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The Straight Story

The Straight Story

ROADMOVIE: USA, 1999
Regie: David Lynch
Darsteller: Richard Farnsworth, Sissy Spacek, Harry Dean Stanton, Everett McGill

STORY:

Alvin Straight (Richard Farnsworth) fährt mit einem Rasenmäher (!) von Iowa nach Wisconsin. Warum? Und wieso mit einem Rasenmäher? Um seinen kranken Bruder Lyle zu besuchen, mit dem er sich vor zehn Jahren heftig gestritten hat. Seitdem haben die Brüder kein Wort miteinander geredet. Autofahren darf Alvin nicht mehr, er sieht zu schlecht. Tja das war's auch schon und genau das ist das Schöne daran.

KRITIK:

Wer jetzt einen klassischen David Lynch Film erwartet, der in die tiefsten Irrungen und Wirrungen der menschlichen Abgründe eintaucht, den muss ich leider enttäuschen. The Straight Story - Eine wahre Geschichte ist, wie der Name schon sagt, ein ungewöhnlich geradliniger Film für David Lynch. Und es ist eine wahre Geschichte, eine Geschichte über Alvin Straight (Im Filmtitel schön doppeldeutig genutzt).

Da macht sich also dieser alte Mann auf den Weg um noch einmal seinen Bruder zu sehen, er macht sich auf eine lange Reise und das stört ihn kein bisschen. Und auch dem Zuschauer wird keineswegs langweilig. Es fehlen jegliche Aktion, Gewalt, menschliche Abgründe, oder Effekte (wahrscheinlich steigt jetzt der geneigte Mainstream-Zuschauer aus).

Doch genau das zeichnet diesen Film aus. Er ist langsam, genauso langsam wie Alvin auf seinem Rasenmäher. David Lynch lässt es sich aber nicht nehmen einige skurrile Momente einzubauen. Und somit lockt er den Lynch-Fan immer wieder auf eine falsche Fährte. Schon zu Beginn des Films assoziiert die Stadt Laurens, in der Alvin wohnt, bei mir das Städtchen Twin Peaks. Und als ich gerade noch mit Gedanken in Twin Peaks festhänge, schwenkt die Kamera schon in einen Vorgarten, indem eine dicke Dame sich auf grünem Rasen sonnt. Zack - schon steh ich in Lumberton aus Blue Velvet. Eine langsame Kamerafahrt, näher ran, noch näher ran und ich erwarte das Eintauchen in den Rasen, in das Erdreich, in die Abgründe, wo die Würmer sich winden.

Das passiert jedoch nicht, die Kamera fährt weiter, langsam um das Haus, welches auf dem Grundstück steht. Und schon wieder lande ich im nächsten Lynch Film. Ich bin hinter Winkie´s aus Mulholland Drive. Gleich werde ich eine schreckliche, abscheuliche Gestalt sehen, wenn die Kamera um die Ecke fährt. Und da erwischt uns Lynch eiskalt. Nichts von alledem, sondern "nur" das ganz Banale. Wie übrigens in all seinen Filmen. Hinter dem vermeintlich Banalen lauert die Gefahr. So wie im ruhigen Städtchen Lumberton die Abgründe unter der Oberfläche lauern, wie die Insekten im Erdreich, so auch die Abgründe der Menschen. Und normalerweise können wir uns da auf Lynch verlassen.

Doch diesmal nicht. Das Banale bleibt banal, kein Abgrund. Fantastisch wie er uns reinlegt. Klassische Lynch Motive sind überall im Film zu finden. Und eigentlich wollte ich jetzt nicht diesen abgedroschenen Satz verwenden, aber wie ihr seht werde ich es gleich tun: "The Straight Story" ist ein Lynch Film über Lynch Filme. Genau aus diesem Grund wird ihn ein Lynch Fan auch lieben, auch wenn er ganz anders ist als seine üblichen Filme.

Alvin Straight begegnet auf seiner Reise allen möglichen merkwürdigen Typen von denen einige anderen Lynch Filmen entsprungen sein könnten. Er unterhält sich mit ihnen und diese Gespräche sind die ganz starken Momente des Films. Für mich zeigt sich hier Lynch Gefühl fürs Filmemachen. Der Film ist fantastisch fotografiert und die unverkennbare Musik von Angelo Badalamenti (mit ihm hat Lynch schon so viel großartige Filmmusik gemacht) unterstreicht das Gefühl des Films.

Richard Farnsworth in der Rolle des Alvin Straight ist für mich eine der bestbesetzten Rollen überhaupt. Man hat das Gefühl es ist auch ein bisschen Farnsworths letzte Reise (kurz nach Ende der Dreharbeiten beging er Selbstmord, wegen einer Krebserkrankung). Die Stärke dieses großartigen Schauspielers kommt in der Szene, als er sich mit jemandem in einem Pub unterhält, zur vollen Geltung. Auch Sissy Spacek, als Rose Straight (Alvins Tochter), ist toll besetzt.

The Straight Story Bild 1
The Straight Story Bild 2
The Straight Story Bild 3
The Straight Story Bild 4
The Straight Story Bild 5
The Straight Story Bild 6
FAZIT:

Ich liebe Lynchs Abgründe, seine nicht lineare Erzählweise, das nicht Narrative und das Experimentelle. Und trotzdem halte ich The Straight Story für einen seiner besten Filme. Wer Lynch kennt für den ist der Film ein Fest. Wer Lynch nicht kennt, der wird den Film auch lieben, weil er einfach durch tolle Aufnahmen, großartige Schauspieler und eine fantastische Filmmusik besticht.

WERTUNG: 8 von 10 Rasenmähern
TEXT © Nicky
Dein Kommentar >>
nicky | 10.08.2012 21:15
Nachdem ich den Film vor kurzem erst wieder gesehen hab, muss ich doch echt jetzt mal die 9 raushauen, 8 reichen doch nicht!
>> antworten
Schwuppe | 06.11.2011 22:35
Der Film, bei dem man allerspätestens Lynch-Fan werden muss. Dass er nämlich auch völlig anders kann, zeigt er hier. Wobei das jetzt nicht seine surrealen Werke schlechtreden soll. Mulholland Drive und Lost Highway sind der reinste Wahnsinn.

Das neben Elephant Man (zweitbester Lynch) geradlinigste, "straighteste" Meisterwerk. Der Soundtrack: Einfach schön! (youtube.com/watch?v=xk8Y-XxaAog)
Richard Farnsworth ist einfach toll. Besser kann man wohl sein Lebenswerk kaum zu Ende bringen.

Klare 10!
>> antworten
Gregor | 06.11.2011 20:52
Sehr feine Kritik zu einem sehr feinen Film. Aber banal finde ich hier gar nichts. Lynch zeigt hier doch, dass gerade die scheinbar kleinen Geschichten die wirklich großartigen sein können.
nicky | 07.11.2011 00:35
Ja da muss ich dir absolut recht geben. Banal war vielleicht auch das falsche Wort, denn ich meinte auf keinen Fall banal im Sinne von nicht wichtig. Sondern wollte damit sagen, dass Lynch oft aus dem Banalen den Horror formt und das hier ausbleibt. Denn wie du so schön schreibst: Oft sind genau die scheinbar kleinen Geschichten die wirklich großartigen.
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