FILMTIPPS.at - Die Fundgrube für außergewöhnliche Filme

www.filmtipps.at
GOOD MOVIES FOR BAD PEOPLE
Das Schloss der blauen Vgel

Das Schloss der blauen Vögel

OT: La bestia uccide a sangue freddo
SLEAZEPLOITATION: Italien, 1971
Regie: Fernando Di Leo
Darsteller: Klaus Kinski, Margaret Lee, Rosalba Neri, Jane Garret

STORY:

Dr. Keller alias Klaus Kinski versucht in einer feudalen Villa hübsche Damen mit einem ordentlichen Bankkonto zu heilen. Die leiden zum Beispiel an Sexsucht, hegen Selbstmordgelüste oder versuchen jeden dahergelaufenen Mann umzubringen. Doch ein geheimnisvoller Killer bringt nächtens die Patientinnen um. Hat Dr. Keller ein paar Leichen im Keller? Und was wird aus seiner Privatklinik ohne Patientinnen? 

KRITIK:

"Ja, das musste einfach mal sein, ein richtiger Dreck aus Anfang der 70er-Jahren, der Zeit der Schulmädchenreporte" begann ich vor Jahren meine Prä-Filmtipps-Review. Ein ordentlicher Verriss über einen aus meiner Sicht langweiligen, unerotischen und stümperhaft gedrehten Film. Allerdings war ich mit meiner Meinung nicht allein. Der geschätzte Kollege und Giallo-Experte Chris hat sich ihn für unsere kleine, feine Seite schließlich auch kräftig zur Brust genommen und kaum ein gutes Haar dran gelassen.

Verständlich, denn als vermeintlicher Giallo ist DAS SCHLOSS DER BLAUEN VÖGEL eine ziemliche Gurke und schrammt ganz hart am Rande der puren Zeitvergeudung vorbei. Dennoch, trotz meines Urteils konnte ich dem Film nie wirklich böse sein. Er blieb in Erinnerung, und irgendwie auch in keiner schlechten. Im Gegenteil, je mehr zeitlicher Abstand entstand, je mehr Gialli ich sah und je mehr psychotronische Filme meine Nervenwurzel massakrierten, desto besser wurde der Film.

Gut, beim erneuten Lesen meiner damaligen Worte stellte ich fest, dass ich nicht alles schlecht fand. DAS SCHLOSS DER BLAUEN VÖGEL war meine erste bewusste Begegnung mit einer echten Göttin. "Behalten hab ich aber den Auftritt von Rosalba Neri als Ann: bauchnabelfreies, sehr knappes Top, seitlich bis zur Taille geschlitzten Hose, da würde manch 16-Jährige heute noch neidisch gucken (und ich habe auch geguckt!)."

Das lasse ich auch heute so stehen, nur sind die 16-Jährigen heute keine 16 mehr.

"Außerdem ist sie laut Dr. Kinski 'etwas zu liebesaktiv'. Äh - warum sollte man das therapieren? Vor allem wenn die Therapie wohl in erster Linie darin besteht, sich gegenseitig beim Croquetspielen zuzuschauen." Tatsächlich sind die Versuche der Patientinnen, Croquet zu spielen, vollkommen absurd und komplett zusammenhanglos zu dem eigentlichen Geschehen.

Und sie sind damit einer der Schlüssel zum Film.

Fernando Di Leo hatte wohl den Schalk im Nacken, als er sich diese Szenen einfallen ließ. Ganz offensichtlich interessierte es ihn nicht die Bohne, welchen Zweck das Croquetspiel hatte, außer dem, genau das zu zeigen. Es gibt keine tiefere Bedeutung, Ein paar hübsche junge Damen albern auf der Wiese. That's all Folks! Die Geschichte bleibt einfach stehen.

Sie ist ohnehin nur der äußere Rahmen, das Wesentliche findet dort nicht statt. Dazu kommt ein entschleunigtes Tempo, das Di Leo nicht zwingt, zum Punkt zu kommen. Damit kann natürlich DAS SCHLOSS DER BLAUEN VÖGEL nicht als Giallo funktionieren. Und erst recht nicht als Konsalik-Verfilmung. Der durfte nur für den deutschen Titel Pate stehen und ein paar Mark kassieren. Nicht mal von Schloss Hohenschwand ist in der internationalen Fassung noch die Rede.

Dennoch erreicht der Film sein Ziel, wenn man sich einmal damit anfreunden kann, einen Film jenseits der Spur zu sehen. Es ist gerade dieses absurde, delierende, bewusst gegen den Strich gebürstete, das den Film so heraushebt. Di Leo schmiert sich durch den Film und legt seine Regie fast wie eine Parodie an.

Bereits mit seiner ersten Szene entgleist der Film. Zunächst sieht man die klassische, unheimliche Einstellung des Sanatoriums im Dunkeln. Eine Einstellung, die man von zahllosen Edgar-Wallace-Filmen kennt. Dann hängt di Leo aber eine hektische Schnittfolge gekippter, expressionistischer  Einstellungen der Villa dran. Damit überspannt er natürlich den Bogen. Es ist ein billiger Effekt, der beim Zuschauer auch genau so ankommt. Und er zerstört die gerade erst aufgebaute Stimmung.

Die Regeln bricht Di Leo in der Folgezeit regelmäßig und überzeichnet alles maßlos. Kinski gibt einen Schmierlappen zum Besten und wirkt so vertrauenserweckend wie ein Kokainbaron bei der Geldübergabe. Die Mordszenen wirken irreal und künstlich. Von den lustgeilen Frauen, die sich den Arsch massieren, will ich erst gar nicht anfangen. Di Leo präsentiert uns eine Parallelwelt. 

