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Becket - Macht dem Knig

Becket - Macht dem König

HISTORIENDRAMA: GB, 1964
Regie: Peter Glenville
Darsteller: Richard Burton, Peter O'Toole

STORY:

Der etwas störrische, normannische König Heinrich II. von England und sein hochintelligenter und über alle Maßen treuer sächsischer Lordkanzler Becket sind die dicksten Freunde. Also hält es der König für eine begnadete Idee die vakante Position des Erzbischofs von Canterbury mit ihm zu besetzen, um die Kirche, die zweite Macht im Staate besser kontrollieren zu können. Doch Becket widersetzt sich, da er von nun an Gott als seinen höchsten Herren sieht...

KRITIK:

BECKET ist für mich persönlich ein ganz besonderer Film, weil er für mich so etwas wie einen Weckruf zur Cinephilie darstellt. Damals in der 6. Klasse nahmen wir die Canterbury Tales von Geoffry Chaucer durch und sahen ihn uns in diesem Zusammenhang an. Ich, ebenso hochpubertär wie meine geschätzten Altersgenossen, rollte nur die Augen, als meine sehr ungeschätzte Englischlehrerin diesen alten Schinken in den Videorekorder einschob. Doch als Minute für Minute ein Klassenkollege nach dem anderen wegschlummerte, während ich zwischen Verzückungs- und Ekstasezuständen hin- und herpendelte, bemerkte ich zum ersten Mal, dass ich irgendwie "anders" sein musste. Ich konnte es mir nicht erklären, aber dieser Film war zweifellose das Beste, was ich in diesem Medium bis zu jenem Zeitpunkt erfahren hatte.

Das war der Augenblick, wo mir klar wurde, dass ich dazu verdammt/auserkoren war ein nerdiges, unverstandenes Filmfreakdasein ohne Freunde zu führen. Nein, Scherz beiseite, ganz so schlimm war es natürlich nicht, und seit ich auf Filmtipps mit ähnlichen Gesinnten die Welt mit Filmkritiken belästige, die wahrscheinlich nur drei Personen lesen, wobei zwei davon zur "Redaktion" gehören, ist mein Leben sowieso perfekt. Und natürlich durch den Umstand, dass BECKET vor kurzem auf DVD veröffentlicht wurde und ich unbedingt einmal diesen Film mit meinen heutigen Augen sehen wollte.

Wo soll ich bei diesem Film nur anfangen? Vielleicht sollte man zuerst einmal mit dem Klischee aufräumen, dass alte Historienfilme, man denke an Erol Flynn als Robin Hood, in Form und Inhalt naiv sind. Das widerlegt schon Kurosawa, aber nach BECKET wird einem erst einmal bewusst, dass die schöne Phrase "moderner Geist in alten Gewändern" keine Erfindung der 90er Jahre war, eine Illusion, der ich natürlich aufsitze, weil ich in diesem Jahrzehnt anfing ins Kino zu gehen. Gegen BECKET wirken sogar recht explizite Filme wie BRAVEHEART oder ELISABETH nach schlichtem Gemüt.

Denn trotz geschichtlicher Verfälschungen (Becket war in Wirklichkeit kein Sachse, sondern Normanne; die Konflikte um die klerikale Jurisdiktion wurden arg vereinfacht) ist dieser Film mehr als nur ein Stück Unterhaltung. BECKET stellt vielmehr einen Diskurs dar, in dem sich große Themen wie Macht, Glaube, Treue und Moral in großen Gesten tummeln und durch ebenso augenfällige allzumenschliche Schwächen gleich darauf demontiert werden.

Henry wirkt dümmlich, Becket führt den Staat für ihn, hält aber bei jeder noch so schwachsinnigen Idee zu ihm und erzieht ihn mit der gelassenen Geduld eines Vaters, wofür ihn der König abgöttisch liebt und bewundert. Doch Becket ist ein moralischer Relativist, für ihn gibt es keine Wahrheit, oder höchste Instanz, er dient dort mit ganzer Seele und mit ganzem Herzen, wo er eingesetzt wird. Die Frage, die sich den ganzen Film lange stellt ist, ob Beckets Handeln an sich nun verwerflich sei oder nicht, ob sein Handeln darüber hinaus ein Resultat der alles korrumpierenden Macht, oder des Glaubens ist.

