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GOOD MOVIES FOR BAD PEOPLE
Cold Fish

Cold Fish

OT: Tsumetai nettaigyo
PSYCHOTERROR: JAP, 2010
Regie: Sion Sono
Darsteller: Makoto Ashikawa, Denden, Mitsuru Fukikoshi, Megumi Kagurazaka

STORY:

Syamotos (Makoto Ashikawa) Leben ist eine stille Hölle. Die frustrierte Frau des Tropenfischverkäufer will ihn kaum noch berühren, während die Tochter respektlos und frech sich einen Dreck um ihren Vater (und vor allem die neue Stiefmutter) schert und lieber im Supermarkt auf Einklautour geht. Als sie dabei eines Abends erwischt wird und Syamoto sich demütig auf den Weg macht, sein eigen Fleisch und Blut aus diesem Schlamassel wieder raus zu bugsieren, trifft er auf den sympathischen, vielleicht etwas aufdringlichen Murata (gespielt von einem japanischen Comedian, der sich selbst schlicht Denden nennt), der sich gewissermaßen als Retter in der Not erweist. Nicht nur verhindert er das unnötige Einschreiten der Polizei bei der Jugendtorheit, er bietet Syamoto auch seine Geschäftspartner- und Freundschaft an. Zuvorkommend und verständnisvoll, wie sich Murata nun mal erweist, nimmt er Syamotos Tochter als Arbeitskraft in seinem - ebenso auf Tropenfische spezialisiertem - Geschäft auf und schafft es beinahe am selben Tag noch, die Ehe zwischen seinem neuen Freund und seiner Frau aufzupeppen. Leider, leider erweist sich Murata bald nicht als der gute Mensch, für den ihn Syamoto hält, denn seine neue Bekanntschaft hat mittlerweile schon über 30 Menschen "verschwinden" lassen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

KRITIK:

Was für ein Film. Wie ein Fisch nach Wasser lechzend, benommen und fasziniert taumle ich aus dem Kinosaal, während sich Sion Sonos schonungslose Bilder sich tief in mein Bewusstsein graben. Dass der Typ nicht alle Teetassen im Schrank hat, war mir spätestens seit EXTE klar, doch was sich mir in den kräftigen 144 Minuten von COLD FISH bot, ging doch etwas über meine Erwartungen hinaus. Das - angebliche - enfant terrible der Nipponfilme bietet mit COLD FISH nämlich einen rohen, unverdauten Brocken Filmkunstkotze - und dabei hat alles so ruhig angefangen.

Nach den irreführend hektischen Eintritt in den Film bleibt die Stimmung in Sonos Werk nämlich durchwegs ruhig, ja, beinahe gelassen, wäre da nicht die immerwährende Anspannung, die einen überfällt, wenn man sich Sonos Figurenkonstrukt beobachtet. Und dieses Gefühl des unter der Oberfläche brodelnden Hasses lässt sich schwer abschütteln, zu sehr verkrampfen sich die Personen in COLD FISH in ihren Rollen, die sie stets nur für die Außenwelt aufgesetzt haben zu scheinen. So wird das gemeinsame Abendessen bei Tisch nicht zur stillen Beobachtungsszene, sondern schon in den ersten paar Minuten des Films zu einer beunruhigenden Charakterstudie, aus der man irgendwie hinaus will. Würde diese Boshaftigkeit, dieser Nihilismus und dieser Zynismus nicht so faszinieren. AMERICAN BEAUTY auf japanisch, quasi. Hardcore-Version.

Mit dem Eintreten Muratas lockert sich zwar das ganze Gespann, jedoch nur um die Knoten später umso strenger und enger zu schnüren. Denn wirkt der überdrehte, kontaktfreudige Fischverkäufer mit seiner aufdringlichen Art zu Beginn noch etwas protzig, überlustig und - auf gut wienerisch - patschert, sind genau diese Eigenarten jene, die ihn später zur unberechenbaren Gefahr machen. Von Comic Relief bis einem das Lachen im Hals stecken bleibt und auch jeder Versuch sich anhand eines verzweifelten Kichern inmitten der absurden Szenerie Luft zu verschaffen, wird durch die Kälte und (zuerst vorwiegend psychologische) Brutalität erstickt.

