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Die Viererbande

Die Viererbande

OT: La bande des quatre
THRILLER: FR, 1988
Regie: Jacques Rivette
Darsteller: Bulle Ogier, Benoît Régent, Fejria Deliba, Laurence Côte, Bernadette Giraud, Inês de Medeiros

STORY:

Das Leben vier junger Schauspielschülerinnen gerät jäh durcheinander, als wie aus dem Nichts ein mysteriöser Fremder auftaucht und wilde Geschichten über eine gemeinsame Freundin der jungen Frauen verbreitet. Auch wenn die Vier den Mann anfangs noch leicht amüsiert als Spinner abtun, sehen sie sich im Laufe der Zeit mehr und mehr mit unlösbaren Fragen konfrontiert. Wer ist der Mann? Weshalb benutzt er immer einen falschen Namen? Und was ist überhaupt los mit ihrer gemeinsamen Freundin?

KRITIK:

Theater hat, zumindest für mich, schon seit jäher etwas mystisches, geheimnisvolles. Wie so viele Dinge die ich nicht verstehe und zu denen mir eigentlich der Zugang fehlt. Aber vielleicht liegt ja auch genau darin der Reiz. Allein schon die Herkunft, der Ursprung hat etwas schließlich etwas verruchtes. Es beginnt schon bei der gesellschaftliche Stellung der fahrenden Gaukler im Mittelalter, irgendwo zwischen Bettler und Totengräber, inklusive Beerdigung außerhalb von Friedhofsmauern. Gleichzeitig bot aber ausgerechnet das verachtete Gewerbe der Schauspielerei für viele Frauen zu dieser Zeit den einzigen Weg um sich zu emanzipieren und ihren prügelnden Vätern und Männern zu entfliehen.

Hinzu kommt, dass die Bretter die die Welt bedeuten schon seit jeher ein Anziehungspunkt von übersteigenden, zerrissenen (und damit auch faszinierenden) Egos waren. Man denke nur an Edmund Kean, der für seinen exzessiven und exzentrischen Lebensstil bekannt war. Und auch andere "Geschichten" die man von der Bühne so hört, man denke nur an Regisseure die während der Probearbeit zusammenbrechen oder an Schauspieler die gleich einmal mit Tischen nach ihren Regisseuren werfen, schüren die Faszination und den Mythos Theater. Ganz zu schweigen von den Darstellern, die sich vom Publikum gestört fühlen und während der Vorstellung ihren Unmut lautstark zur Geltung bringen. Es muss also folglich mehr dahinter sein, als nur komische Herumgehüpfe auf der Bühne und das rezitieren uralter Texte.

Deshalb hat es natürlich etwas Reizvolles einmal einen kurzen Blick hinter die Kulissen zu erhaschen. Quasi durchs Schlüsselloch zu gucken. Auch wenn der Zugang über einen Spielfilm etwas gewöhnungsbedürftig erscheinen mag. Natürlich wäre eine Dokumentation vermutlich um vieles erhellender, allerdings würde sie auch ein wenig von der Illusion rauben und wäre wohl kaum ein solcher filmischer Genuss wie "Die Viererbande".

Der Film spielt zum größten Teil in einem Theater. Was beim Nouvelle Vague Veteranen Jacques Rivette eigentlich nicht sonderlich überraschen sollte. Schließlich gibt es laut ihm sogar eine direkte Verbindung zwischen Film und Theater. Und eine gewisse Faszination fürs Theater oder zumindest für die Schauspielkunst, kann man ihm nach Ansehen des Films nicht absprechen.

