WESTERN/SATIRE: USA, 2024
Regie: Ari Aster
Darsteller: Joaquin Phoenix, Pedro Pascal, Emma Stone, Austin Butler
Zu Beginn der Covid-Pandemie geraten der Bürgermeister (Pedro Pascal) und der Sherrif (Joaquin Phoenix) einer Kleinstadt in New Mexico aneinander. Der eine hat die Maskenpflicht verhängt, der andere verweigert sie. Der Streit eskaliert - und wird bemerkenswert blutig.
Nach BUGONIA kommt jetzt ein weiterer Film über Verschwörungsschwurbler ins Kino - und in beiden spielt Emma Stone mit. DAS KANN KEIN ZUFALL SEIN1111!!!!!!!!
Sagen wir mal so: Wem allein bei der Erwähnung der Begriffe Covid-19, Lockdown, FFP2-Maske, Gurgeltest, Babyelefant oder gar Impfpflicht der Blutdruck in die Höhe schießt, sollte Ari Asters neuen Film besser auslassen. Vielleicht können wir uns dennoch darauf einigen, dass die Pandemie eine einschneidende und vor allem irre Zeit war. In der nicht wenige komplett irre geworden sind. Der Autor dieser Zeilen hat FreundInnen an die Esoterik-Schwurbelei - und viel schlimmer noch - an Long Covid verloren. Wie es Long Covid-Erkrankten geht, könnt ihr in diesem Blog lesen oder in diesem TV-Beitrag ansehen. Ich bitte ausdrücklich darum.
Das ist wahrscheinlich der beklemmendste Aspekt der Corona-Pandemie: Dass sich die öffentliche Diskussion heute fast nur noch um vermeintlich überschießende Maßnahmen dreht, und kaum mehr um die doch beträchtliche Anzahl an Toten und Schwerstgeschädigten, die noch dazu mit ihrem Schicksal allein gelassen werden. Während - pardon my language, aber es macht mich immer noch so fucking wütend - sich bestimmte politische Orschlochpartien vom ersten Tag an auf die Seite der Schwurbler und Maßnahmengegner geschlagen haben. Aber ich schweife ab.
Zurück nach EDDINGTON. Nach seinen Riesenhits mit HEREDETARY und MIDSOMMAR genießt Ari Aster in Hollywood so etwas wie kreative Narrenfreiheit: "Da hast du viel Geld, mach einfach", so ähnlich dürften sich die Budgetverhandlungen in der Chefetage von A24 gestaltet haben. Heraus kam ein - sagen wir es mal diplomatisch - interessanter Film. Ein fordernder Film. Ein schwieriger Film. Vielleicht war es die zu große Erwartungshaltung, vielleicht die Müdigkeit nach einem langen Arbeitstag, vielleicht meine Allergie gegen Überlänge (145 Minuten). Jedenfalls habe ich mir überraschend schwer getan mit EDDINGTON.
Klar, das ist alles supergut gespielt (Joaquin Phoenix, eine Naturgewalt!), super recherchiert, super beobachtet, super inszeniert. Und doch mäandert die Geschichte viel zu lange vergleichsweise ereignislos dahin, und man fragt sich, wann die "halluzinierende Gesellschaftsfarce" (Kurier), die "genreübergreifende Psychogroteske" (Filmstarts.de), der "fiebrige Westernkrimi" (Der Standard) endlich so beklemmend, rabenschwarz und verstörend wird, wie man es sich von Ari Aster erwartet hat. Antwort: Im letzten Drittel.
Vorher verbringen wir Zeit - viel Zeit - mit den Menschen in der Kleinstadt Eddington. Mit dem labilen Sheriff (Joaquin Phoenix), der zwar wegen seines Asthmas zum Maskengegner mutiert, aber zumindest zu Beginn noch einen halbwegs vernünftigen Eindruck macht. Mit seiner von ihm entfremdeten Frau (Emma Stone) und der völlig ins Schwurblerland abgedrifteten Schwiegermutter. Mit dem liberalen Bürgermeister (Pedro Pascal), der sich für den Bau eines KI-Rechenzentrums in der Wüste stark macht. Und schließlich mit einer Handvoll weißer Mittelstands-Kids, die für "Black Live Matters" den Lockdown ignorieren und auf die staubige Straße gehen.
Die Pandemie und die omnipräsenten asozialen Medien lassen die Emotionen hochkochen und immer mehr Sicherungen durchbrennen. Das ist ziemlich grotesk und stellenweise auch ziemlich lustig. Satirischer Höhepunkt ist dabei die erwähnte "Black Live Matters"-Demo einer Handvoll weißer Kids, deren Phrasendrescherei Kabarett-Potential hat - und tatsächlich für die meisten Lacher im Saal (ausverkauft übrigens) sorgte.
Ari Aster verschießt seine satirischen Giftpfeile - oder besser: Maschinengewehrsalven - genüsslich in alle Richtungen: Die Woken, die Rechten, die Quer"denker". Wobei er dem maskenverweigernden Sheriff, den man nicht wirklich als Rechten, sondern am ehesten als moderaten Republikaner bezeichnen könnte, mit der meisten Empathie begegnet. Und ihm Schritt für Schritt in den Irrsinn folgt.
Im bleihältigen Finale dreht der Film dann endlich voll auf und löst das Versprechen, ein Western zu sein, ein: John Ford trifft auf John Rambo, quasi. Wem nach einer langen Filmnacht im Zeichen des Wahnsinns der Gegenwart ist: EDDINGTON in Kombination mit ONE BATTLE AFTER ANOTHER, BUGONIA, MOUNTAINHEAD und A HOUSE OF DYNAMITE. Reihenfolge egal.
Eine Art Neo-Western in der Covid-Pandemie: EDDINGTON von MIDSOMMAR-Regisseur Ari Aster lässt gesellschaftliche Ausnahmezustände in einer Kleinstadt in New Mexico blutig eskalieren. Die Szene mit den Weißbrot-Kids auf der "Black Lives Matter"-Demo ist schon großes Satire-Gold. Empfehlung trotz einiger (Über)-Längen.