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Der Mann auf dem Dach

Der Mann auf dem Dach

OT: Mannen på taket
THRILLER: Schweden, 1976
Regie: Bo Widerberg
Darsteller: Carl-Gustav Lindstedt, Sven Wollter, Thomas Hellberg, Håkan Serner ua.

STORY:

Ein Mann liegt allein in seinem Krankenhauszimmer. Es ist Nacht. Immer mehr Schweißperlen bilden sich auf seinem Gesicht. Vor Schmerzen kann er nicht schlafen, deshalb klingelt er nach der Schwester. Diese gibt ihm Medikamente und begleitet ihn zur Toilette.
Als er zurück kommt ins halbdunkle Zimmer, fällt ihm etwas Eigenartiges auf. Er geht Richtung Vorhang und trifft auf seinen Mörder...
Wenige Stunden später ist die Polizei vor Ort. Der Killer hat ein wahres Blutbad angerichtet und den Mann regelrecht ausgeweidet. Es handelt sich bei dem Opfer um einen Polizisten namens Stig Nyman, der sich zu Lebzeiten nicht gerade mit Korrektheit im Dienst berühmt gemacht hat.
Kommissar Beck und seine Kollegen ermitteln zuerst in alle Richtungen. Und schon bald finden sie heraus, dass es sich bei dem Mörder um eine sehr gefährliche Person handelt, der es um Rache geht. Schwer bewaffnet verschanzt sich der Amokläufer auf einem Dach und schießt auf alle uniformierten Polizisten oder die, die ihm persönlich bekannt sind.
Wer ist er, was ist sein Motiv und - die dringendste Frage - wie kann man ihn stoppen?

KRITIK:

Es gibt Filme, bei denen man ab einer gewissen Laufzeit versucht ist, kurz auf die Uhr zu schielen oder sich zumindest zu fragen, wie lange man jetzt schon vor der Leinwand sitzt. Bei mir ist dies besonders dann der Fall, wenn sie über die "magische Grenze" von 90 Minuten hinausgehen.
Es gibt aber auch Filme, die eine fast unheimliche Sogwirkung besitzen - man fühlt sich in die Handlung regelrecht hineingezogen und schaltet Gedanken an Nebensächliches einfach ab. Letzteres ist bei dem schwedischen Polizei-Thriller aus dem Jahr 1976, der stolze 107 Minuten Laufzeit aufweist, der Fall.

"Der Mann auf dem Dach" besticht durch diesen beißenden schonungslosen Realismus, der skandinavische Filme oft auszeichnet. Das triste Stockholm, die kargen Lichtverhältnisse, die fahlen Farben der Wohnungen und der Gesichter der Protagonisten - diese Ingredenzien erzeugen diese ganz spezielle Atmosphäre, die man entweder sofort fühlt und begreift, oder eben nicht.

Der Mord am wehrlosen Nyman, die Tatwaffe übrigens ein Bajonett, wird drastisch dargestellt und weckt Assoziationen zu Szenen aus Reportagen über Schlachthöfe. So realistisch hat das Blut in Italien zu dieser Zeit bei Weitem nicht ausgesehen.

Manche der ermittelnden Kommissare werden zu Beginn als "gewöhnliche Männer" in zivil, zuhause im Kreis ihrer Familie, gezeigt.
Nein, sie sind keine Superbullen, die niemals eine Pause benötigen und ihre physiologischen und psychologischen Bedürfnisse für die Zeit der Ermittlungen komplett abstellen. Auch im weiteren Verlauf der Geschichte wirken sie stets menschlich und authentisch.

Als Beck müde wird und die Motivation etwas nachlässt, gönnt er sich eine Auszeit in einem Wellness-Bereich und wird dafür von seinem Kollegen neidisch beäugt. Einer seiner überarbeiteten Angestellten nickt kurz ein während einer Befragung und muss anschließend von Kollegen mithilfe des "grässlichen Spülwasser-Kaffees" wieder belebt werden.
Generell fällt das starke Bemühen aller Ermittler auf, streng nach Polizeiprotokoll vorzugehen. Die Abscheu gegenüber den Befragungsmethoden des verblichenen Kollegen Nyman resultiert in eine Art kollektive Scham der ehrbaren Polizisten. Das verleiht den Beamten einen zusätzlichen Sympathie-Punkt.

