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GOOD MOVIES FOR BAD PEOPLE
Brothers

Brothers

DRAMA: USA, 2009
Regie: Jim Sheridan
Darsteller: Tobey Maguire, Natalie Portman, Jake Gyllenhaal, Sam Shepard

STORY:

Der US-Soldat Sam Cahill (Tobey Maguire) zieht in den Krieg nach Afghanistan. Dort wird er bei einem Einsatz abgeschossen und für tot gehalten. Sein Versagerbruder (Jake Gyllenhaal) kümmert sich in der Folge um dessen Frau Grace (Natalie Portman) und dessen Kinder. Dabei kommt man sich etwas näher als geplant, vor allem als sich herausstellt, dass Sam doch noch am Leben ist ...

KRITIK:

Ich muss ja sagen, dass ich doch etwas allergisch auf amerikanische Mainstreamdramen bin. Es ist nicht so, dass diese Filme nicht die richtigen Fragen stellen. Das eigentliche Problem liegt darin, dass sie auch gleich (versuchen) einfache Antworten mit(zu)liefern. Wenn es solche Antworten auf menschliche Probleme gäbe, dann gäbe es längst keine Streitereien, keine Filme oder Bücher, keine Diskurse usw. mehr. Kurz, es gäbe einfach nichts, worüber es sich nachzudenken lohnte. Noch viel schlimmer aber, der Versuch im Medium Film eine Antwort zu geben, sendet dem Zuseher, der ja ob er will oder nicht beeinflusst oder sozialisiert wird, ein völlig falsches Signal aus. Und zwar, dass Probleme/Konflikte so mir nichts, dir nichts lösbar sind. Na gut, dann fallen wir in Afghanistan ein, wird ja eh ein Blitzkrieg und außerdem warten die nur darauf von uns befreit zu werden.

Im Falle von Brothers ist das ganze sogar noch heikler, weil es gerade um das Thema Krieg geht. Die Bürger der Vereinigten Staaten sind (zumindest bei diesem Thema) Opfer einer riesigen Propagandamaschinerie aus überspielten und verwässerten Wahrheiten und übertriebenen Erfolgsmeldungen, was man den USA aber nicht persönlich vorwerfen sollte, denn alle Länder, die sich im Kriegszustand befinden bedienen sich derselben Methoden, sonst würde ja kein Mensch hingehen, wenn ich mal Carl Sandburg (nein, nicht Berthold Brecht;-) sehr frei zitieren darf.

Brothers bewegt sich natürlich auf dünnem Eis. Auf der einen Seite als Remake eines dänisches Films gleichen namens (mit Ulrich Thomsen und Connie Nielsen), welches eigentlich genau aus der Idee heraus entstanden ist Kriegspropaganda zu zersetzen, indem eine ganz neue Perspektive auf diese unergründlich komplexe Problematik geworfen wurde: Was passiert mit so einem Soldaten eigentlich, wenn er nachhause kommt und die Küche ist umdekoriert? Was geht da in einem vor, wenn der eigene Bruder sich angefangen hat um die Familie zu "kümmern", während man von den Taliban gefoltert wurde? Das sind gute Fragen, und glücklicherweise kann man sie nicht beantworten, denn das wäre zu lächerlich. Man kann sich in dem Fall auf seine Darsteller verlassen und die sind immerhin Tobey Maguire, Natalie Portman und Jake Gyllenhaal.

Diese drei in einen Film zu bekommen spricht aber andererseits dann doch wieder für eine verdammtes Mainstreamdrama, mit gelackten Bildern, oberflächlichen Problemlösungen und der heimlichen Lust diesen drei schönen, jungen, begabten Menschen beim Existieren zuzusehen, ganz egal was sie da auf der Leinwand eigentlich treiben.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Ist Brothers ein guter Film geworden? Nein. Ist Brothers ein schlechter Film geworden? Auch nicht. Brothers ist ein mittelmäßiger Film geworden, der am ehesten von seinem Thema und der Zugkraft seiner drei Hauptdarsteller lebt, die aber trotzdem allesamt an ihren Rollen gescheitert sind.

