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Das Schweigen

Das Schweigen

OT: Tystnaden
DRAMA: Schweden, 1963
Regie: Ingmar Bergman
Darsteller: Ingrid Thulin, Gunnel Lindblom, Jörgen Lindström

STORY:

Ester, ihre Schwester Anna und deren Sohn Johan unterbrechen ihre Heimreise nach Schweden in Timoka. Timoka ist eine Stadt in einem fremden Land, das sich vermutlich im Krieg befindet und dessen Sprache sie nicht verstehen. Ester ist sichtlich krank und bleibt an ihr Hotelbett gefesselt. Anna treibt ziellos zwischen Hotel und Bars. Johann erkundet das Hotel. Die wenigen Momente, in denen sie miteinander sprechen, zeugen von Unverständnis und tiefen Spannungen.

KRITIK:

Drei Szenen:

Ester masturbiert im Bett - Ein Paar liebt sich im geschützten Dunkel eines Varietés - Anna wird von einem Fremden von hinten genommen.

Drei Szenen, die zusammen nicht einmal vier Minuten dauern. Aber drei Szenen, die für damalige Verhältnisse unerhört freizügig waren. Insbesondere die zentrale Szene im Varieté. Drei Szenen, die unweigerlich die Zensur auf den Plan rief.

Und die die Zuschauer in die Kinos zogen: 10,5 Millionen allein in Deutschland. Der Verleih reagierte und setzte dem Film eine erklärende und vor allem auch interpretierende Einleitung vorweg. Darin wird erläutert, dass DAS SCHWEIGEN - so der Regisseur - vor allem Gottes Schweigen ist. Und der Film, so hoffnungslos er sei, zeigt am Ende doch einen Funken Hoffnung. Die Zuschauer wurden so auf den Film vorbereitet.

Natürlich ist Bergmans eigene, religiös motivierte Interpretation seines Werkes in sich schlüssig. Ohne die Anwesenheit Gottes sind Menschen nicht in der Lage, zu leben. Sie vegetieren vor sich hin und flüchten sich in Alkohol - Ester liegt nicht zufällig im Sterben.

Und ohne Gottes Liebe sind sie auch nicht fähig, selbst zu lieben. Keiner der Beteiligten baut eine Beziehung zu seinen Nächsten auf: Ester erinnert sich mit Grauen an ihren Vater. Anna kümmert sich nicht um ihren Sohn. Die Beziehung zwischen den Schwestern ist ausgesprochen angespannt, obwohl Ester sich zu Anna hingezogen fühlt. Beide suchen dafür Ersatz in der sexuellen Befriedigung. Anna mit unbekannten Männern, Ester allein. Das war damals harter Tobak.

Bergman zeigt zwar die Sexualität unverblümt als Teil des menschlichen Seins. Aber sie verzweifeln dabei. Die sexuellen Erlebnisse erfüllen sie nicht, sondern verdeutlichen ihre Einsamkeit. Nur in diesem moralischen Kontext konnte Bergman Sexualität zeigen und seine Vision einer Welt ohne Gott gegen Eingriffe der Zensur durchsetzen. Dadurch konnten die Zuschauer Bergmans Film von Anfang an in voller Länge sehen. Mehr noch, Bergman öffnete erstmals die Tür für eine Lockerung der Zensur. Durch diesen Impuls öffnete sich das Kino der 60er Jahre und wurde wesentlich freizügiger.

Allerdings nahm Bergmans Interpretation dem Zuschauer die Möglichkeit, den Film auf eigene Art zu sehen. Dabei ist sein Film deutlich vielschichtiger angelegt und bietet durchaus Raum für andere Sichtweisen und Interpretationen.

Bergmans Kameramann Sven Nykvist erinnnerte sich etwa daran, dass DAS SCHWEIGEN wie ein Traum funktionieren sollte. Während draußen heller Tag herrscht, ist das Licht im Hotel diffus. Johanns bizarre Begegnung mit Liliputanern etwa muss nicht zwangsläufig wirklich stattgefunden haben. Nykvist hat diesen Dämmerzustand auch so fotografiert - und das ohne den typischen Weichzeichnereffekt. Stattdessen wählte er ein besonderes Filmmaterial, das die Grau- und Schwarztöne plastisch herausarbeitet.

Johanns Rundgänge durch das einsame Hotel gehören dabei zu den eindringlichsten Filmerfahrungen meiner Jugend. Die surreale Wirkung der Atmosphäre unterstützt die Tonspur, die ganz bewusst Alltagsgeräusche ausblendet und sich fast ausschließlich auf einzelne Geräusche fokussiert. Das Ticken einer Uhr. Das monotone Zuggeräusch. Das verkrampfte Atmen. Und - in der schockierendsten Szene - das Vibrieren eines Glases. Bergman zeigt in diesen Momenten nicht nur das Leben als Horror.

Er kommt einem Horrorfilm sehr nahe.

Das Schweigen Bild 1
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Das Schweigen Bild 7
FAZIT:

Ein depressives Kammerspiel über die Unfähigkeit der Kommunikation auf allen Ebenen, einschließlich der sexuellen, wird zu einem der größten Kassenerfolge der 60er Jahre. Sicher war nicht jeder Zuschauer an dem Kammerspiel interessiert, sondern mehr an dem Skandal. Aber egal, welche Grenzen DAS SCHWEIGEN durchbrach und welche Sichtweisen er änderte, er bleibt eine hochintelligente und komplexe Auseinandersetzung mit uns selbst. Und ein unheimlicher Film.

WERTUNG: 9 von 10 einsamen Fluren
TEXT © Marcel
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Gregor | 22.02.2014 22:03
sehr feine Rezi!
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