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Axolotl Overkill

Axolotl Overkill

DRAMA: D, 2016
Regie: Helene Hegemann
Darsteller: Jasna Fritzi Bauer, Mavie Hörbiger, Laura Tonke, Arly Jover

STORY:

Die Mutter ist tot, der Vater abwesend, die Halbschwester überfordert. Die 16-jährige Mifti ist auf sich allein gestellt und driftet orientierungslos durchs Berliner (Nacht)leben. Die Filmversion von Helene Hegemanns Bestseller Axolotl Roadkill.

KRITIK:

Kinder, wie die Zeit vergeht. Schon sieben Jahre lang liegt "Axolotl Roadkill", der erfolgreiche und skandalumwitterte Roman der damals 17-jährigen Helene Hegemann bereits auf meinem Stapel der ungelesenen Bücher. Insgeheim wußte ich ja, dass das Buch irgendwann verfilmt werden würde, genau so wie "Feuchtgebiete" (hab ich mit großem Interesse gelesen), "Fucking Berlin" (nur zur Hälfte gelesen) und "Mängelexemplar" (nie in Versuchung gekommen zu lesen).

"Axolotl Overkill", wie der Film jetzt heißt, zählt zu den seltenen Beispielen einer Leinwandadaption, die vom Autor bzw. der Autorin höchstselbst verfilmt wurde. Auf die Schnelle fällt mir jetzt nur noch Michel Houellebeqcs leider misslungene DIE MÖGLICHKEIT EINER INSEL-Verfilmung ein. Und - nun ja - Reinhold Bilgeris DER ATEM DES HIMMELS, zu dem wir hier eine Rezension im feinstem Vorarlbergerisch anzubieten hätten.

Bei der Premiere im Wiener Gartenbaukino erzählt Helene Hegemann von den Schwierigkeiten, den Film finanziert zu bekommen, und von Meinungsverschiedenheiten mit den Produzenten, die auf eine "publikumsfreundlichere" Schnittfassung plädiert hatten. Dass die 24-Jährige die Verfilmung ihres Romans selbst in die Hand nehmen wollte, stand für sie von Anfang an fest. "Wenn ich schon die Möglichkeit habe, dann sollte ich es tun, egal, ob es gut wird oder schlecht. Ich wollte dieses 16-jährige Mädchen nicht in die Hände von einem 50-jährigen Mann geben, der sich vorher Christiane F. anschaut und denkt: so machen wir das jetzt auch."
(Aus einem Interview mit der österreichischen Tageszeitung Die Presse).

Das Ergebnis ist ein Film, der zwar weit davon entfernt ist, perfekt zu sein, der aber eine ganz eigene Atmosphäre schafft. Eine klassische Filmdramaturgie nach der berühmten 3-Akte-Struktur braucht man sich nicht zu erwarten. Da hat Hegemann schlicht keinen Bock drauf. Wie sehen 95 Minuten lang einer sehr jungen Frau zu, wie sie sich einfach treiben lässt: Clubnächte und Alk-Abstürze, wahlloser Sex und Liebeskummer, Renitenz und Verletztlichkeit, ausgesprochen überzeugend gespielt von Jasna Fritzi Bauer, der man auch mit knapp 30 noch die 16-jährige Drifterin problemlos abnimmt.

Das Ganze ist mal banal, mal drastisch, dann wieder überraschend lustig, wie das richtige Leben eben. Und so sehr die Jugendlichen neben der Spur stehen, so orientierungslos sie durchs Leben stopeln, so irrational sie auch handeln, die Erwachsenen im Film sind stets um Hausecken kaputter.

Aussehen tut der Film ziemlich gut. Die junge Frau Hegemann schickt Grüße an Jean-Luc Godard und Jim Jarmusch, also an die Großvätergeneration im Kunstkino, wenn man das mal so sagen darf. Bis dann plötzlich ein Pinguin durchs Bild watschelt, den vermutlich Miftis drogenexperimentierfreudiger Bruder besoffen aus dem Zoo geklaut hat. Damit nicht genug der Viechereien. Es gibt natürlich einen Axolotl (vorgestellt vom jüdischen Comedian Oliver Polak), zwei Lamas und bitteschön sogar ein Einhorn.

So altklug im Film stellenweise gesprochen wird, es ist ja immer noch ein Mädchenfilm.

Axolotl Overkill Bild 1
Axolotl Overkill Bild 2
Axolotl Overkill Bild 3
Axolotl Overkill Bild 4
Axolotl Overkill Bild 5
Axolotl Overkill Bild 6
FAZIT:

Die von der Autorin selbst inszenierte Verfilmung von Axolotl Roadkill ist weit davon entfernt, ein fehlerfreier Film zu sein. Egal: Wie unbekümmert diese Berliner Coming Of Age-Tragikomödie zwischen Nouvelle-Vague-Strenge und verhuschter DIY-Attitüde pendelt, hat definitiv Charme. Irre gut gespielt ist der Film sowieso. Ein regulärer Kinostart in A wurde vom deutschen Verleih verweigert. Das engagierte Gartenbaukino wollte das so nicht hinnehmen und konnte immerhin zwei Spezialvorführungen organisieren.
Zweite und letzte Chance: Montag 16.10. 18:00 Uhr.

WERTUNG: 7 von 10 durch die Wohnung watschelnde Pinguine
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Djan | 15.10.2017 07:31
von dem roman habe ich immer abstand genommen. sollte man lieber unendlicher spass von david foster wallace lesen...
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