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GOOD MOVIES FOR BAD PEOPLE
Cyrus

Cyrus

TRAGIKKOMöDIE: USA, 2010
Regie: Jay Duplass, Mark Duplass
Darsteller: John C. Reilly, Marisa Tomei, Jonah HIll, Catherine Keener

STORY:

Der unglückliche John (C. Reilly) trifft auf der Vorhochzeits-Feier seiner Exfrau (Catherine Keener) die bezaubernde und perfekt zu ihm passende Molly (Marisa Tomei) und kann zunächst sein Glück gar nicht fassen. Nach einer wunderbaren Nacht hofft John selbstredend auf ein baldiges Wiedersehen und muss zu seiner Überraschung feststellen, dass seine neu entdeckte Traumfrau sich am Vorabend nicht vom Rausch des Alkohols hat treiben lassen, sondern ihn ebenso gerne wiedersehen würde. Es scheint, als ob dem jungen Glück nichts mehr im Wege stehen würde.

KRITIK:

Independent-Filme zeigen uns das Leben ja gerne, wie es ist. Unverfälscht und ungeschminkt. Dogmatisiert und inspiriert, frei und mit einem Kleinbudget. Mag letzterer Punkt in vielen Fällen oft die Räson für stilistische, kostspielige oder anderweitige Eingrenzungen sein, so kommt es mir dennoch vor, also ob sich der Indie-Film, und dort allen voran die Komödie - auf jeden Fall im US-amerikanischen Kino - als eigenes Genre etabliert hat, bei dem es längst nicht mehr um angebliche Independenz geht, sonder eher um eine Schein-Alternative. Hipster-Movies könnte man bös' sagen.

JUNO wäre da das perfekte Beispiel, ein Soundtrack, den nur eingefleischte BELLE & SEBASTIAN Fans kennen, skurrile Charaktere die durch ihre Skurrilität doch so liebenswert sind und eine Message, die so hip ist, dass sie schon wieder ins konservative abdriftet. Und dann noch die Werbekampagne zugunsten (und wegen) der verwunderlichen Mischung aus Drehbuchautorin & Stripperin schlagen und fertig hat man den nächsten Sundance-Hit (ob der - übrigens durchaus sympathische - Jugendfilm jetzt wirklich am Sundance seine Premiere hatte, kann ich des übrigens mit keinerlei Wahrscheinlichkeit sagen, also bitte nicht daran aufhängen).

Kalkuliert wirkt es meines Erachtens oft. Berechnet und im Gegensatz zu den chirugisch veränderten Lebensversionen Hollywoods auch entwaffnend ehrlich, möge man meinen. Irgendwie hatte ich auch bei CYRUS das Gefühl, dass man dieses Kalkül zu sehr miteinbezogen hatte. Zunächst sieht der Film unglaublich provokant nach Indie aus (Indie verkommt hier ja fast schon zum Schimpfwort - ist aber, lieber Hipster, nicht so gemeint). Eine Kameraführung, die sich in manchen Momenten nicht selten schwer zwischen Totale, unscharfer Nahaufnahme und Halbtotaler entscheiden kann.

Dazu good ol' Alternative-Folk-Pop und eine Palette an Schauspielern, deren Namen Marie & Max Mustermann eher wenig geläufig sind ("Den einen kenn ich aus dem Will-Ferrell-Film!"). Dazu noch pfiffig geschriebene Dialoge, skurrile bis groteske "Alltagssituationen", die den ZuseherInnen auch ein wenig bekannt vorkommen - so sehen die Zutaten für eine gute, leise Komödie aus. Und ich bin durchaus froh über die THUMBSUCKERs und GHOST WORLDs und AMERICAN SPLENDORs dieser Welt, doch manchmal verfehlt in meinen Augen die ErzählFORM den eigentlichen Sinn der Erzählung. CYRUS ist kein Paradebeispiel dafür und eigentlich macht er auch nichts "wirklich" falsch, aber irgendwie ist CYRUS - ähnlich wie der titelgebende Charakter des Filmes - ein ambivalentes Stück.

Wenn man CYRUS etwas vorwerfen kann, ist es in erster Linie die Präsentation - gut, diese mag nicht unbedingt in den Händen der Filmschaffenden gelegen haben (vielleicht hatten ja die Regiegranden Rildey & Tony was damit zu tun?), jedoch mag man sowohl nach Besichtigung des Trailers oder nach einem anschließenden Blick auf das DVD-Cover mit einer erheiternden Buddy-Movie-Comedy rechnen, die aller Wahrscheinlichkeit nach (immerhin spielt der Typ aus dem Ferrell-Film mit!) mit einigen Peinlichkeiten, Schlagabtäuschen oder sogar brachial-komischen Konfrontationen punkten wird.

