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Die Entfesselten

Die Entfesselten

OT: L'Agression
THRILLER: Frankreich, Ita, 1975
Regie: Gérard Pirès
Darsteller: Jean-Louis Trintignant, Catherine Deneuve, Claude Brasseur, Franco Fabrizi

STORY:

Paul Varlin reist urlaubsbedingt in einem Fiat mit seiner Frau und der 10 Jahre alten Tochter durchs Rhonetal Richtung Mittelmeer. Nachdem er sich auf einer Autobahnraststätte mit ein paar Motorradfahrern anlegt, wird er auf der Autobahn von ihnen verfolgt und nach einem Unfall bis zur Bewusstlosigkeit verprügelt. 
Als er wieder zu sich kommt, sind seine Frau und Tochter tot. Wie sich herausstellt, wurden sie vor ihrem Ableben vergewaltigt.
Zunächst gerät Paul selbst ins Visier der örtlichen Polizei und als die Ermittlungen der Exekutive ins Leere zu Laufen scheinen, trifft er die Entscheidung, sich an den Verdächtigen zu rächen...

KRITIK:

"Die Entfesselten" ist ein französischer Thriller mit Starbesetzung aus dem Jahr 1975.
Das schauspielerische Talent von Jean-Louis Trintignant (u.a. bekannt aus Leichen pflastern seinen Weg) in der Rolle des seltsam emotionslosen Paul Varlin und der vielfach gerühmten und verehrten Catherine Deneuve (siehe beispielsweise The Hunger oder Anima Persa) in der Rolle seiner Schwägerin Sarah kommt zwar nicht vollends zur Geltung, aber die beiden agieren innerhalb der eng gesteckten Grenzen des Drehbuchs auf eine kauzige Art unterhaltsam.

Paul, der scheinbar seine Trauer um seine kleine Familie total verdrängt und eine Persönlichkeit verkörpert, die im Psychiaterjargon gemeinhin als "affektiv wenig mitschwingend" bezeichnet wird, wirkt in seinem gesamten Verhalten recht unmotiviert. Weder die im Vollrausch versuchte Vergewaltigung seiner Schwägerin noch sein Racheplan wirken irgendwie nachvollziehbar.

Die Dialoge zwischen Sarah und Paul weckten aufgrund ihrer Sperrigkeit und Banalität bei mir Erinnerungen an Arthaus-Filme, was aber kein Minuspunkt sein muss. Ob dies rein auf die Synchronisation oder die tatsächlichen Dialoge zurückzuführen ist, kann ich leider nicht beurteilen.

Eine Schauspielerin mit der Ausstrahlung und dem Talent von Catherine Deneuve in der Rolle der Schwägerin Sarah ist, mit Verlaub, exemplarisch für das gute alte Sprichwort "Perlen vor die Säue".
Sarah ist eine sexuell frustrierte Ehefrau, die sich seit ihrer Heirat als züchtige Dame verkleidet und augenscheinlich nur auf die erstbeste Gelegenheit gewartet hat, aus ihrem goldenen Käfig auszubrechen.
Wie ein verliebtes Schulmädchen tapst sie Paul hinterher, verführt ihn und blüht trotz des gewaltsamen Todes ihrer Schwester und Nichte im Verlauf des Films makabererweise immer mehr auf.
Ihre Frisur wechselt mit jeder Szene und ihr Kleidungsstil sowie ihre verbale Ausdrucksweise scheinen immer freizügiger zu werden.

Auch von ihren Lippen kommen keine Worte des Bedauerns, im Gegenteil. Sie gesteht Paul in einer Szene sogar, dass sie nur "auf eine Gelegenheit gewartet" habe und sie wie alle kleine Schwestern immer schon für den Mann ihrer großen Schwester geschwärmt habe.
Den drohenden Racheakt will oder kann sie nicht verhindern, jedenfalls hat sie dem geplanten Gewaltakt Pauls nichts (außer ein bisschen Ablenkung durch plumpe Koketterie) entgegenzusetzen.

Was die Geschichte meiner Meinung nach neben den aufwändig gefilmten und dramaturgisch fesselnden Verfolgungsjagden zudem spannend macht, ist die Tatsache, dass Paul sich während seiner gesamten Rache-Vorbereitungsphase nicht sicher ist, ob die von ihm ausspionierten Motorradfahrer wirklich diejenigen sind, die den Tod seiner Liebsten zu verantworten haben.
Immerhin trugen die Täter schwarze Helme mit undurchsichtigem Visier und die vermeintlichen Bösewichte besitzen - schenkt man einem etwas windigen Zeugen Glauben - ein lückenloses Alibi.
Als Zuschauer(in) weiß man nicht mehr als der Protagonist und zweifelt an der Sinnhaftigkeit der geplanten Hinrichtung der Biker.

Zu viel möchte ich euch nicht verraten, aber im letzten Drittel nimmt die Story eine herrlich gialloeske, tendenziell skurrile Wendung, die das Drehbuch unterhaltungsmäßig etwas aufpeppt.
Die Gewaltdarstellungen im Film sind nicht explizit, die mit etwas Sleaze angehauchten Szenen zu brav, als dass man von einem Exploitationfilm die Rede sein könnte.
Und im Gegensatz zu den Meinungen einiger Rezensenten würde ich das "Biker-Thema" nicht in den Mittelpunkt rücken, sondern behaupten, es hier mit einem trotz der Thematik nicht ganz ernsthaften Selbstjustiz-Thriller zu tun zu haben.

Die Entfesselten Bild 1
Die Entfesselten Bild 2
Die Entfesselten Bild 3
Die Entfesselten Bild 4
Die Entfesselten Bild 5
Die Entfesselten Bild 6
FAZIT:

"Die Entfesselten" ist kein Film der großen Emotionen oder besonders gut durchdachten Geschichte und auch die von Einigen oft bemühte "Gesellschaftskritik" erscheint mir eher an den Haaren herbeigezogen, aber wenn man eine Schwäche für rasante Siebzigerjahre-Streifen aus Europa hat, sicherlich eine gute Investition.

WERTUNG: 6 von 10 Kawasakifahrern
TEXT © Mauritia Mayer
Dein Kommentar >>
Monezza | 15.07.2013 15:19
Oh, den hab ich lange gesucht. Sehr treffend rezensiert! Ich zähle wohl zur Zielgruppe (70er Jahre Trintignant-Fan)hatte aber meine Mühe mit diesem seltsam emotionslosen Film. Er ist schon strange, aber auch schön grimmig-düster und der "Twist" reisst einiges raus. Was für Kenner eben. ;-)
Mauritia M. | 15.07.2013 18:19
Danke. Muss auch gestehen, dass ich weitaus weniger Probleme mit Over-Acting habe als mit dieser seltsamen Emotionslosigkeit. Deshalb "nur" 6 von 10. :)
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