Dieser Film ist nämlich vollkommen emotionslos. Jede der angedeuteten Beziehungen bleibt pure Behauptung. Tobey Maguire ist ein Fremdkörper in seiner Familie, aber schon bevor er nach Afghanistan geht. Der Charakter seiner Frau Natalie Portman ist vollkommen leer und konturlos, Schönheit hin oder her. Jake Gyllenhaal hat zwar noch seinen spitzbübischen Scharm, aber das ist der falsche Film dafür (überhaupt, seit Donnie Darko gab es darstellerisch nichts besonderes mehr von diesem Herren). Dann gibt es noch den Vater der zwei Brüder, dargestellt von Sam Shepard, der (natürlich) ein versoffener Exsoldat ist, der seinen Soldatensohn für einen Helden und seinen anderen Sohn für einen Versager hält. Ich weiß, der Harald mag keine Erikative, aber hier muss ich eines setzen: GÄHN!

Alles was irgendwie Emotionen und Empathie erzeugen könnte, wird nicht gezeigt, sondern in steifen Dialogen behauptet. Es herrscht keine Chemie zwischen den Protagonisten. Der Film scheint aus einer Art Liste angefertigt worden zu sein. Okay, wir haben diese Konstellation, welche Szenen brauchen wir? Ah ja, der Jake muss unbedingt mit Natalie Eislaufen gehen, das ist so romantisch, da verlieben sie sich sicher und das sorgt für Konflikte ...

Der einzige darstellerische Lichtblick ist die geschändete soldatische Hälfte Tobey Maguires. Er kommt abgemagert und vollkommen zerstört zurück, sein Psychoblick und seine Irritation sprechen Bände. Seine fixe Idee, dass sein Bruder und seine Frau ihn betrogen haben, treibt ihn in den Wahnsinn. Nur, so toll und eindringlich diese Szenen auch sein mögen, nachdem er sich sowieso niemals als Teil der Familie angefühlt hat, verlagert sich die Bedeutung dieser Szenen von der Familie, um die es hier vorrangig geht, auf die Figur des Soldaten.

Wenn man sich diese leblose Familie ansieht, kann man verstehen, warum der Soldat wieder in den Krieg zurück will.

Dennoch kann ich mit vorstellen, dass dieser Film beim amerikanischen Publikum einen Nerv getroffen haben muss. Denn dass der Krieg auch noch lange in der Familie nachwirkt ist eine wichtige Erkenntnis, ein Thema, das nur allzu gerne unter den Tisch gekehrt wird.

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Großer Kritikpunkt an der DVD: Die englische Tonspur ist unkonsumierbar. Ich weiß, es ist Konvention bei den Amerikanern, dass die Hintergrundgeräusche und die Musik im Gegensatz zum europäischen Kino viel lauter sind, aber wenn man nicht mehr verstehen kann was die Schauspieler sagen, weil der Wind oder der Score so laut sind, dann hat das keinen Sinn mehr. Und ich nehme fast an, dieser Effekt wurde durch eine schlecht abgemischte Tonspur noch verstärkt. Und das könnte sich schlecht auf meine Wahrnehmung des Filmes ausgewirkt haben. Vielleicht hatten die Darsteller im Original doch etwas Leben in sich, was meine Bewertung des Films doch verzerrt haben könnte.

Brothers Bild 1
Brothers Bild 2
Brothers Bild 3
Brothers Bild 4
Brothers Bild 5
Brothers Bild 6
FAZIT:

Eine sensible Annäherung mit besonderer Perspektive auf den Krieg und Hollywood's schnuckeligste Jungdarsteller können im Falle von Brothers nicht über ein emotionsarmes und lebloses Filmerlebnis hinwegtäuschen, das seine Konflikte meistens nur behauptet, aber in den seltensten Fällen fühlbar macht. Als Kunstwerk daher gescheitert, als Horizonterweitung aber durchaus achtbar. Da hätte es wahrscheinlich im Endeffekt nur einen fähigeren Regisseur gebracht ...
Erscheint demnächst bei Koch Media auf DVD.

WERTUNG: 6 von 10 leeren Gesichtern
TEXT © Ralph Zlabinger
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