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Bestialit

Bestialità

SEXPLOITATION: Italien, 1976
Regie: Peter Skerl
Darsteller: Philippe March, Juliette Mayniel, Leonora Fani, Enrico Maria Salerno

STORY:

Der alternde Architekt Paul und seine Frau Yvette machen Urlaub auf einer sonnigen Mittelmeerinsel. Paul ist desinteressiert, Yvette sexuell vernachlässigt. Das ändert sich, als sie einer jungen, geheimnisvollen Frau begegnen, die stets von einem schwarzen Dobermann begleitet wird. Sowohl Paul als auch Yvette verfallen dem Mädchen. Eine Dreiecksbeziehung, die neue Lust entfacht, aber auch die Dämonen der Vergangenheit weckt. Und in einer Katastrophe endet ...

KRITIK:

Der Vorspann läuft noch, als BESTIALITÀ dem unbedarften Zuschauer gleich eine handfeste Provokation vor den Latz knallt.

Ein Mädchen fährt Fahrrad auf der elterlichen Terrasse. Plötzlich dringen aus dem Haus komische Geräusche. Mama seufzt, stöhnt und atmet seltsam schwer. Und Satana, der Dobermann, hechelt dazu. Das Mädchen wird neugierig; dem Zuschauer, dem sowohl Titel als auch Klappentext des Films geläufig ist, schwant schon Böses. Dem Mädchen noch nicht. Als es ins Zimmer tritt und die (im Übrigen von der WIP-Flick-Ikone Franca Stoppi gespielte) Mama halb hinter dem Sofa und unter Satana (!) liegend vorfindet, bestätigen sich unsere schlimmsten Befürchtungen. Als dann noch Papa hinzukommt und Frauchen mit Hund ebenfalls in flagranti erwischt, macht er das perverse Kindheitstrauma perfekt, indem er kurzerhand das Haus abfackelt. Jedoch nicht ohne zuvor Satana drinnen an die Kette gelegt zu haben...

Bevor nun jemand nach dem Staatsanwalt ruft, sei versichert, dass die Sodomie nur angedeutet wird. Dankenswerterweise schießt Regisseur Peter Skerl nicht auf solch geschmacklose Art und Weise über das Ziel hinaus wie beispielsweise Joe D'Amato mit der berüchtigten Pferdestall-Szene aus dem zeitgenössischen EMANUELLE IN AMERICA (oder noch schlimmer in EMANUELLE AROUND THE WORLD). Der Tabubruch zeigt dennoch Wirkung; die Keule sitzt. Ähnlich verstört wie das kleine Mädchen bleibt auch der Zuschauer zurück. Man fragt sich, welche abseitigen Nummern dieser rar gesehene Flick aus der Blütezeit des Eurosleaze noch in der Hinterhand hat.

Wer den mit Sleaze-Sequenzen vollgepackten Trailer kennt, wird überrascht sein, dass der Film nach dem Vorspann fast eine Stunde läuft, ohne auch nur eine Sexszene zu zeigen. Stattdessen entfaltet sich vor dem Zuschauer langsam, hypnotisch und einlullend eine Art grimmiger Urlaubsfilm direkt aus der ehelichen Vorhölle des Auseinandergelebthabens.

Wir folgen dem im reiferen Alter befindlichen Ehepaar Paul (Philippe March) und Yvette (Juliette "AUGEN OHNE GESICHT" Mayniel) auf eine idyllische Mittelmeerinsel. Rasch erkennen wir, dass selbst Sonne, Strand und Meer die eheliche Tristesse nicht beheben können. Architekt Paul fotografiert die Landschaft und verharrt in beharrlichem Desinteresse für die Bedürfnisse seiner Frau. Die wiederum liegt im Bett neben ihrem schlafenden Gatten und erleidet die Höllenqualen unerfüllter Lust.

Doch dann während eines Bootsausflugs sehen sie auf einem Felsen eine junge Frau stehen. Eine junge Frau mit einem schwarzen Dobermann-Rüden.

Eine Stunde lang passiert in BESTIALITÀ nicht wirklich etwas. Und doch hat die obszöne Eröffnungssequenz ihre Saat effizient gesetzt und den gesamten Film mit einer unterschwellig perversen wie mysteriösen Energie aufgeladen. Ein Urknall gleich zu Beginn, der eine Atmosphäre freigesetzt hat, die Peter Skerls (eigentlich Virgilio Matteis) Filmdebüt zu einem auf obskure Weise faszinierenden Filmerlebnis macht. Da spielt es keine Rolle, dass die Handlung nur quälend langsam und ohne eindeutige Höhepunkte voranschreitet. Auch nicht, dass der Film manchmal Gefahr läuft, sich irgendwo zwischen dem Meer, den Felsen und den Bungalows zu verlieren. Oder endgültig auf einer dieser bizarren, dekadenten Partys der ebenso merkwürdig wie maßlosen Inselbewohner und Mitgästen zu versumpfen.

