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GOOD MOVIES FOR BAD PEOPLE
Eden is West

Eden is West

OT: Eden à l'Ouest
DRAMA: FR, 2009
Regie: Costa-Gavras
Darsteller: Riccardo Scamarcio, Eric Caravaca, Anny Duperey, Juliane Köhler, Ulrich Tukur

STORY:

Die abenteuerliche Odyssee eines illegalen Einwanderers quer durch Westeuropa

KRITIK:

Man kennt das ja: Als Zuseher geht man in den seltensten Fällen total unverblümt an einen Film heran, sondern hat eine gewisser Erwartungshaltung. Wenn man sich einen Tarantino reinzieht erwartet man abgefahrene Geschichten, lange Dialoge, coole Musik und eine ganze Menge Trash. Guckt man einen sündteuren Kostümfilm erwartet man neben tollen Kostümen auch eine spannende historisch zumindest einigermaßen plausible Story, vielleicht ein paar Intrigen, böse Widersacher und was sonst noch so alles dazugehört. Und wenn man sich eine 0815-RomCom antut, dann vermutlich weil man genau das sehen will, eine 0815-RomCom nach Schema F.

Sieht man sich einen Film über die Problematik der illegalen Einwanderer und den Umgang der reichen westlichen Länder mit den Immigranten an, bei dem zudem noch ein ausgewiesener Politthriller-Experte auf dem Regiestuhl Platz nahm, erwartet man auch so einiges. Aber bestimmt nicht so etwas wie "Eden is West".

Da möchte man sich gemütlich einen realistischen, deprimierenden Film über einen jungen Mann, der sich gezwungen sieht seine Heimat zu verlassen und versucht unter Lebensgefahr in das Land seiner Hoffnungen und Träume einzuschleusen und um den Umgang des reichen Industrieländer mit solchen Menschen, reinziehen und nachher darüber sinnieren wie ungerecht doch die Welt ist, wie ausbeuterisch und unfair doch alles ist, und wie unfähig die Politiker sind und überhaupt.

Und da wagen es die Macher von "Eden is West" doch tatsächlich dem Zuseher ein Pseudomärchen aufzutischen, das noch dazu mit Metaphern arbeitet. Klar, dass dieser Ansatz nicht nur wider der Erwartungshaltung ist, sondern dazu noch die meisten Zuseher scheinbar vor den Kopf stößt. Liest man beispielsweise die Kritiken zu "Eden is West", merkt man schnell, dass der Ansatz wohl nicht so ankam. Ständig ist von zu wenig Substanz und zu vielen Klischees die Rede. Zudem wurde der Film als zu wenig ernsthaft, zu wenig packend kritisiert.

Aber ist der Film deshalb auch schlecht? Ich sage einmal nein. Und das obwohl ich mit Märchen eigentlich gar nichts anfangen kann und jemand bin, der von irgendwelchen Metaphern und dem Ganzen eigentlich recht wenig hält.

Vielleicht weil der Film doch zum Nachdenken anregt. Oder sogar noch mehr. Hauptperson Elias, dessen Name nicht zusätzlich an Alias erinnert, wird zu Beginn des Films sicher nicht rein zufällig in ein Luxus-Ferienclub Ressort gespült, dessen künstlich gezüchtetes Sträucherwerk primär der Kaschierung des Stacheldrahtzauns dient, der das Ressort umgibt. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt.

Und auch mit Zynismus wird nicht gespart, wenn die Hotelsecurity beispielsweise die Gäste dazu animiert, sich der Suche nach "Illegalen", die wohl ins Feriendomizil gespült wurden, zu beteiligen und dabei "Great Fun" für die Gäste verspricht. Das ist doch mal was: Sommer, Sonne, Strand und dazu sogar noch ein bisschen Action. Kann man dann daheim gemütlich erzählen, dass man der Polizei geholfen hat. Und die Kinder bewaffnet man halt sicherheitshalber mit Basketballschlägern. Man kann ja nie wissen. Und als Beweis kann man ja immer noch Handy-Bilder der an den Strand gespülten Leichen nach Hause schicken.

