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Dragged Across Concrete

Dragged Across Concrete

THRILLER: USA, 2018
Regie: S. Craig Zahler
Darsteller: Mel Gibson, Vince Vaughn, Tory Kittles, Jennifer Carpenter, Laurie Holden, Thomas Kretschmann, Don Johnson, Udo Kier

STORY:

Die beiden Polizisten Brett Ridgeman und Anthony Lurasetti wenden bei der Festnahme eines Dealers übertriebene Gewalt an und werden daraufhin suspendiert. In der Überzeugung eh alles richtig gemacht zu haben, beschließen sie sich das, was ihnen zusteht, andernorts zu holen. Der skrupellose Gangster Lorentz Vogelmann soll um seine Habe gebracht werden. Dabei kreuzen sich ihre Wege mit denen des Ex-Häftlings Henry Johns, der sich auf einen waghalsigen Job einlässt, um seine Familie aus dem Elend zu führen.

KRITIK:

Harte Zeiten verleiten zu harten Maßnahmen. Das Genre der Heist Movies verzeichnet in jüngerer Vergangenheit stetigen Zuwachs. Egal ob David Mackenzies famoses HELL OR HIGH WATER, Steve McQueens WIDOWS, Edgar Wrights BABY DRIVER, Zach Braffs ABGANG MIT STIL oder zuletzt das Netflix-Only-Söldnerdrama TRIPLE FRONTIER, verzweifelte Gauner und eigenmächtige Rächer haben in Hollywood derzeit Konjunktur. Mit den altruistischen Motiven dieser modernen Robin Hoods ist es allerdings zumeist nicht weit her. Arm ist man selbst und entsprechend hoch fällt auch der eigene Anteil an der Beute aus. Dieses Sujet bedient nun auch S. Craig Zahler mit seinem neuesten Film DRAGGED ACROSS CONCRETE, ohne die Themenkreise Rassismus, Polizeigewalt, soziale Brennpunkte sowie Perspektivlosigkeit dies- wie jenseits des Gesetzes zu scheuen.

Er portraitiert Abgehängte unterschiedlicher Milieus, die die Erfüllung des Traums von einem besseren Leben mit allen Mitteln erzwingen wollen. Im Mittelpunkt stehen die beiden desillusionierten Polizisten Brett Ridgeman (Mel Gibson - spannende Wahl!) und Anthony Lurazetti (Vince Vaughn). Ersterer steht kurz vorm 60er und karrieremäßig am Abstellgleis. Daheim im Problemviertel die schwerkranke Frau nebst halbwüchsiger Tochter. Zweiterer sorgt sich um den Lebensstandard, den er seiner künftigen Ehefrau bieten kann: "Every imbecile we ever nabbed¦ it'd probably fill two entire wings of the state prison. Maybe three. We have the skills and the right to acquire proper compensation!"

In einem weiteren Handlungsstrang sucht der frisch aus der Haft entlassene Afroamerikaner Henry Johns (Tory Kittles) für sich und seine Familie einen Weg aus der örtlichen Sozialsiedlung. So hehr die Ziele, so brutal die Methoden. Denn dass sich der erhoffte Aufstieg nicht anhand der Bilderbuchkarriere vom Tellerwäscher zum Millionär nachzeichnen lässt, liegt auf der Hand. Der realistischere Weg aus der Misere führt über einen Haufen zerbrochenen Porzellans. Mit seinen vorangegangenen Arbeiten BONE TOMAHAWK und BRAWL IN CELL BLOCK 99 etablierte sich Zahler als legitimer Erbe des 70er Jahre Kinos. Ähnlich wie Kollege Quentin Tarantino, aber weit weniger verspielt, hantiert er geschickt mit Versatzstücken zwischen Exploitation und New Hollywood.

Von mancher Seite wird dem Regisseur und Drehbuchautor der Einsatz selbstzweckhafter Gewalt vorgeworfen. Das stimmt zwar zweifellos, aber ohne guts, gore & pussy galore wäre das (Genre-)Kino im Allgemeinen an Unterhaltungswert auch wesentlich ärmer. Derartige Einwände Zartbesaiteter können also getrost ignoriert werden. Abgesehen davon hält er sich im vorliegenden Film mit blutigen Leinwandexzessen im Vergleich zu den Vorgängern deutlich zurück. Explizit bildhafte Schockmomente gibt es immer noch, doch werden sie sparsamer gesetzt. Der plakative Schrecken weicht einer pessimistischen Grundstimmung. Zahler erzählt betont langsam, setzt auf lange Einstellungen, ausufernde, bisweilen manierierte Dialoge.

Dass DRAGGED ACROSS CONCRETE trotz Überlänge funktioniert, liegt an der kontinuierlichen Verdichtung einer spannungsgeladenen Atmosphäre. Die Protagonisten steuern - allen selbsttäuschenden Beteuerungen zum Trost - auf ihren Untergang zu. So dass sich einem schon recht früh im Film die bange Frage aufgedrängt, wer am Ende mit heiler Haut davonkommen darf. Die Zuseher für seine Figuren einzunehmen ist jedoch sicher kein vordergründiges Anliegen des Regisseurs. Dafür inszeniert Zahler zu nüchtern. Er filmt häufig aus der Totalen. Phasenweise fühlt man sich dadurch an Aufnahmen einer Überwachungskamera erinnert, was die intendierte Distanz nur unterstreicht.

Der Film lässt sich bewusst Zeit, ehe der blutigen Showdown die Handlungsfäden zusammengeführt. Die Ereignisse überschlagen sich, wirken in den letzten 15 Minuten jedoch etwas ungelenk zusammengeschustert. Zudem drücken Anschlussfehler und ähnliche Schlampereien aufs Gemüt. Wenn das Fahrzeugt augenscheinlich in Bewegung ist, sollte der Schalthebel halt nicht klar erkenntlich auf Park stehen. Dem generell positiven Eindruck tut das aber keinen Abbruch. Dafür sorgen überzeugende Darsteller und eine packende Inszenierung. Wer sich selbst davon überzeugen möchte, muss sich hierzulande noch gedulden. In Österreich wird der Film wohl nur einmalig im Rahmen des /slash Festivals gezeigt, ehe im Herbst dann DVD und Blu-ray erscheinen. In den USA läuft er aktuell in einer Handvoll Kinos und ist als Video-on-Demand auf Amazon Prime abrufbar.

Dragged Across Concrete Bild 1
Dragged Across Concrete Bild 2
Dragged Across Concrete Bild 3
Dragged Across Concrete Bild 4
Dragged Across Concrete Bild 5
FAZIT:

"Dragged Across Concrete" verarbeitet den Stoff, aus dem heutzutage eigentlich TV-Serien gewoben werden. Umso erfreulicher einen düsteren Cop-Thriller wieder einmal gelungen in komprimierter Form zu erleben. S. Craig Zahler irritiert erneut. Strahlende Saubermänner und safe space-taugliche, politisch korrekte Abziehbilder sucht man hier vergebens. Stattdessen zeigt er desperate Hasardeure abseits des Pfads der Tugend. Einer jener Filme, denen zu Unrecht ein breiter Kinostart versagt bleibt.

Darum bitte die exklusive Vorführung am /slash-Filmfestival (3.5. 23:00) nicht versäumen!

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