Also eines auf den Weg: CYRUS ist keine Komödie. Näher betrachtet. Von außen zeigt sich der Film der Gebrüder Duplass zwar witzig, im inneren Kern trägt er jedoch eine stets bittere Note, den Nachgeschmack des Realismus, jenes filmische Erbes, welches uns die Dogmatiker Trier & Vinterberg vermacht haben; je weniger sich Gezeigtes von Gefilmten unterscheidet, umso unverfälschter zeichnet das endgültige Werk ein Bild seiner Charaktere. Ich persönlich habe zwar keine direkte Ablehnung gegenüber dieser "unverblümten" Darstellung, jedoch ging mir der auffallend - ja beinahe provokative einfache Stil CYRUS' auf die Nerven. Natürlich - das ist stets Geschmackssache und während die Triers und Vinterbergs sich auf anderen Ebenen formal austoben, scheint es als ob CYRUS - zumindest auf eben dieser formalen Ebene - seinen Stil als Mittel zum Zweck verwende, ohne durch ihn wirklich etwas zu erzählen. Dieses zwanghaft-indepentend'sche ist im Grunde aber auch das Einzige, was ich so wirklich an diesem formidablen Film auszusetzen habe.

Mit dem famosen Ensemble C. Reilly, Hill, Keener und Tomei haben die Filmemacher hier nicht zuletzt wegen der schönen und glaubhaften Darstellung der Figuren dem Drehbuch die notwendige und überzeugende Lebhaftigkeit eingeflößt, welches es sowohl auf humoristischer als auch persönlicher Ebene zulässt, dass man sich in den knapp 90-minütigen Film wunderbar hineinversetzen kann. CYRUS ist kein Peinlichkeiten aneinanderreihender oder Pointen pfeffernder Zirkus. dessen Hauptakteure aus skurrilen Figuren bestehen, sondern allen voran ein Querschnitt durch eine alltägliche, aber dennoch außergewöhnliche Konstellation aus Beziehungen und Menschen. Während die meisten Liebeskomödien damit ausblenden, dass die Meg Ryan doch noch zu ihrem Tom Hanks findet und wegen dem Datedoktor dann doch noch alles gut zu Ende gegangen ist, zeigt CYRUS das einfache, aber wie jedem wohl bekannt, komplizierte Leben einer - vielleicht gar nicht so unbekannten - Beziehung. Gut, die Variation in der diese etwas befremdliche Dreiecks-Geschichte funktioniert, ist nicht unbedingt jene, die man gewöhnt ist, dennoch zeigt sie in vielerlei Hinsicht, inwieweit alltägliche Obsessionen, Abhängigkeiten und Verlustängste jede Art von menschlicher Verknüpfung beeinflussen und auflösen können.

Der stets an der Grenze zum Psychopathen spielende Jonah Hill steht dabei klar im Mittelpunkt und trägt in vielen Momenten (zwar nicht die ganze Last, dafür sind John C. Reilly und Marisa Tomei als Leinwandpaar einfach zu unwiderstehlich) den Großteil der Energie des Filmes. Überhaupt würde CYRUS meiner Meinung nach nicht ohne diesen sich so wunderbar gut ergänzenden Cast funktionieren. Selbst die im Hintergrund stehende Catherine Keener kann man sich aus diesem symbiotischen Ensemble nicht wegdenken, da sie vor allem als Reillys Gegenpart (und zugleich eine ähnliche Beziehung von CYRUS zu seiner Mutter reflektierend) zwischen Verständnis und Entnervtheit pendelnd, eine grandiose Figur abliefert. Dem schon erwähntem Leinwandpaar gebührt letzten Endes auch ein Großteil der Ehre, da zunächst C. Reilly mal nicht den typischen Versager oder Brachialkomiker, sondern den einsamen, ehrlichen und unglücklichen 'Menschen' mimt und Marisa Tomei sowieso über jeden Zweifel erhaben ist (keine weitere Argumentation, diese Dame ist einfach unglaublich).