Das Problem ist halt, dass das alles nicht immer so ganz homogen zur märchenhaften Struktur des Films passt. Man kann sich das so vorstellen: Hauptperson Elias ist so eine Art altmodische Tölpel-Figur. Naiv aber grundgut, stolpert er mit treuherzigen Hundeblick von einem Abenteuer ins nächste, stets mit mehr Glück als Verstand gesegnet und wenn’s brenzlig wird schüttet Fortuna ihr Füllhorn über Elias aus. Zumindest erscheint es manchmal so, doch das anfängliche Glück entpuppt sich nur zu oft als trügerisch.

Dadurch hat der Film auch etwas episodenhaftes, was der Spannung und Atmosphäre nachträglich ist. Allerdings ließ die Erzählweise den Machern auch die Möglichkeit verschiedene Aspekte zu beleuchten. Elias wiederfährt so einiges, er wird ausgeraubt, immer wieder ausgebeutet, als Sexspielzeug ausgenutzt und flüchtet ständig vor der Polizei. Und wie es bei Märchen so üblich ist, geizt der Film nicht mit Metaphern und Symbolik, die vom Zuseher meist selbst entschlüsselt werden wollen.

Wobei ich gestehen muss, vermutlich nicht alles verstanden zu haben. Vor allem die groteske Toiletten-Szene hat sich mir, glaub ich, noch nicht ganz erschlossen.

Ein kitschiger Sozialporno wär wohl wesentlich leichtere Kost gewesen. Und beim Publikum und bei den Kritikern vielleicht sogar besser angekommen. Aber das wär wohl zu einfach gewesen. Stattdessen muss man sich als Zuseher mit dem Film wirklich auseinandersetzen und von sich aus das ernsthafte Drama, das sich hinter der märchenhaften Fassade des Films abspielt, zu erkennen. Der Film kommt zwar meist recht lustig daher und sorgt auch für ein paar Lacher, aber erzählt in Wahrheit das ganze Dilemma eines jungen Mannes der von falschen Versprechungen und Träumen in den Westen gelockt wird und dort anstelle des versprochenen Jobs nur Ausbeutung und Ausgrenzung vorfindet.

Wer nun denkt, dass es sich bei "Eden is West" um ein verkapptes Kopfkino handelt, irrt sich ebenfalls. So ist der Film durchaus spannend und auch pseudointellekttolle Dialoge findet man auch nicht.

Eden is West Bild 1
Eden is West Bild 2
Eden is West Bild 3
Eden is West Bild 4
Eden is West Bild 5
Eden is West Bild 6
FAZIT:

Wer ein deprimierendes, dreckiges, mitreißendes oder gar auf Realismus pochendes Drama über das Leid und die Träume von illegalen Einwanderern in Europa sehen will ist bei "Eden is West" eindeutig an der falschen Adresse. Und nicht mal ein tränenreiches Rührstück bekommt man vorgesetzt. Stattdessen wird dem Zuseher auf dem ersten Blick eine Art schelmische Odyssee durch Europa vorgesetzt, in der es auch schon mal vorkommt, dass mit Taschenlampen ausgestattete Pauschaltouristen Jagd auf "Illegale" machen. Wenn sie sich nicht gerade leicht groteske Vorstellungen irgendwelcher drittklassiger "Zauberkünstler" angucken.

WERTUNG: 7 von 10 ins Meer geworfene Ausweise
TEXT © Gerti
Dein Kommentar >>
Harald | 22.03.2010 21:47
klingt ja ganz interessant, aber ich fürchte, für mich persönlich funktioniert Sozialkritik nur noch im Thriller-Gewand. Wie z.b. Salvador oder London to Brighton oder We own the Night ...
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