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GOOD MOVIES FOR BAD PEOPLE
Christiane F.  Wir Kinder vom Bahnhof Zoo

Christiane F. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo

DROGENDRAMA: DEUTSCHLAND, 1981
Regie: Uli Edel
Darsteller: Natja Brunckhorst, Thomas Haustein, Jens Kuphal, Reiner Wolk

STORY:

1978 wurden die "Stern"-Reporter Horst Rieck und Kai Hermann auf eine 15-jährige Fixerin aus der Szene des berüchtigten Berliner Bahnhof Zoo aufmerksam. Daraufhin führten die beiden Journalisten zwei Monate lang beinahe täglich Interviews mit dem Mädchen; und das gab bereitwillig und schonungslos Auskunft über ihr Leben. Aus den Tonbandprotokollen entstand noch im selben Jahr das weltberühmte Buch WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO, welches sich 130 Wochen lang in den Bestsellerlisten hielt und 2008 in der 50. Auflage erschienen ist. Enthalten ist die Lebensbeichte von Deutschlands bekanntester Heroinabhängigen. Die von Christiane Felscherinow alias Christiane F., die damit zum Junkie-Mythos avanciert ist…-

KRITIK:

Wobei Mythos vielleicht nicht das richtige Wort ist. Weil ein Mythos ja auch etwas Verklärtes impliziert. Hier jedoch sind die Fakten knallhart. Christiane F.: Mit zwölf Joints, Alkohol und Tabletten. Mit 13 in die Berliner Diskothek "Sound". Kommt schon am ersten Abend mit LSD in Berührung. Lernt ihren späteren Freund Detlef kennen. Und kurz darauf H.

Beide, Christiane und Detlef, landen auf dem Strich. Beide sehen sie Freunde an der Nadel sterben. Beide versuchen dann und wann aufzuhören. Und schaffen es nicht. Das Buch und auch der Film beschreiben diesen Teufelskreis ungeschönt und in your face.

Das Buch sollte Pflichtlektüre sein; und auch die wirklich gelungene Verfilmung von Uli Edel ist ein absolutes Must-See. In meinen Augen ist CHRISTIANE F. - WIR KINDER VOM BAHNHOFZOO aus dem Jahr 1981 der vielleicht wichtigste (Spiel-)Film zum Thema Drogen überhaupt. Dabei ist in WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO höchstens die bärenstarke Musik von David Bowie wirklich cool. Die passt einfach wie die Faust aufs Auge. Hörst du "Heroes", denkst du an CHRISTIANE F.

Ansonsten gibt es hier keine Drogenverniedlichungen wie in der kunterbunten Rauschwelt von FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS. Aber Gott sei Dank auch nicht das Gegenteil; sprich irgendwelche Bad Trip-Alptraumvisionen als extra mahnende Zeigefinger. Vielmehr zeigt uns der Film fast nüchtern, aber umso schmerzhafter den Fixeralltag am Bahnhof Zoo. Ohne Verherrlichung, Verklärung, aber auch ohne Moralapostelei. Es bleibt fast wertungsfrei. In der Beobachterrolle. Man kann sich eben auf die Drastik der Bilder verlassen. Das Teilen von schmutzigem Besteck in noch schmutzigeren Bahnhofklos. Siff-Waschbecken, mit Obszönitäten beschmierte Kacheln - und Blut aus Kanülen, das hinein- oder dagegen spritzt. Das Verramschen der Lieblingsschallplatten auf offener Straße. Das Verramschen des eigenen Körpers in den Betten und Autos der Freier. Die in einer dreckigen Toilette liegende Leiche des besten Freundes. Der in einer Gosse vergessene Vogelkäfig; das Haustier bedeutungslos im Angesicht der Aussicht auf einen Druck. Aber auch: das Zittern, das Kotzen, die Krämpfe des Entzugs. Und der nächste Schuss nur ein paar Stunden später.

Uli Edel hat sich seine Cast aus jungen Laiendarstellern zusammengesetzt oder gleich vom Bahnhof Zoo rekrutiert. Auch die Locations sind das echte "Sound" und der echte Bahnhof Zoo. Alles wirkt erschreckend authentisch. Vor allem die Leistungen der beiden minderjährigen Hauptdarsteller - nämlich die der damals vierzehnjährigen Natja Brunckhorst und dem ein Jahr älteren Thomas Haustein - kann man gar nicht genug hervorheben. Es ist tief beeindruckend, wie diese halben Kinder ihre sicherlich nicht leichten Rollen meistern. Dabei wurden sie von ihrem Regisseur nicht geschont. Er schickt Brunckhorst und Haustein in die Autos der Freier, wirft sie in die Hölle des kalten Entzugs und treibt sie weit über die Grenzen hinaus.

Trotz der Überlänge (ohne Längen) von 135 Minuten zeigt der Film das Buch komprimiert. In bewegten Bildern konzentriert sich das Geschehen auf die Essenz. Unter den Teppich mit der "Scheißspießer"-Weltsicht; Fokus auf Drogen, Sucht und den Zerfall. Aber auch auf die zarten Bande zwischen Detlef und Christiane, die sich wie ein roter Faden durch den Film zieht. Zweifelsohne steht in der dunklen Welt der Süchtigen das eigene Bedürfnis im Vordergrund; und daraus macht auch CHRISTIANE F. keinen Hehl. Dennoch zeigt der Film auch eine irgendwie ehrliche und einfühlsame Love Story. Auch wenn in dieser die Liebe in einem Satz wie diesem ihren Ausdruck findet: "Den nächsten Freier mach ich nur für dich…"

Die jüngeren Berichterstattungen über die mittlerweile 48-jährige Christiane Felscherinow zeigen, dass das zumindest in Aussicht gestellte Happy End des Films leider keinen Bestand hatte. Christiane F. hat den Teufelskreis, den sie einst mit 13 betreten hat, offenbar nie wirklich verlassen…

Christiane F.  Wir Kinder vom Bahnhof Zoo Bild 1
Christiane F.  Wir Kinder vom Bahnhof Zoo Bild 2
Christiane F.  Wir Kinder vom Bahnhof Zoo Bild 3
Christiane F.  Wir Kinder vom Bahnhof Zoo Bild 4
Christiane F.  Wir Kinder vom Bahnhof Zoo Bild 5
Christiane F.  Wir Kinder vom Bahnhof Zoo Bild 6
FAZIT:

Wohl nur SÜCHTIG - PROTOKOLL EINER HILFLOSIGKEIT, jene tief bewegende und schockierende Dokumentation, in welcher ein Kamerateam eine blutjunge Hamburger Heroinabhängige über Jahre hinweg bis zu ihrem frühen Tod begleitet hat, ist eine noch bessere Drogenprophylaxe als CHRISTIANE F. - WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO. Doch der auf Tatsachen beruhende Film über das Leben der Christiane Felscherinow ist trotzdem ein schonungsloser Blick in die Drogenszene am Bahnhof Zoo und eine drastische Beschreibung des Teufelskreises Heroin. Hat auch nach fast dreißig Jahren nichts, aber auch gar nichts von seiner schockierenden Wirkung verloren…

WERTUNG: 10 von 10 David Bowie-Konzerten
TEXT © Christian Ade
Dein Kommentar >>
memba. | 18.07.2010 13:19
fand ich eher schwach- sehr viele längen.
>> antworten
Johannes | 14.07.2010 22:49
Eine wahre coming of H-Story *hrhr*
>> antworten


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