Und so lustig COLD FISH zum Teil auch sein kann - und das ist er, auch wenn Sonos Film durchzogen von tiefschwarzen und alles verachtendem Humor ist - irgendwann ist Schluss mit lustig.

Das denkt sich auch Hauptperson Syamoto; nachdem die Situation des arme Fischverkäufers erklärt ist, läuft der Film zielstrebig auf seinen - und man ahnt es bereits - unausweichlichen Klimax hinaus. Die Zeittafeln, die während des Filmes eingeblendet werden, bilden plötzlich nicht mehr Stützen in der ohnehin sehr geradlinigen Erzählung von COLD FISH, sondern wandeln sich zu unmissverständlichen Warnungen - zu einem Countdown. Man fühlt sich an Gaspar Noes These "le temps detruit tout" erinnert, auch etwas an David Lynchs Skurrilität und Assoziationen an Bret Easton Ellis Romane kommen hoch, wenn sich die Gewaltspirale, das Kettenkarussell der Hölle, immer weiter dreht und zwischen den leisen Tönen, den Gedanken an die Unendlichkeit des Universum und der Familienfrieden im Planetarium immer mehr Abscheu und Bosheit durchbricht. Langsam und beständig.

Und auch gegen Ende wird einem Syamoto als Opfer, als eine der wenigen Bezugspersonen genommen, da sich die Gewalt, die Erniedrigung und das Blut (nicht nur metaphorisch gemeint) mittlerweile soweit aufgestaut haben, bis sie in einem (für die Figur) befreienden Akt des Schmerzes und des Chaos ex- und implodieren, wir als Zuschauer jedoch nur noch hilflos zusehen können, wie alles, einfach alles in Schmerz versinkt.

Wirklich, ich habe schon lange keinen so bösen und niederträchtigen Film gesehen und je mehr ich darüber nachdenke, umso schlimmer wird es. Das liegt nicht nur an Sonos Gratwanderung zwischen Realität und Wahnsinn sondern auch daran, dass in COLD FISH einfach jede Figur so dermaßen kaputt und zerstört ist, dass man es schlicht und einfach kaum erträgt. Leid und Pein hat sich in diesen Figuren so heftig akkumuliert - und Sono schafft es dies auch spürbar zu zeigen. Dies muss nicht immer plausibel sein und oftmals fragt man sich, wer denn hier eigentlich Opfer der sogenannten Umstände ist (und wenn Muratas Frau sich dann in eine blutgeile Bestie verwandelt sodass sie mit ihrem Auftreten kleinen, japanischen Geistern das fürchten lehren könnte, kann man das nicht mehr so ganz nachvollziehen), zeigt der Film - vor allem in seinen aufbrausenden Momenten - dennoch wie gut er mit diesen Figuren umgehen kann.

Und letzten Endes ist COLD FISH ebenso ein sehr komischer, ein von bösen Humor durchzogener Film. Ein absurdes Theater, mit absurden Charakteren die nüchtern betrachtet total überzogen und als Karikaturen fungieren. Das fulminante und überschäumende Finale setzt dem ganzen dann noch die Krone auf und eigentlich kann man am Ende nur noch lachen, da die Alternative dazu die erste Stufe eines ausgewachsenen Traumas wäre. Und so explodiert der Film in einem komischen, abstrusen und vollkommen bescheuerten Schluss, der nur noch kopfschüttelnd betrachtet werden kann - doch was zeigt die Abgründe und die Boshaftigkeit unserer mickrigen Existenz (und das lässt uns COLD FISH nicht nur einmal spüren) besser als die Mittel der Satire?

Splattergesellschaftssatire hin, Serienkillertragikkomödie her - COLD FISH ist kaum vergleichbar. Nicht nur deswegen ist Sonos Werk umso schwerer beizuwohnen; der nicht immer plausible und auf jeder Ebene übertriebene Film wird sicherlich nicht jeden Geschmack treffen und so manchem mag sicherlich sauer oder gelangweilt aufstoßen, wer sich jedoch auf Sion Sonos dunklen Wirbelwind einlässt, wird so bald nicht mehr den Boden unter den Füßen spüren.

