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Der Nachtmahr

Der Nachtmahr

DRAMA/MYSTERY: D, 2015
Regie: AKIZ
Darsteller: Carolyn Genzkow, Sina Tkotsch, Wilson Gonzalez Ochsenknecht, Arnd Klawitter

STORY:

Die Pool-Party hat gerade erst begonnen, als Tina im Gras hinter einem Zaun auf etwas Unbegreifliches trifft. Vielleicht war es auch nur ein Traum. Doch Schlaf wird sie fortan keinen mehr finden: Unheimliche Geräusche dringen nächtens in ihr Zimmer. Und da sitzt dieses Wesen vor dem geöffneten Kühlschrank, wirft Eierschalen auf den Boden und verschwindet, als Tina in Panik nach ihren Eltern schreit. Haben ihre Sinnesorgane ihr einen Streich gespielt? Wird sie verrückt? Oder existiert dieses Monster tatsächlich? Und wenn ja, was will es ihr sagen?

KRITIK:

DER NACHTMAHR ist einer dieser Filme, die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Zumindest, wenn es nach den Kriterien der deutschen Filmförderungshölle geht. Aber lassen wir Regisseur AKIZ, der diesen Film, in dem ein Monster ins Leben eines Teenagers tritt, ohne öffentliche Unterstützung gedreht hat, selbst zu Wort kommen:

AKIZ: Man hat die freie Wahl: Entweder man macht eine Komödie oder einen Kinderfilm oder ein Sozialdrama. Und das Sozialdrama gilt schon als Avantgarde. Dann kann man sich entscheiden, entweder macht man Vergangenheitsbewältigung, Ost-West oder Drittes Reich, oder man bezieht sich auf die Gegenwart, dann bitte schön Migrationshintergrund oder Nazis. Das kann doch nicht alles sein!

SPIEGEL ONLINE: Was ist "Der Nachtmahr"?

AKIZ: Das war die Schwierigkeit bei der Produktion des Films. Auch heute kann ich den Film nicht in einem Genre platzieren. Ich finde aber auch nicht, dass man das muss. Eigentlich ist das eh anachronistisch. Was ist "Breaking Bad" für ein Genre? Oder "The Revenant"? "Under the Skin" ist einer der tollsten Filme der letzten Jahre, lässt sich auch nicht kategorisieren.

(Aus einem Interview auf SPIEGEL ONLINE)

Kategorisierien lässt sich DER NACHTMAHR tatsächlich schwer. Ich will's trotzdem versuchen: ERASERHEAD meets KIDS auf einer SPRING BREAKERS-Party in Berlin Mitte, gefilmt mit Mikro-Budget, aber maximaler künstlerischer Freiheit, ohne künstlichem Licht, im Dogma-Stil quasi, aber halt mit geilen hochauflösenden Kameras , angetrieben von einem harten, wirklich harten Elektro-Soundtrack. Am Anfang gibt es eine Warnung vor den Stroboskop- und Sound-Effekten. Und dann kommt die Aufforderung, den Film möglichst laut abzuspielen. Ja, der NACHTMAHR rockt - und das nicht nur wegen eines unerwarteten Gastauftritts von Ex-Sonic Youth-Bassistin Kim Gordon, der Godmother of Noiserock.

Ein Film, der sich was traut. Der Genre-Grenzen niederreißt. Der wie selbstverständlich ein Monster, eine Art E.T. aus dem Einmachglas eines Pathologie-Museums, in die scheinbar heile Welt einer Berliner Obere-Mittelschicht-Familie platzen lässt. Ein Werk, das in bester Monsterfilm-Tradition das Unbegreifliche umarmt, uns mit dem Monströsen sympathisieren lässt. Und dann weigert sich dieser Film, etwas zu erklären. Er will einfach nur zeigen. Und er funktioniert. Nicht nur in den phantastischen, auch in seinen dramatischen Parts. Besser, als so mancher "seriöser" Film.

Mit 88 Minuten läuft DER NACHTMAR genau richtig, angenehm kurz eigentlich. So wie (hoffentlich) auch diese Kritik.

Noch ein Schlusswort von Regisseur AKIZ: Als der Film fertig war, wollte der Verleih ihn direkt auf DVD herausbringen. Vertraglich hätte er das auch gedurft. Das wollten wir nicht hinnehmen. Denn es kann nicht sein, dass ich 13 oder 14 Jahre für einen Film kämpfe wie ein Irrer, damit er nur im DVD-Regal landet. Und wir hatten alle das Gefühl, der hat eine Chance verdient im Kino.

Hat er.

Der Nachtmahr Bild 1
Der Nachtmahr Bild 2
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Der Nachtmahr Bild 5
Der Nachtmahr Bild 6
FAZIT:

Coming of Age-Drama mit Monster. DER NACHTMAHR schlägt neue Töne an im deutschen Kino: Rauh, energiegeladen, experimentell ohne spröde zu sein, stellenweise ziemlich unheimlich, angetrieben von einem harten Electro-Soundtrack. Kim Gordon (Sonic Youth) schaut auch kurz vorbei. Jetzt im Kino.

WERTUNG: 8 von 10 offenen Kühlschranktüren
Dein Kommentar >>
Johannes | 01.06.2016 12:08
Ich frage mich ernsthaft, wieso in jeder Besprechung unbedingt der Auftritt von Kim Gordon so herausgestellt wird - macht es den Film besser, dass eine Musikerin eine kleine Rolle hat? Oder geht es darum, dass überhaupt eine "Berühmtheit" mitspielt?
Harald | 01.06.2016 15:54
Seltsam, in keiner einziger Besprechung, die ich vorab gelesen hatte (filmstarts, die zeit, spiegel online, manifest) war ihr Name erwähnt. Ich hab schon vermutet, ich wäre der Erste, dem ihre Mitwirkung aufgefallen ist. Aber vielleicht war es ja wirklich so, uns alle folgenden Rezensionen sind von mir abgeschrieben :-)
Lesotho | 29.11.2016 15:29
Mich hat eure Kritik neugierig gemacht und ich fand's dann...nun ja... "interessant". Die Grundidee und die Musik waren super und ich fand auch Carolyn Genzkow gut, aber einige Schauspieler waren unterirdisch (ihre Eltern!!) und richtig spannend fand ich den Film dann auch nicht. Ich würde 5/10 geben...auch mit mindestens einem Versuchspunkt, einfach, weil sie es gewagt haben, einen Genrefilm in Deutschland zu drehen.
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