Daher fiel uns beim Wiedersehen auch ein entscheidender Fehler der ansonsten tadellosen Shriek-Show-DVD nicht unangenehm auf. In einer Mordszene fehlt der Ton. Stattdessen hört man den Folgedialog für zwei Minuten. Der wiederholt sich dann natürlich in der dafür vorgesehen Szene. Irgendwie macht das tatsächlich Sinn.

Aber ob nun gewollt, ungewollt oder zufällig, auf diese Art entsteht etwas Neues. Statt eines klassischen Giallo haben wir hier einen billigen, psychotronischen Traum von einem Film. Wenigstens das ist mir schon damals aufgefallen. "Und jetzt läuft der Regisseur zur Höchstform auf. Zunächst dreht er die Regler hoch und dudelt uns psychedelische Musik durchs Hirn. Dann wird ein paar mal hektisch geschnitten, und kurz bevor ich kotzen muss präsentiert sich der Killer."

That's all Folks! 

Das Schloss der blauen Vögel Bild 1
Das Schloss der blauen Vögel Bild 2
Das Schloss der blauen Vögel Bild 3
Das Schloss der blauen Vögel Bild 4
Das Schloss der blauen Vögel Bild 5
Das Schloss der blauen Vögel Bild 6
Das Schloss der blauen Vögel Bild 7
Das Schloss der blauen Vögel Bild 8
FAZIT:

Kinky and Kinski. Mit nur drei Worten brachte es ein imdb-User auf den Punkt.

Kein Giallo, sondern hingerotztes Schmierentheater. DAS SCHLOSS DER BLAUEN VÖGEL ignoriert seine gewöhnliche Sex-and-Crime-Story so sehr, das wir hinterher noch mal im Schnelldurchlauf den Mörder identifizieren mussten.

Aber es ist natürlich egal, wer es war. Das Sleaze-Fest ist einfach zu amüsant, als das solche Randnotizen der Rede wert wären. Denn wer hat ein wirkliches Argument gegen nymphomanische Schizophrene, die von einem hinreißend chargierenden Kinski geheilt werden müssen und auf den Namen Rosalba Neri und Margaret Lee hören.

WERTUNG: 8 von 10 Psychiatern neben der Spur
TEXT © Marcel
Dein Kommentar >>
Gregor | 18.06.2013 23:46
Mir gefällt die Kritik ebenfalls ausgesprochen gut und ich gehe mit Deiner Wertung vollkommen konform. Ich kann auch Chris verstehen, dass er als Giallo-Liebhaber nicht so viel damit anfangen konnte. Aber als Beispiel gelungenen Camps ist dieses Machwerk tatsächlich ganz groß.

Di Leo sagt selbst, dass er gar nicht verstehen kann, warum ausgerechnet dieser Film solch einen Kult nach sich gezogen hätte. Damals wollte einfach jeder Produzent etwas bekommen, "was irgendwie nach Argento" aussah. Die Zeit war auch knapp und das entsprechende Talent habe er eh nicht... Der Mann ist echt symphatisch!
>> antworten
Chris | 16.06.2013 15:39
Sehr schöne Review! Der trashige Unterhaltungswert der BLAUEN
VÖGEL ist mir damals auch nicht entgangen. Nur habe ich den Film
seinerzeit in einer Reihe der wirklich großen Gialli gesehen und da
wirkte er einfach nur extrem neben der Spur. Zwei weitere
Sichtungen folgten, änderten aber nicht viel an meinem Urteil.
Obwohl ich zugegeben muss, dass ihn Arschmassagen, Kinski und
Morgensterne schon oberflächlich betrachtet unterhaltsamer
machen als z.B. manchen mäßigen 5 Punkte-Giallo. Lustig aber,
dass du auch wieder zum Giallo gefunden hast, weil bei mir ist das
Gelbe Fieber auch wieder gestiegen. Die Giallo-Sammlung ruft
immer lauter nach mir und eine neue Review zum Genre habe ich
erst gestern geschrieben. Muss wohl an der Sonne liegen. Da denke
ich wieder irgendwie an Carroll Baker, Jean Sorel und mondäne
Urlaubsküsten... ; )
>> antworten
Chris | 16.06.2013 15:39
Sehr schöne Review! Der trashige Unterhaltungswert der BLAUEN
VÖGEL ist mir damals auch nicht entgangen. Nur habe ich den Film
seinerzeit in einer Reihe der wirklich großen Gialli gesehen und da
wirkte er einfach nur extrem neben der Spur. Zwei weitere
Sichtungen folgten, änderten aber nicht viel an meinem Urteil.
Obwohl ich zugegeben muss, dass ihn Arschmassagen, Kinski und
Morgensterne schon oberflächlich betrachtet unterhaltsamer
machen als z.B. manchen mäßigen 5 Punkte-Giallo. Lustig aber,
dass du auch wieder zum Giallo gefunden hast, weil bei mir ist das
Gelbe Fieber auch wieder gestiegen. Die Giallo-Sammlung ruft
immer lauter nach mir und eine neue Review zum Genre habe ich
erst gestern geschrieben. Muss wohl an der Sonne liegen. Da denke
ich wieder irgendwie an Carroll Baker, Jean Sorel und mondäne
Urlaubsküsten... ; )
>> antworten


Suche

Suche


Schenk uns deine Liebe auf Facebook.