Das ist alles so bar jeder Liebe und Gefühle und steckt doch voller dunkler, unter der Oberfläche brodelnder Leidenschaften. 

BESTIALITÀ muss nicht einmal allzu graphisch werden, um seine abseitige Wirkung zu entfalten. Da reicht es schon die heimliche Sleaze-Prinzessin der 70er, nämlich die aus anderen obskuren Werken wie PENSIONE PAURA, DIE HINRICHTUNG, GIALLO A VENEZIA oder DIE ENTFESSELTEN bekannte Leonora Fani mit einem Hund auf einen Felsen zu positionieren, um eine düster-schlüpfrige Stimmung zu erzeugen. Und dafür muss sie noch nicht einmal nackt sein. Franca Stoppi und Satana haben in den ersten zwei Filmminuten ganze (Vor-)Arbeit geleistet.

Da auch dem Protagonisten Paul die verruchte Aura der mysteriösen, jungen Frau mit Hund nicht verborgen bleibt und seine Faszination zum Erwachen seiner weggedösten Libido führt, kommt es im letzten Filmdrittel nicht nur zur Menage-a-trois zwischen dem fremden Mädchen und dem älteren Ehepaar, sondern nun kommen auch die vielen Sexszenen des Trailers zum Einsatz. Die sind manchmal befremdlich bis abstoßend; vor allem wenn alte, lüsterne Menschen oder eben Hunde ins Spiel kommen; mal aber auch auf aufregend natürliche und ungekünstelte Weise erotisch.

Das Ende wird - schließlich bewegen wir uns hier in den abseitigeren italienischen Sexploitation-Gefilden - natürlich bitter und hält für den Zuschauer dann noch eine letzte Provokation sowie einen blutigen Schluss bereit.

Wobei BESTIALITÀ sich dank der sorgfältigen Regie Skerls, der prächtigen Fotografie Beradinis, der traumschwelgenden Musik Coriolano Goris und eben dieser ganz speziellen entrückten Atmosphäre fast schon vom üblichen selbstzweckhaften Sleaze der italienischen Filmindustrie jener Tage distanziert und die Nähe zu stilvollerer, künstlerisch wertvollerer Sexploitation der Marke BLUT AN DEN LIPPEN sucht.

Im Übrigen hat vor und hinter der Kamera einige (Genre-)Prominenz an diesem unbekannten wie provokanten Film mitgewirkt. Jess Franco-Regulär Paul Muller hat ebenso seinen Auftritte wie die seinerzeit berühmte Pornodarstellerin und spätere Politikerin Ilona "Cicciolina" Staller. Das Mitwirken eines gestandenen Schauspielers wie Enrico Maria Salerno unterstreicht den durchaus vorhandenen Kunstanspruch des Ganzen. PS: Das Drehbuch stammt von keinem Geringeren als Luigi Montefiori, dem man häufig in den Werken von Joe D'Amato begegnet; dort freilich unter dem ungleich bekannteren Pseudonym George Eastman.

Bestialità Bild 1
Bestialità Bild 2
Bestialità Bild 3
FAZIT:

Ein geheimnisvolles Mädchen mit Hund auf einer sonnenüberfluteten Urlaubsinsel reißt ein älteres Touristenpaar zunächst aus der ehelichen Tristesse und dann alles in den Abgrund... - Am Anfang steht ein provokanter wie obszöner (doch strafrechtlich nicht relevanter, weil simulierter) Akt, der so auch direkt aus dem schmutzigsten Schweinestall eines D'Amato oder Polselli kommen könnte. Was folgt, ist erstaunlicherweise nicht der erwartete grobe, selbstzweckhafte Eurosleaze-Klotz, sondern überraschend atmosphärische und wunderschön fotografierte Art-Sexploitation, wie sie in den Siebzigern eben nur in Italien oder Frankreich entstehen konnte. Das ist hypnotisch (nicht langweilig), langsam (aber nicht quälend) und so seltsam entrückt wie ein guter Jess Franco-Jahrgang. Da BESTIALITÀ zu den exzentrischeren Stilblüten der 70er Jahre-E(u)rotica rechnet, spricht der Film -vergleichbar den Werken eines Rollin oder Franco- auch nur sein eigenes, kleines (Nischen-) Publikum an. Man sollte definitiv wissen, worauf man sich einlässt.

WERTUNG: 7 von 10 Dobermännern in Missionarsstellung
TEXT © Christian Ade
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