht verwundert: Die Bilder stammen von Manuel (MY DEAR KILLER) Rojas; Story und Drehbuch von Santiago Moncada. Und schließlich hat der Letztgenannte einst den schwarzhumorigen, gespenstischen HATCHET FOR THE HONEYMOON für Mario Bava geschrieben und war außerdem am Drehbuch zu Martinos Über-Giallo ALL THE COLORS OF THE DARK beteiligt.

Schwarzen Humor gibt es auch hier. Aber er ist noch um einiges grimmiger als bei HATCHET FOR THE HONEYMOON geraten. Hätte das Geschehen auf dem Bildschirm einen Mund; es trüge stets und ständig ein irres, aber irgendwie auch verschmitztes Grinsen zur Schau. Dabei wartet A BELL FROM HELL auch mit Szenen der herberen Art auf: Eine Betriebsbesichtigung im Schlachthof etwa; so haarsträubend brutal detailliert wie es der Rumpsteakliebhaber besser nie zu Gesicht bekommen hätte. Ohne einen einzigen Tropfen Kunstblut zu vergießen, hat es A BELL FROM HELL geschafft, sich über Jahrzehnte auf dem bundesdeutschen Index zu halten. Und dort wurde der Stammplatz erst kürzlich verlängert, was als Indiz für eine nicht zu unterschätzende psychologische Härte zu werten ist.

So richtig nachvollziehbar ist es allerdings nicht, dass dem Film seine hiesige Verbreitung so enorm erschwert wird. A BELL FROM HELL ist nämlich keine sinnfreie, selbstzweckhafte lustige Gewaltverherrlichung,sondern ein schlaues Kerlchen von einem Film; mit scharfem Blick auf eine verkommene, egoistische, materialistisch eingestellte Gesellschaft. Ein Beweis dafür, dass in Deutschland auch Intelligenz, schwarzer Humor und Kunstanspruch nicht vor einer Indizierung gefeit sind. Vielleicht war den Zensoren ein Dorn im Auge, dass der Film den Zuschauer unverhohlen auf die Seite des vermeintlich verrückten und zum Mord bereiten John ziehen will; und dies auch schafft.

In EIN TOTER LACHT ALS LETZTER (so der deutsche Titel) ist nämlich Derjenige Sympathieträger, der seine drei Cousinen nackt wie Schlachtvieh aufhängt und einen bösartigen Mordanschlag mit Hilfe von Bienen verübt. Aber dies ist auch derjenige, der eine Minderjährige vor einer Gruppenvergewaltigung rettet und dem Freiheit wichtiger als Geld ist. Doch zwischen der Freiheit und John stehen seine resolute Tante und deren Töchter. Irgendwie verständlich, dass er die dann aus dem Weg räumen muss. Zwar würden wir sein rigoroses Vorgehen im wahren Leben niemals tolerieren, doch zumindest im Film drücken wir ihm die Daumen. Zumal sich auch Tantchen und zumindest eine seiner Cousinen nicht gerade als gute Menschen präsentieren, sondern sich mit Niedertracht, Raffgier und Kaltblütigkeit hervortun.

Dies ergibt einen spannenden, trickreichen Psychokrieg bei dem es am Ende nicht nur um Geld, sondern auch um Leben und Tod geht. Und in diesem Duell hat die eine Partei gegenüber der anderen immer noch einen Trumpf in der Tasche.

Die Titel gebende Glocke und der dazugehörige Kirchturm erweisen sich am Ende als Schicksalsdinge. Aber auch im wahren Leben hat sich der im Film zu sehende Kirchturm als Schauplatz eines Dramas entpuppt. Am letzten Drehtag stürzte der vierunddreißigjährige Regisseur Claudio Guerin Hill nämlich von diesem Turm in den Tod; wobei nie geklärt werden konnte, ob es sich dabei um einen tragischen Unfall oder um Selbstmord gehandelt hat. Uncredited hat Juan Antonio Bardem den Film in der Postproduktion vollendet.

Somit ist A BELL FROM HELL das Vermächtnis eines jungen, ambitionierten Filmemachers, der hier weit abseits des Gewöhnlichen agiert und etwas Großartiges, unbedingt Sehenwertes erschaffen hat.

A Bell from Hell Bild 1
A Bell from Hell Bild 2
A Bell from Hell Bild 3
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A Bell from Hell Bild 6
A Bell from Hell Bild 7
A Bell from Hell Bild 8
FAZIT:

Irgendwo zwischen Arthaus-Exploitation, Psychothriller, Horrorfilm, schwarzer Komödie und gialloeskem Szenario schlägt die BELL FROM HELL zu einem von gespenstischen Kindersingsang getragenen "Frère Jacques".
Und dies offensichtlich unter Einsatz einer einschüchternden psychologischen Artillerie, denn in Deutschland steht dieser völlig auf Kunstblut verzichtende, aber ultra-makabere Rache- und Habgierflick seit Jahrzehnten auf dem Index. Trotz einem gelegentlich ironischen Augenzwinkern ist A BELL FROM HELL ein düsterer und grimmiger Film, der sich gegen eine von Geldgier und Rücksichtslosigkeit zerfressene Gesellschaft richtet, die keinen Platz mehr für Selbstentfaltung und Träume übrig lässt. Gleichzeitig ist A BELL FROM HELL bester und letzter Film von Claudio Guerin Hill, der gegen Ende der Dreharbeiten auf dem Set tödlich verunglückt ist.

WERTUNG: 8 von 10 Spaziergängen mit Tantchen
TEXT © Christian Ade
Dein Kommentar >>
Harald | 20.01.2010 14:08
Hört sich nach einem sehr interessanten Film an. Allein schon der Trailer. Gespenstischer Kindersingsang macht mir ja immer wieder Angst. In dieser Hinsicht unübertroffen: VIVA LA MUERTE. Kennst du den?
Chris | 21.01.2010 19:55
A BELL FROM HELL ist schon eine kleine besondere Perle aus den schönen 70ern. VIVA...kenne ich leider noch nicht, steht aber bereits seit längerem auf meiner Wishlist.
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