Cold Fish Bild 1
Cold Fish Bild 2
Cold Fish Bild 3
Cold Fish Bild 4
Cold Fish Bild 5
Cold Fish Bild 6
Cold Fish Bild 7
FAZIT:

Sehr düster. Sehr komisch. Sehr blutig. Und sehr heftig. Pervers, gestört und obszön, witzig bis einem beim Lachen die Gräte dieses kalten Fischs im Halse stecken bleibt. Man mag diesen absurden Psychohorrorthriller nicht viel abgewinnen, doch man möge dies erst meinen, wenn man sich die wahnwitzigen 144 Minuten angetan hat. Wer es schafft und wer es mag, wird Sono nach diesem Film ewig Treue schwören. Garantiert.

WERTUNG: 9 von 10 Chicken McNuggets
Dein Kommentar >>
Anon | 03.03.2012 00:14
Konnte mit Sonos Filmen nie viel anfangen, hatte also keine besonderen Erwartungen. Was an Love Exposure gut sein soll wird mir wohl immer ein Rätsel bleiben...
Cold Fish dagegen ist sein eindeutig bestes Werk, von der Geschichte, von der Inszenierung, von den schauspielerischen Leistungen, vom Rythmus und dem schönen Finale. Ein moderner Klassiker und definitiv wert gekauft und unter die besten Filmen eingereiht zu werden. 10/10
mathias | 26.12.2014 03:18
Ist mir ein Rätsel, was an Love Exposure schwer zu verstehen sein soll. Man muss eigentlich nur aufpassen und dem Plot folgen. Da sind sogar viele herkömmliche Themen.
Cold Fish finde ich viel schwerer zugänglich und tendentiell auch marginaler.
>> antworten
Andreas | 02.01.2012 10:56
sehr sehr grotesk. sehr sehr unterhaltend.
hat mir gefallen.
7 von 10 fischen im aquarium
>> antworten
Jakob Krakel | 12.10.2011 10:38
Shamoto. Nicht Syamoto. :3
>> antworten
Lena | 03.10.2011 01:19
Ist sicher nicht immer ganz einfach, aber bitte ein bisschen mehr auf Spoiler achten (Muratas Frau ..., Syamoto wird einem genommen usw.). Und dass alle Charaktere "kaputt" sein sollen, klingt für mich schon undifferenziert (ab)wertend und nicht beschreibend, aber ich hab natürlich den Film noch nicht gesehen. ;-) Bin schon gespannt!
Federico | 03.10.2011 08:38
Ich werd mich bemühen. :) Und "kaputt" ist ja auch wertend gemeint, vielleicht war das aber auch nur meine subjektive Empfindung zu den Menschen in COLD FISH.
>> antworten
niklas | 02.10.2011 23:19
hab ihn mir auf diese kritik hin gerade angesehen. fand den film auch ziemlich gut. love exposure fand ich aber deutlich besser. :)
Mascha | 28.11.2011 18:18
Gerade gesehen- unglaublich. So was würde sich hier keiner trauen zu drehen. Egal wie sehr sich deutsche Filmer auch anstrengen, so etwas kaputtes. Und irgendwie hat mich das ganze irgendwie an Dürrenmatt erinnert, nur dass man da wenigstens noch das Gefühl hatte, das "Gute" hätte gesiegt. Klasse Film, echt sehenswert!
ghostdog | 08.03.2013 13:35
Warum findet sich kein Studio, das diesen wundervollen Film deutsch synchonisiert? Das ständige Mitlesen der UT ist auf Dauer doch sehr ermüdend und lenkt von den tollen Bildern ab.
mathias | 26.12.2014 03:27
Ebenso. Die zwei sind eigentlich schwer zu vergleichen. Cold Fish ist beinah ein typischer Asia-Gewaltfetisch-Film (jedenfalls von der Zielgruppe). Love Exposure ist schon eher spezieller und wohl auch mit mehr Hingabe, würde ich sagen (auf jeden Fall "größer" in verschiedener Hinsicht).
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