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GOOD MOVIES FOR BAD PEOPLE
American Mary

American Mary

HORROR/DRAMA: USA, 2012
Regie: Soska Sisters
Darsteller: Katharine Isabelle, Julia Maxwell, Antonio Cupo, Coonor Stanhope

STORY:

Mary Mason (Katharine Isabelle) ist Medizinstudentin und in akuter Geldnot. Deshalb bewirbt sich die angehende Chirurgin als Tänzerin in einem Strip-Club. Doch statt mit ihrer nackten Haut, verdient sie sich dort überraschender Weise spontan einen Batzen Geld bei einer illegalen Notoperation. Kurz darauf wird sie von der Tänzerin Tessa alias "Betty Boob" (Julia Maxwell) für eine Schönheitsoperation der besonderen Art angeheuert. Tessas Freundin (Paula Lindberg) möchte die letzten operativen Schritte unternehmen, um sich endgültig in "Ruby Realgirl" zu transformieren. Der äußerst lukrative Job wird für Mary der Einstieg in die bizarre Welt der Bodymodification. In dieser Undergroundkultur findet sie neue Freunde und die Einsicht, dass jeder so sein darf, wie er es will. Zugleich sind Marys Erfahrungen an der Uni alles andere als rosig. Ihre Dozenten sind arrogant und chauvinistisch. Trotzdem nimmt Mary die Einladung eines Professors zu einer Party an. Dort wird ihr zuerst ein Betäubungsmittel in den Drink geschüttet und anschließend wird sie vergewaltigt. Wie gut, dass die patente Frau ihr neu erworbenes Wissen in jeder Lebenslage sinnvoll anzuwenden weiß...

KRITIK:

Nachdem die BDSM- und Fetischkultur inzwischen sogar in Werbespots für Kosmetika angekommen ist, verwundert es nicht, dass auch der Film von einer vormalig meist nur unterschwelligen Fetischisierung, zu einer ganz offenen Schau von Lack und Leder übergeht. Die Franzosen beschwören die Verbindung von Sadomasochismus und asiatischer Exotik (DAS GEHEIMNIS DER GEISHA, RED NIGHTS) und in Brian de Palmas neuem Erotikthriller PASSION begutachtet die Protagonistin bewundernd den Umschnalldildo, der zu den Badezimmerutensilien ihrer Chefin gehört. AMERICAN MARY betritt nun die verwunderliche Welt der extremen Körpermodifikation. Hier wird der nach eigenem Gusto umgestaltete eigene Körper selbst zum Fetisch. Man träumt sich nicht mehr in andere, abenteuerlichere Identitäten hinein, sondern macht diese zur neuen persönlichen Realität. Und so, wie manche Menschen erst durch eine Geschlechtsumwandlung zu ihrer wahren Identität finden, so ist auch das oberste Ziel der Anhänger der Bodymodification die persönliche Selbstverwirklichung. In ihrem Streben nach radikaler Individualität und als gesellschaftlich gebrandmarkte Randgruppe zusammengeschweißt, entsteht unter ihnen eine auf gegenseitiger Akzeptanz gründende Solidarität.

Somit entpuppen sich in AMERICAN MARY die vermeintlichen Freaks als die eigentlichen Guten, während die scheinbar Normalen die eigentlichen Schweinehunde sind. Da gibt es die snobistische Welt der Medizinprofessoren, die ihre misogynen Perversitäten nur in geheimer Herrenrunde ausleben. Im direkten Vergleich wirkt der seine potenziellen Tänzerinnen wie Vieh begutachtende und ganz offen auch zum Blow-Job verpflichtende Strip-Schuppenbesitzer ironischerweise schon fast sympathisch. Da verwundert auch nicht, dass eine Frau die ultimative persönliche Freiheit und Selbstverwirklichung darin sieht, sich ihre Geschlechtsorgane entfernen zu lassen. Besser geschlechtslos, als weiterhin wehrlos der Schar von blanker Geilheit getriebener Männer ausgesetzt zu sein. Dass der eigene Ehemann dies weniger erfreulich finden mag, steht freilich auf einem anderen Blatt. Von echter Gesellschaftskritik kann bei so einer Schwarzweißzeichnung, welche die konventionelle Sichtweise einfach nur auf den Kopf stellt, jedoch nicht wirklich die Rede sein. Spätestens wenn die auch als "Twisted Sisters" bekannten Regisseurinnen im Film zwei durchgeknallte Zwillinge verkörpern, die ihre bereits gefühlte tiefe Verbundenheit noch durch ein paar interessante Operationen vertiefen möchten, ist deutlich, dass ihre Nähe zur Welt der extremen Körpermodifikation durchaus mit einem Augenzwinkern zu betrachten ist.