Letzten Endes ist CYRUS eine komödiantisch wirkende Charakterstudie, deren Beziehungschemie vor allem zwischen den beiden offensichtlichen Kontrahenten nicht selten in sogenanntes "Psychoduell" ausartet. Mit leisen Bildern inszenieren die Brüder Duplass dann mit leise agierenden Schauspielern und deren leisen Gesichtsausdrücken eine greifbare Spannung, von denen viele Filme - und vor allem einige im (wieder) sogenannten "Thriller"-Genre - nur wünschen können; wenn Reilly und Hill sich das erste Mal mit ihrer Situation konfrontieren, ist das, trotz bissigem Humor und ätzenden Sprüchen (eigentlich) alles andere als komisch. Wenn, dann lacht man höchstens noch zur Befreiung, da man es sonst mit der Angst zu tun bekommen würde (frei nach Wes Craven).

Und um ein letztes Mal noch auf die oben ausschweifend besprochene Form zurückzukommen - sie ist in meinen Augen eben genau der Grund, warum sich der Film bei den üblichen Verdächtigen der Filmdatenbanken nur knapp über dem durchschnittlichen Bereich halten kann: Mögen die Charaktere noch so gut ausgearbeitet sein, der Humor und die Komik noch so "honest" rüberkommen und die Schauspieler auf einem noch so hohen Niveau arbeiten - die zwanghaft independent-looking Comedy verpasst ihr Ziel so gezielt, dass man glauben könnte, sie mache sich absichtlich nicht so beliebt.

Irgendwo meine ich gelesen zu haben, dass der Film "zu glatt" für den Independent-Fan sei, jedoch zu rau für den Mainstream - von einer "Graustufe" war die Rede. Kein Film für die Massen, aber auch kein Film für jene, die die Massen hassen. Auch keine Komödie, die man gerne empfiehlt, wenn man Komödien empfiehlt. Auch kein Drama, da das dramatischste an CYRUS nur seine (und damit hat der Trailer auf jeden Fall recht!) Ehrlichkeit ist. Und diese Ehrlichkeit beruft sich wiederum darauf, dass nicht alles so einfach ist, nicht jede Lebenslage sich durch ein einfaches, vorgeschriebenes Gespräch lösen lässt und nicht jede Beziehung unseren Standards entsprechen muss.

Entwaffnende Ehrlichkeit? Vielleicht, ich empfand sie auf jeden Fall ansprechend, rührend und befreiend zugleich - und vor allem unverfälscht (im Gegensatz zu der manipulierten Ehrlichkeit der Indie-Filme à la JUNO oder der Friede-Freude-Eierkuchen-Welt noch so herzerwärmender Apatow-Komödien). Die Gebrüder Duplass müssen sich in Zukunft nur noch auf eine persönliche Form einigen und nicht die des gängigen Mainstream-Subkultur-Kinos beschränken; die Ansätze stimmen.

Cyrus Bild 1
Cyrus Bild 2
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Cyrus Bild 4
Cyrus Bild 5
FAZIT:

Ein nicht zuletzt wegen seiner hinreißenden Schauspieler sehr empfehlenswerter Film, bei dem einem das Lachen nicht im Halse stecken bleibt, sondern befreiend heraus muss. Ungeheuchelte Traurigkeit ergeben einen feinfühligen Querschnitt durch eine etwas merkwürdige Beziehung, die aber nicht selten durch die - oft erwähnte, ich weiß - 'honesty' punkten kann. Ein etwas zu (un-)eigenwilliger Stil verhindert leider, dass sich der Film mehr als nur "liebenswert" erweist und eine fehlgeleitete Präsentation mag die unerwarteten Zuseher wohl etwas abschrecken.
Noch bis 28.April im Gartenbaukino.

WERTUNG: 8 von 10 versteckten Turnschuhen im Schrank
Dein Kommentar >>
Filmfan Ruth | 24.04.2011 21:01
"Ambivalent" ist das richtige Wort- aber der Cast macht sehr vieles wett für mich. Hab´s nicht bereut. Man sollte sich dieses "Experiment" ansehen.
Federico | 24.04.2011 22:43
Ich find auch, ist auch schon im amazon-einkaufswagen :) Die schauspieler sind nämlich wirklich klasse.
Ralph | 25.04.2011 22:33
Tu's nicht. den siehst du dir sicher nie wieder an. ;-
)
Federico | 26.04.2011 14:43
Wie bei STATION AGENT, der liegt bei mir einmal angesehen herum.
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Federico | 24.04.2011 18:49
Oh toll, Kino! Wusst' ich gar nicht, hab ihn auf DVD gesehen!
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