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Drive My Car

Drive My Car

OT: Doraibu mai kâ
DRAMA: J, 2021
Regie: Ryûsuke Hamaguchi
Darsteller: Nishijima Hidetoshi, Miura Tôko, Kirishima Reika, Park Yoo-rim, Jin Dae-Young, Sonia Yuan

STORY:

Der Theaterschauspieler und Regisseur Yusuke Kafuku (Hidetoshi Nishijima) reist für ein Engagement nach Hiroshima. Hinter ihm liegen gleich mehrere schwere Schicksalsschläge. Zwei Jahre zuvor, 19 Jahre nach dem Tod ihrer gemeinsamen Tochter, verstarb seine Frau Oto (Reika Kirishima) überraschend an einer Gehirnblutung. Seinerzeit hatte Yusuke grade erfahren, dass seine Frau eine Affäre hat - ohne sie vor ihrem Tod mit dieser Erkenntnis konfrontieren zu können. In Hiroshima angekommen steht er nun unerwartet K?ji Takatsuki (Masaki Okada) gegenüber, dem jungen und attraktiven Fernsehstar, der einst mit Oto zusammenarbeitete und den Yusuke hinter der Affäre seiner Frau vermutet.

KRITIK:

Basierend auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Haruki Murakami erzählt Ryusuke Hamaguchi (Sako I & II, Wheel of Fortune and Fantasy) mit Drive My Car ein mitreißendes Epos der ganz großen Themen: Trauer, Schuld, Liebe, Sexualität, Tod, Arbeit, Kunst - und die heilsame Kraft von Autofahrten. Es ist nicht die erste Murakami-Verfilmung, die auch international für Aufsehen sorgt: Erst 2018 erschien mit "Burning" unter Süd-Koreas Chang-Dong Lee (Secret Sunshine) die meisterhafte Adaption und Reinterpretation einer Murakami-Kurzgeschichte.

Ähnlich wie Lee hält sich Ryusuke Hamaguchi nur sehr grob an die literarische Vorlage - so wurde aus einer ca. 40-seitigen Kurzgeschichte ein bald 3-stündiger Spielfilm (179 Minuten). Dabei gelingt dem Regisseur, woran so viele andere Werke mit ausgedehnten Laufzeiten scheitern: Obwohl sein Film ohne große Wendungen oder Spitzen auskommt, wird dem Zuschauer mit Sicherheit nie langweilig (Anders als z. B. bei "The Green Knight"). Hierin liegt Hamaguchis Virtuosität: Seine Erzählung ist ein beständiger Strom, der still, aber unentwegt fließt. In diesem Strom kann sich der Zuschauer treiben lassen. Sein Tempo ist ein stetes Mahlen am Schmerz der Protagonistinnen, ein Mahlen, das bewusst in keiner großen Offenbarung oder Katharsis gipfelt, denn so einfach will es der Film sich selbst und dem Publikum nicht machen - und genau hier bleibt Hamaguchi seiner Quelle treu, ist doch eines der Hauptmerkmale von Murakamis Prosa ihre Ambiguität und ihr Mystizismus.

Damit ist die Umsetzung von Drive My Car eine bewusste Entscheidung zu Komplexität und gegen einfache Lösungen. Hamaguchi nimmt den Zuschauer bewusst mit in die Verantwortung für das Gelingen seines Filmes.

Eine besondere Rolle, der Titel verrät es bereits, kommt dem Auto des Hauptdarstellers zu. Nahezu alle schwierigen Gespräche, alle schmerzhaften Geschichten (und davon gibt es nicht zu wenige) finden zwischen den Ledersitzen von Yasukes Saab 900 statt. Es ist kein Geheimnis, dass dem Auto eine ganz besondere Heimeligkeit und Intimität innewohnen kann. Roadmovies leben von diesem Gefühl.

In "Drive My Car" wird das Auto zum sicheren Ort stilisiert. Es ist der Ort, an dem Yasuke den Text für seine Rollen probt, an dem er in Tonbandaufnahmen Nähe zur Verstorbenen Oto findet, an dem sie Yasuke gesagt hat, dass sie ihn liebt - es ist auch der Ort, an dem es Yasuke gelingt, Kontrolle abzugeben und an dem er sich mit seinem vermeintlichen Gegenspieler ausspricht - etwas was ihm in seiner Beziehung zu Oto nicht gelang -, und zuletzt ist es das Auto mit dem Yasuke und seine Fahrerin Misaki Watari (Tôko Miura) sich auch physisch auf die Reise eine schmerzhafte Vergangenheit machen.

Das Auto bei Hamaguchi als Ort des Rückzugs, der Konfrontation, der Aussöhnung. Und wenn man nun so wie hoffentlich viele Cineasten das Kino als einen sicheren Ort erlebt, mit seinem eigentümlichen Geruch nach süßem Popcorn und schweren Samtvorhängen, dann kann einem beim Besuch von Drive My Car eine ungeheure Wärme zuteilwerden. Die Wärme von einem sicheren Raum in einem sicheren Raum, von Watte in Watte gepackt, von einer fernen Autokabine im nahen Kinosaal. Begleitet wird das Ganze von einer erfrischend klaren Kameraführung (Hidetoshi Shinomiya) und einer subtilen musikalischen Untermalung (Eiko Ishibashi), in der etwas von der Mystik Murakamis mitschwingt.

Drive My Car Bild 1
Drive My Car Bild 2
Drive My Car Bild 3
Drive My Car Bild 4
Drive My Car Bild 5
FAZIT:

"Drive My Car" ist Hidetoshi Nishijimas bisher bester Film. Wer bereit ist sich auf das bedächtige Erzähltempo einzulassen, den erwartet grandioses und bewegendes Kino.

Drive My Car läuft in jetzt in ausgewählten Wiener Kinos.

WERTUNG: 9/10
Gastreview von Jan Niklas Breuer
Dein Kommentar >>
Andreas | 18.04.2022 11:39
ich mochte den Film sehr, aber ich wundere mich auch, dass der international so erfolgreich ist. Denn das ist sicher kein Film für jeden, allein schon wegen der Dauer und Geschwindigkeit.

Wie auch immer, danke fürs Review!
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