Über beinahe drei Stunden erliegt man den mehr als überzeugenden Darstellern und ihren zum Niederknien intelligenten und mitreißenden Dialogen. Vor allem Peter O'Toole gibt die sicher dankbarere Rolle des zwischen Liebe (man möchte beinahe homoerotische Spannungen vermuten) und Staatsraison zerrissenen König Heinrichs, der sich von der naiven Dumpfbacke zum abgeklärten Herrscher im Sinne Machiavellis wandelt und dabei vor Einsamkeit und Depressionen vergeht.

Trotz seines Anspruchs braucht sich dieser Film auch in technischer Hinsicht nicht zu verstecken, seine durchgestylten Breitbilder fangen diese, eine der spannendsten Epochen, des Mittelalters in seiner ganzen Atmosphäre ein. So erlebten wir im England nach 1066 die Geburt der modernen Englischen Sprache, die von dort aus ihren Siegeszug über die ganze Welt antrat. Denn Englisch ist eine der wenigen Sprachen, die sich durchsetzen konnte, obwohl sie eben nicht die Sprache der Herrscher war. Aber das ist eine andere Geschichte, die aber auch nicht spannender sein kann als die Tragödie um Becket und König Heinrich.

Becket - Macht dem König Bild 1
Becket - Macht dem König Bild 2
Becket - Macht dem König Bild 3
Becket - Macht dem König Bild 4
Becket - Macht dem König Bild 5
Becket - Macht dem König Bild 6
Becket - Macht dem König Bild 7
FAZIT:

Spektakuläres Historiendrama um Macht, Treue und Glaube mit solch messerscharfen Dialogen, dass man am liebsten mitschreiben möchte. Selten habe ich einen Film gesehen, der ein so intellektueller Hochgenuss war. Ein Meisterwerk für die Ewigkeit!

WERTUNG: 10 von 10 Filmen, die man auf die Insel mitnehmen würde
TEXT © Ralph Zlabinger
Dein Kommentar >>
Harald | 18.07.2009 11:24
falls es dich tröstet: ich bin ja auch so ein nerdiger filmfreak, dessen wirkliches leben sich auf der leinwand abspielt - na ja, fast :)
wo ich definitiv entwarnung geben kann, sind die von dir vermuteten 2-3 leser. wenn die statistik-tools nicht lügen, halten wir bei 20.000 (zwanzigtausend) besuchern im monat. ist ja gar nicht so übel, bei unseren schwerpunkten :)
Nic | 18.07.2009 13:02
bedenklich genug dass er sích an einen film aus dem schulunterricht erinnern kann ;)
Harald | 18.07.2009 14:24
was ist so schlecht an Schulunterrichtsfilmen? Dort habe ich zum ersten mal in meinem Leben etwas Vernünftiges gesehen, nämlich 'Die Blechtrommel'.
Ralph | 18.07.2009 15:22
@ Harald: Keine Sorge, so schlimm ist es eh nicht. Ich sehe höchstens zwei Filme in 3 Wochen;-)

@ Nic: Auch wenn es der weitläufigen Meinung widerspricht: Aber die Filme und Bücher, die wir in der Schule begutachtet haben, fand ich allesamt sehr interessant. Wie Harald sagt, das ist oftmals das erste Vernünftige, das man jemals zu sehen/ lesen bekommt, wenn man nicht aus einem in dieser Hinsicht kulturbeflissenen Elternhaus kommt...
Ralph | 18.07.2009 15:23
btw: 20000!!! Nicht übel...
Chris | 18.07.2009 15:40
Das sind genau 666 Besucher täglich...Irgendwie teuflisch, oder? ^^
Johannes | 18.07.2009 17:11
Passt ja zu dem kranken Scheiß den du dir so reinziehst, Chris. ;)
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