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Die Welt ist gro und Rettung lauert berall

Die Welt ist groß und Rettung lauert überall

OT: Svetat e golyam i spasenie debne otvsyakade
ROADMOVIE: DE, 2008
Regie: Stephan Komandarev
Darsteller: Miki Manojlovic, Carlo Ljubek, Hristo Mutafchiev, Ana Papadopulu

STORY:

Im Balkan, dort wo Europa aufhört und nie beginnt, wurde Aleksander Georgiev, genannt Sashko, Mitte der 70er Jahre geboren. Doch das ist schon lange her, Aleksander hat mit der alten Heimat nicht mehr viel am Hut, er lebt und arbeitet nun schon seit Jahren in Deutschland. Sein Leben verändert sich schlagartig, als er durch einen schweren Autounfall neben seinen Eltern auch noch sein Gedächtnis verliert. Wie aus dem Nichts taucht daraufhin Aleksanders bulgarischer Großvater auf. Und der hat sich fest vorgenommen dem verlorenen Enkelsohn nicht nur in Sachen Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen. Und was eignet sich dazu besser als die Kraft eines Backgammonspiels?

KRITIK:

Tragikomödien sind schon etwas wunderbares. Ebenso wie Roadmovies. Doch leider gelingt nicht jeder Tragikomödie der Spagat zwischen Tragödie und Komödie und Roadmovies verfahren sich nur zu oft in Gefilden der Langeweile oder der Nichtigkeit. Und manche tragikomischen Filme haben zwar durchaus Potential, aber der Funke will letztendlich nicht so recht überspringen. Doch die Welt ist groß, und gute Filme lauern überall. Auch in Bulgarien.

Obwohl, bei "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall", handelt es sich wenn man es genau nimmt um eine Bulgarisch-Deutsch-Ungarische Koproduktion, bei der Slowenien auch noch mitmischte. Klingt jetzt zwar nach Euro-Pudding, führte aber tatsächlich nur dazu, dass in verschiedenen Ländern gedreht werden konnte und der Film zudem mehrsprachig, also mit Untertiteln, daherkommt. Aber geneigte Filmfreunde lassen sich von solchen Dingen natürlich nicht abschrecken, zumal die Mehrsprachigkeit für ein gewisses Maß an Authentizität sorgt.

Was den Film von anderen Produktionen abhebt, ist seine Dichte und die enorme Themenvielfalt, die er anschneidet. Wenn man bedenkt, dass es sich um eine Romanverfilmung handelt, eigentlich kaum verwunderlich.

So beginnt der Film mit einen kleinen Abriss über Entfremdung. Es geht nicht nur um den Enkel, der seinen Großvater nicht mehr erkennt, sondern auch um den Großvater der seinen eigenen Enkelsohn nicht mehr (wieder)erkennt. Wenn er durch Aleksanders Wohnung geht, ist es für ihn, als wäre es die Wohnung eines Fremden, lediglich ein verstaubtes Backgammonspiel weckt noch Erinnerungen an den kleinen Jungen, den er damals in Bulgarien in die Kunst des Spiels einweihte.

Es sind jedoch nicht nur zwei einander fremd gewordenen Menschen die aufeinander treffen, es sind vielmehr Generationen, unterschiedliche Mentalitäten die aufeinander prallen. Da der in sich gekehrte Jungspund, der sich sein Geld mit der Übersetzung von Staubsaugerbedienungsanleitungen verdient und ansonsten recht antriebslos wirkt und lieber Fernsehen guckt als eine Freundin zu finden und dort der rüstige Opa, der König des Backgammon, der sich nie ein Blatt vor dem Mund genommen hat und nicht zuletzt deshalb auch schon auf einige Jahre Gefängnis zurückblicken kann. Und auf enorm viel Lebenserfahrung.

Wie gut, dass Opa endlich mal durchgreift und den Jungen auf die Straße prügelt und in weiterer Folge zu einer Tandemfahrt quer durch den Balkan animiert. Es sind vor allem die Gegensätze zwischen den beiden Hauptprotagonisten, aus denen der Film sein komisches Potential schöpft, obwohl der Film humortechnisch eigentlich eher auf kleiner Flamme kocht. Also Schenkelklopfer und skurille Charaktere findet man im Film nicht. Dennoch würde ich den Film nicht so direkt dem Drama zuordnen, nicht zuletzt aufgrund des positiven Grundtons.

