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Die rote Flut

Die rote Flut

OT: Red Dawn
ACTION: USA, 1984
Regie: John Milius
Darsteller: Patrick Swayze, C. Thomas Howell, Charlie Sheen, Jennifer Grey

STORY:

Der Angsttraum jedes Kalten Kriegers ist Wirklichkeit geworden. Zuerst fiel der deutsche Bundestag an die Grünen, dann Mittelamerika an die Kommunisten, und schließlich die NATO auseinander. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Russen in God's own Country einfallen würden, um die Amerikaner in Umerziehungslager zu stecken und ihre Hamburger und Freedom Fries wegzuessen. Doch die roten Invasoren haben die Rechnung ohne die heldenhaften Schüler einer Highschool in den Rocky Mountains gemacht. Die tapferen Jungs unter der Führung von Patrick Swayze ziehen sich in die Berge zurück und schießen die bösen Commies haufenweise über den Haufen, bis sie weinend nach Hause laufen. Oder so ähnlich.

KRITIK:

John Milius. Der selbsternannte "Hollywood Barbarian". Der leidenschaftliche Waffensammler und National Rifle Association-Aktivist. Der verhinderte Vier Sterne-General, der wegen Asthma nicht zur Armee konnte und deshalb Regisseur wurde. Der Mann, der die Coen-Brüder zur Figur des Walter in THE BIG LEBOWSKY inspirierte. Der Regisseur von CONAN und Drehbuchautor von APOCALYPSE NOW. Der Schöpfer des vielleicht berüchtigsten - und unfreiwillig lustigsten - Propagandafilm der an berüchtigten und unfreiwillig komischen Propagandafilmen nicht eben armen Achtziger Jahre.

Die Rede ist - erraten - von RED DAWN a.k.a. DIE ROTE FLUT.

"Tun wir das Richtige?", fragt der neunzehnjährige Charlie Sheen in einem raren Moment der Selbstreflexion. Patrick Swayze, seine spätere dirty Tanzpartnerin Jennifer Grey und C. Thomas Howell blicken stumm zu Boden. Wenn das Vaterland bedroht ist, bedarf es nicht vieler Worte. Man weiß auch so, was zu tun ist: In den Kühler pinkeln macht den Geländewagen wieder flott. Frisch gezapftes Hirschblut trinken macht stark und schlau. Russen in den Rücken schießen und Verräter vierteilen macht zwar keinen Spaß, lässt sich aber im Eifer der patriotischen Pflichterfüllung kaum vermeiden.

Vor der Durchführung der Vierteilung schreckt das Drehbuch dann aber doch zurück. Wegen Genfer Konvention und so. Und weil C. Thomas Howell die berechtigte Frage stellt, was sie, die Freiheitskämpfer, nach so einer Aktion denn von ihnen, den barbarischen Russen, noch unterscheide.

Und irgendwann ist auch dieser Krieg - der Dritte Weltkrieg, um genau zu sein - auch wieder zu Ende. Die jugendlichen Helden werden - Vorsicht, kleiner SPOILER - posthum mit Gedenktafeln und wehenden Flaggen im Nationalpark geehrt; richtig feierlich und würdevoll sieht das aus.

Man merkt schon. Es geht ein wenig - ähm - verhaltensauffällig zu in diesem Kriegsfilm von 1984, gegen den die Friedensbewegung einst allen Ernstes Protest wegen "Volksverhetzung" einlegte, bis er aus den deutschen Kinos genommen wurde.

Dabei erweist sich Milius' mit damals angesagten Brat-Pack-Darstellern und sichtlich üppigen Budgetmitteln realisierter patriotischer Propagandastreifen als Werk von fast schon sympathischer geistiger Schlichtheit. Der Hundertschaft an Statisten und sowjetischen Panzern steht eine Legion an Logiklöchern gegenüber, vor deren Übermacht die Geschichte nach spätestens fünfzehn Minuten kapituliert.