Man sieht junge Schauspielerinnen beim Proben, beobachtet sie beim chargieren, blickt ihnen beim Improvisieren über die Schultern. Szenen werden wiederholt, mit unterschiedlichen Darstellern durchprobiert, inmitten der Probe abgebrochen. Das mag jetzt vielleicht langweilig klingen, aber ich könnte den jungen Schauspielschülerinnen (die Gruppe ist rein weiblich, Männerrollen werden vornehmlich von burschikosen Mädchen dargestellt) stundenlang zusehen, ohne dass mir langweilig werden würde. Warum? Ganz einfach, weil Rivette es einfach drauf hat. Er inszeniert vor allem das Spiel im Theater mit einer solchen Spannung und hat ein wahnsinniges Gefühl für Rhythmus und Komposition. Es macht einfach Spaß, dem ganzen zuzuschauen. Schauspielführung, Bildkomposition, die Zeit die er sich für Zwischentöne nimmt, all das machen "Die Viererbande" zu einem filmischen Meisterwerk.

Einzelne Szenen wirken manchmal wie in einem Gemälde durchkomponiert und wirken doch gleichzeitig auch vital und lebendig.

Dabei liegt der Focus des Films nicht unbedingt auf dem Theater. Es geht eigentlich viel mehr um die "Viererbande" und auch um ihr Leben abseits der Bühne. Liebeswirren, Freundschaft, Spannungen innerhalb der Gruppe, all das wird gezeigt. Rivette zeigt sein Protagonisten auch bei ganz alltäglichen Dingen, wie dem gemeinsamen Frühstück. Und natürlich auch beim Theaterunterricht.

Theater ist nun einmal ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Es hat einen besonderen Reiz, wenn beide "Welten" sich vermischen. Wenn also im Kurs beispielsweise Aufregung herrscht, ob der wilden Gerüchte, die man sich erzählt. Oder wenn einzelne Jungdarstellerinnen ihre persönlichen Probleme nicht abschütteln können und in die Arbeit an der Rolle mitnehmen.

Rivette lässt sich mit seiner Inszenierung Zeit und schreckt auch nicht davor zurück, einfach nur mal aus einem fahrenden Zug zu filmen. Der Film hat streckenweise auch etwas theatralisches, was nicht zuletzt am Einsatz klassischer Musik und am fast schon epochalen Schluss liegt.

Vieles bleibt im Dunkel. Manches wird nur angedeutet. Als Zuseher muss man sich manches selbst irgendwie weiterspinnen. Aber genau darin liegt auch der Reiz.

Vielleicht liegt der Reiz des Theaters ja darin, dass auch das Publikum miteinbezogen werden kann. Rivette gelingt jedenfalls das Kunststück einen Film zu schaffen, in dem der Zuseher einbezogen wird, ein Film in dem man als Zuseher auch ein wenig die eigene Phantasie gebrauchen muss.

Die Viererbande Bild 1
Die Viererbande Bild 2
Die Viererbande Bild 3
Die Viererbande Bild 4
Die Viererbande Bild 5
Die Viererbande Bild 6
Die Viererbande Bild 7
FAZIT:

Mit seinen knapp 155 Minuten ist Jaques Rivettes Film "Die Viererbande" jetzt nicht unbedingt ein leichter Unterhaltungsfilm für Zwischendurch. "Die Vierbande" ist vielmehr ein Film der anregt, den Zuseher aktiv fordert und zum Reflektieren einlädt. Schauspielerisch und inszenatorisch zwar ein Meisterstück, dürfte der Film trotzdem nicht alle Zuseher ansprechen, da eigentlich nicht wirklich viel passiert und er zudem seine Geheimnisse nicht preisgibt. Aber wie sagte schon Rivette selbst: "Ich möchte den Zuschauer in eine Lage versetzen, in der er sich laufend Fragen stellt. Er soll nicht gemütlich in seinem Sessel sitzen und einer Geschichte folgen, die ihn auf einer geradlinigen Bahn hält".
Auf DVD erschienen im Rahmen der "Edition Jacques Rivette", zusammen mit den Filmen "Die schöne Querulantin" und "Die Geschichte von Marie & Julien". Im Vertrieb von Al!ve.

WERTUNG: 8 von 10 auf dem Kaminsinns herumliegenden Hanteln.
TEXT © Gerti
Dein Kommentar >>
Ralph | 15.05.2010 17:39
Wird angeschaut.
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