Der Film umschifft das Problem ständig irgendwelche interessante Dinge die sich während der Reise ereignen finden zu müssen, indem er einfach immer wieder Rückblenden einstreut, in denen über Aleksanders Kindheit und von seine Eltern Bezug erzählt wird. Auffallend ist, dass für diese Reise in die Vergangenheit warme, vor allem in Erdtönen gehaltene Farben Verwendung fanden, während das Deutschland der Gegenwart in kalten, nahezu sterilen Bildern gezeigt wird. Die Reise in die Vergangenheit beginnt zwar etwas klischeehaft (die Großmutter deren höchstes Glück eine Packung Zucker ist, die alten Männer die tagsüber vor den Gaststätten Backgammon spielen) entpuppt sich aber mehr und mehr als eine düstere Reise in die Zeit der Sowjetunion die damit beginnt dass Aleksanders Vater vom Regime unter Druck gesetzt wird und nur einen einzigen Ausweg sieht: Emigration.

Es gibt also zwei unterschiedliche Handlungsstränge, einerseits die Odyssee des jungen Aleksander nach Deutschland und anderseits die Reise des gealterten Aleksander zurück in das Land seiner Geburt. Ersteres entpuppt sich als komplexes Familiendrama über politischen Druck, Spitzelwesen und den Umgang mit den in einem Flüchtlingslager gestrandeten Asylanten. Und Letzteres als kurzweilige Tandemfahrt in die Vergangenheit, in der Aleksander aber gleichzeitig auch mehr und mehr über sich selbst und natürlich Backgammon lernt.

Das Spiel ist übrigens das Herzstück des Ganzen. Wenn sich beispielsweise während eines kleinen Backgammonspiels sich das Gespräch zwar oberflächlich ums Spiel aber gleichzeitig um die verzwickte Lage in der einer der Spieler sich befindet, dreht, ist die Verschmelzung zwischen Spiel und Geschichte perfekt.

Der Wechsel zwischen den Handlungssträngen tut der Spannung keinen Abbruch, im Gegenteil. Was jedoch auffällt, ist, dass vor allem die Handlung um den gealterten Aleksander im Laufe des Films an Spannung verliert. Vor allem die Szenen die Aleksander ohne seinen Großvater bestreiten muss, fallen im Gesamtbild etwas ab. Was aber irgendwie kaum verwunderlich ist, schließlich kann die zarte Lovestory zwischen dem blassen Aleksander und einer jungen Ungarin bei weitem nicht an die Intensität eines Aufstandes in einem italienischen Flüchtlingslager, in dem die Asylanten wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden oder intensiven Verhörszenen, heranreichen. Bei Szenen in denen jedoch auch Aleksanders Großvater dabei ist, ist der Abfall weitaus weniger gering. Dies liegt vor allem am wunderbaren Miki Manojlovic, bekannt aus dem einen oder anderen Emir Kusturica-Film, dem man einfach nur gerne zuschaut.

Neben den durch die Bank guten Schauspieler, einen großartigen Miki Manojlovic und einer interessanten Story, trumpft der Film auch noch mit einem spitzenmäßigen Soundtrack auf.

Der eine oder andere könnte vielleicht noch einwenden, dass die Geschichte streckenweise zu unrealistisch wäre und dass das Leben in Wahrheit kein Backgammonspiel sei. Und dass der Großvater irgendwann die Antidepressiva seines Sohnes wegwirft und ihm stattdessen Alkohol empfiehlt, ist etwas grenzwertig. Aber hey - es ist nur ein Film und in Filmen darf noch ungestraft an die Macht der Musik und der Phantasie geglaubt werden. Und in Filmen darf der Null-Bock und No-Responsibility-Generation ordentlich in den Arsch getreten werden.

Die Welt ist groß und Rettung lauert überall Bild 1
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Die Welt ist groß und Rettung lauert überall Bild 5
FAZIT:

Wenn der Opa mit seinem Enkel eine Reise tut kann alles passieren, sogar dass sich das Leben plötzlich als Backgammonspiel entpuppt. "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall" entpuppt sich als Ode an das Leben und an die Schönheit des Augenblicks. Und als Aufruf das Leben selbst in die Hand zu nehmen.
In diesem Sinne: "Das Schicksal ist der Würfel, den du in den Händen hältst, und das Leben ist ein Spiel auf dem Grad zwischen Glück und Können".

WERTUNG: 8 von 10 roten Spielzeugautos
TEXT © Gerti
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