Okay, ich gebe zu, ich hab's beim österreichischen Bundesheer nicht mal zum Korporal gebracht. Aber wenn unsere Helden mit der Waffe in der Hand seelenruhig und von Wachen und Straßensperren vollkommen unbehelligt die Hauptstraße einer besetzten Stadt entlang schlendern, als wär's ein entspannter Shoppingbummel, darf ich militärisches Greenhorn mich schon ein bissl wunden, dass Drehbuchautor John Milius vom Krieg spielen offensichtlich noch weniger Ahnung hat als ich.

Oder wie der Spiegel seinerzeit ätzte: "Der Film, offensichtlich zur moralischen Aufrüstung gedacht, verfehlt sein Ziel auf das bedenklichste und ist richtig wehrkraftzersetzend. Denn was braucht der Westen, was braucht die freie Welt Raketen, Neutronenbomben und Laserkanonen, wenn es doch reicht, dass ein paar Schüler nach der Schule statt zum Football zum Partisanenkrieg gehen?"

Dem ist wenig hinzuzufügen. Außer vielleicht, dass die Soap-Opera-artige Inszenierung, die jedem Gemetzel eine mit klebriger Basil Poledouris -Musik untermalte "dramatische" Szene folgen lässt, dem Film jede Spannung nimmt. Dabei können sich die Actionszenen, die sich durch hohen Munitionsverbrauch und Rambo-artige Kollateralschäden an Gebäuden, Geräten und Menschen auszeichnen, absolut sehen lassen.

Und auch die Landschaftsfotographie ist definitiv eindrucksvoll. Sicherlich DER Grund für den großen Erfolg des Streifens, damals, 1984, unter dem heimatbewussten Präsidenten Ronald Reagan. Und offenbar immer noch Grund genug, anno 2011 ein Remake nachzuschießen. In dem die Russen erst leichtsinnigerweise durch Chinesen und dann durch Nordkoreaner ersetzt wurden. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Die rote Flut Bild 2So kann's gehen:
Die rote Flut Bild 1Kaum sind die Grünen an der Macht ...
Die rote Flut Bild 5... kommen auch schon die Russen
Die rote Flut Bild 4... und legen alles in Schutt und Asche ...
Die rote Flut Bild 5... bis sie endlich einen McDonald's finden.
Die rote Flut Bild 6Doch Patrick Swayze hat es gar nicht gern, wenn man ihm dahergelaufene Commies die Hamburger und Freedom Fries wegnehmen ...
Die rote Flut Bild 7... und seine schmutzige Tanzpartnerin auch nicht!
FAZIT:

Bevor sie als Dirty Dancing-Traumpaar der Taschentücher-Industrie der 80er-Jahre zu Absatzrekorden verhalfen, machten Patrick Swayze und Jennifer Grey bösen Russen, die den guten Amerikanern Freiheit, Land und Hamburger rauben wollten, die Hölle heiß. Hollywood-Barbar John Milius schuf einen reaktionären, unfreiwillig komischen Kriegsfilm mit beträchtlichen Schauwerten, aber leider nur bescheidenem Unterhaltungswert. So gesehen ist der inhaltlich verwandte und noch entschieden sinnbefreitere Chuck Norris-Heuler INVASION U.S.A. diesem Werk glatt vorzuziehen.
In diesem Sinne: "Die Menschen haben vergessen, wie schrecklich so ein Krieg ist!"

WERTUNG: 5 von 10 Maschinengewehrsalven
Dein Kommentar >>
Johannes | 08.05.2012 08:20
Sehr schöne Kritik - besser als der Film. Von dem hatte ich mir nämlich mehr erwartet und war hinterher doch ziemlich enttäuscht.
Harald | 08.05.2012 10:24
Danke! Ich hab ihn zum ertsen Mal als minderjähriges Bübchen
gesehen und zumindest actiontechnisch für ganz annehmbar
empfunden. Die absurde Propaganda hab ich damals natürlich nicht
als solche erkannt. Und an den lustigen Vorspann mit den
Deutschen Grünen konnte ich mich auch nicht erinnern. Ist doch
immer wieder schön, wenn einen Filme beim Wiedersehen noch
überraschen können :)
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