Ab einem bestimmten Punkt ruft AMERICAN MARY sogar Erinnerungen an Takashi Miikes Kultschocker AUDITION (1999) wach. Allerdings verzichtet der Film fast komplett auf optische Ekelattacken. Dies ist kein Torture-Porn, sondern ein Film, der sie skurrile Welt der Bodymodification als eine sinnlich aufgeladene Wunschwelt zeigt. Zu diesem Zwecke bedient sich AMERICAN MARY der Ästhetik des Neo-Noir und erhebt Mary zur Femme fatale des OP-Tischs. Sie ist die Göttin über Leben und Tod, welche einem die geheimsten Wünsche erfüllen oder einen für immer in grenzenlose Verzweiflung treiben kann. Wie in HELLRAISER (1987) oder in Cronenbergs CRASH (1996) führt die Verbindung aus Lust, Schmerz und bizarren Körpertransformationen in eine schön schaurige neue Welt der körperlichen Selbstbestimmung. Doch im Unterschied zu HELLRAISER und CRASH wird die ultimative Transformation des eigenen Körpers hier nicht mit dessen Zerstörung und somit auch nicht mit dem Tod bezahlt. Das Phänomen der Körpermodifikation ist einfach die Fortführung einer Entwicklung, die über Tätowierung, Piercing, Branding bis zum echten Cyborg reicht. Arnold Schwarzenegger kann ein Lied davon singen, dass wer mit Bodybuilding beginnt irgendwann als Terminator endet.

American Mary Bild 1
American Mary Bild 2
American Mary Bild 3
American Mary Bild 4
American Mary Bild 5
American Mary Bild 6
American Mary Bild 7
FAZIT:

AMERICAN MARY ist ein in der Welt der extremen Körpermodifikation angesiedeltes Horrordrama, welches nicht mit Gore, sondern mit viel Atmosphäre besticht. Dies ist ein Horrorfilm, der auch zum Nachdenken anregt. Von einer tiefsinnigen Gesellschaftskritik kann allerdings trotzdem nicht wirklich die Rede sein. Das ist aber nicht weiter tragisch, da AMERICAN MARY auch so einfach blendend aussieht und ebenso gut unterhält.

WERTUNG: 8 von 10 Schönheitsoperationen der mehr als nur etwas anderen Art
TEXT © Gregor Torinus
Dein Kommentar >>
Sokon | 04.11.2015 00:17
Der Film kann Maske und Gothik. Sogar die Charaktere können zum Teil unterhalten. Aber das reißt die Klinge auch nicht mehr rum. Der Film ist als Gesamtwerk, aus meiner Sicht, grottig. Irgendwie passt er nicht zusammen, eher der Handlungsfluss, die Überraschungsmomente, viele Dinge, die einen Horrorfilm ausmachen, waren zum fürchen und das einzige, was bei diesem Film an mir zitterte, war mein Hintern, der es kaum erwarten konnte, vom Sessel aufzuspringen und so schnell, wie möglich fort zu kommen.
>> antworten
Mauritia M. | 29.03.2013 19:58
Hab "American Mary" auf dem FFF auf großer Leinwand genießen dürfen und war auch schon kurz davor, was dazu zu schreiben.
Wär noch lustig gewesen, wenn es drei Reviews gegeben hätte.
Fand neben den bereits erwähnten Aspekten auch die charakterliche Entwicklung von Mary interessent. Ähnlich wie bei "May-Schneiderin des Todes" wird aus unschuldigem Ehrgeiz durch negative Erfahrungen mit Mitmenschen eine sympathische Wahnsinnige. Hat mich gut unterhalten.
Eindeutig einer der besseren Filme der neueren Generation. Bin gespannt, wie er bei der zweiten Sichtung wirkt.
Laut "Soska-Sisters" war die Hommage an Audition (schwarze Handschuhe) übrigens Absicht.
Gregor | 29.03.2013 20:24
Ich habe auf den FFF-Nights leider nur NO ONE LIVES gesehen, deraber ebenfalls äußerst vergnüglich war.
Mauritia M. | 29.03.2013 20:28
Ich hatte eine Dauerkarte und hab -wahnsinnig wie ich bin- alle 10 Filme gesehen :)
Hast recht. "No one lives" hat auch sehr viel Spaß gemacht. Das Programm war dieses Jahr (bis auf einen langweiligen Möchtegern-Torture-Porn-Film) überhaupt super.
Marcel | 29.03.2013 23:52
Ich habe nur American Mary gesehen, aber der hat mir ebenfalls gut gefallen. Nur das Ende hat etwas gerumpelt, als ob sie nicht wussten, wie sie es überhaupt zu einem Ende bringen sollen. Dennoch 8 von 10 angeschliffenen Zähnen.
Gregor | 30.03.2013 00:38
Hey ebenfalls 8 Punkte?!! Das dürfte eine Premiere sein. Bin ich jetzt kritischer oder bist Du milder geworden?
Marcel | 30.03.2013 23:57
Vermutlich der übliche FFF-Bonus... Zieht man den ab, passt es wieder. ;-)
Gregor | 31.03.2013 01:45
:-D Und ich hab mir schon Sorgen gemacht...
>> antworten
Chris | 28.03.2013 23:42
Ha, den habe ich mir auch gerade angesehen und schon die ersten
Zeilen einer Review gesammelt. Aber die kann ich ja nun
überspringen und gleich zum nächsten Film greifen. : ) Schöne
Review, Film fand ich klasse. Das Body Modification-Thema ist noch
sehr frisch und steckt voller neuer faszinierend-makaberen
Möglichkeiten. Und hier gibt es schon einige zu sehen. Die seit der
GINGER SNAPS-Trilogie ohnehin kultige Katharine Isabelle ist eine
Wucht und spätestens mit dieser Rolle auch Genre-Ikone. 8,5 von
10 getauschte Körperteile - mit Tendenz nach oben!
Gregor | 29.03.2013 00:09
:-)
>> antworten


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