Die Dialoge wirken puristisch und ebenso aus dem Leben gegriffen wie die Mimik der Schauspieler und deren Charakter-Gesichter. Als Beck bei einer anderen Polizeidienststelle nach einem dort angestellten Beamten fragt und die Auskunft erhält, man habe ihn heute noch nicht gesehen, bittet er den Polizisten am Telefon, doch mal die anderen zu fragen.
Etwas widerwillig kommt aus dem anderen Ende der Leitung: "Welche anderen?"
Als Beck seine Stimme erhebt und flucht, sie werden doch wohl mehr als einen Polizisten auf der Wache haben, wird es in der Leitung leise und man hört gedämpft, wie sich der Gefragte ohne besondere stimmliche Intonation an seinen Kollegen wendet und erklärt, "der arrogante Beck von der Mordkommission" wolle wissen...
Beck verzieht bei diesem unbeabsichtigt mitgehörten Dialog keine Miene. Solche Szenen klingen banal, wirken aber grandios in ihrer Zurückhaltung und sind an Realismus nur schwer zu übertreffen.

Wenn gesprochene oder fotografierte Nebensächlichkeiten nachhaltig beeindrucken, wenn sie wie selbstverständlich in die Handlung eingebettet sind und mit dem Plot verschmelzen, dann hat der Regisseur, in diesem Fall ein Mann namens Bo Widerberg, Feinfühligkeit und sein besonderes künstlerisches Talent eindeutig unter Beweis gestellt.

"Der Mann auf dem Dach" zeigt nicht nur akribisch durchgeführte polizeiliche Ermittlungen, sympathische Charaktere und die tristen Straßen Stockholms, sondern präsentiert in der zweiten Hälfte des Films (als sich der Amokläufer auf dem Dach in Position begibt) Action und Spannung auf hohem Niveau.
Nach und nach werden immer schwerere Geschütze im Kampf gegen den bedrohlichen Mann auf dem Dach aufgefahren.
Spezialeinsatzkommandos, Motorräder, Hubschrauber und schließlich sogar die Hilfe von unbeteiligten Zivilisten (ohne Waffenschein!) werden von dem zunehmend überforderten und darum wohl teils unüberlegt agierenden Einsatzleiter in seiner Ratlosigkeit zu Hilfe geholt.

Der Mann auf dem Dach Bild 1
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FAZIT:

"Der Mann auf dem Dach" ist eine Art Poliziottesco mit schwedischer Mentalität, angenehm zurückhaltend und in der Darstellung doch stechend scharf. Schlichtweg ein spannender Kriminalfilm mit sorgfältiger Zeichnung der Charaktere.
Die vom Label Motion Picture vor wenigen Wochen veröffentlichte DVD verfügt über eine Bild- und Tonqualität, dass es eine wahre Freude ist.
Ich bin der Meinung, dass FILMTIPPS genau für diese Art von Film prädestiniert ist.
Wer einen hierzulande weitestgehend unbekannten und wahrscheinlich auch unterschätzten cineastischen Klassiker erstehen möchte, sollte sich gleich um den Erwerb der DVD bemühen. Wer sich für die literarische Vorlage des Films interessiert, suche nach den Romanen der Autoren Maj Sjöwall und Per Wahlöö.

WERTUNG: 9 von 10 Amokläufern
TEXT © Mauritia Mayer
Dein Kommentar >>
Dieter Oitzinger | 12.09.2013 09:22
Eine sehr, sehr super Kritik zu einem grossen Film. Erstaunlich
auch, wie modern der Film wirkt - nicht wegen der Frisuren und
dem Ambiente, die sind Kinder ihrer Zeit - sondern von der
Charakterzeichnung der Protagonisten und dem Storytelling her...
und, so seltsam es klingt, eine erstaunlich humanistische
Grundaussage umwabbert den ganzen Film - eben weil die Cops
keine reaktionären Dirty Harry-Typen sind (wobei: nix gegen Dirty
Harry..., aber das ist nicht nur eine andere Liga, sondern eine ganz
andere Sportart). Und das Ende unterstreicht diese Grundtendenz
sowieso... Einzig der Trailer verspricht einen ganz anderen Film -
einen actionlastigen Exploitation-Kracher nämlich (va. weil der Film
beim extrem lässigen "Motion-Picture"-Label erschienen ist, der ja
sonst eher mit so Trash-Granaten wie "Patrik lebt", "Die Bronx-
Katzen", "Der Tiger von Osaka", "Woodoo-Inferno des Grauens"
usw. aufwartet.)
Mauritia M. | 16.09.2013 18:38
Danke für's Lob. Das mit der Vermarktung sehe ich auch so. Umso wichtiger war es mir, mit diesem Review auf diesen herausragenden Film aufmerksam zu machen.
>> antworten
Harald | 31.08.2013 11:51
Gekauft. Aber so was von!
>> antworten


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