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Enter the Void

Enter the Void

DRAMA: Frankreich, 2009
Regie: Gaspar Noé
Darsteller: Nathaniel Brown, Paz de la Huerta, Cyril Roy, Emily Alyn Lind

STORY:

Der Kleindealer Oscar (Nathaniel Brown) wohnt in Tokio. Er befindet sich gerade auf einem DMT-Trip, als ihn sein Freund Alex (Cyril Roy) besucht. Gemeinsam gehen die beiden in den Club "The Void". Dort wird Oscar bei einer Polizeirazzia erschossen, während er sich auf dem Klo versteckt. Seine Seele verlässt Oscars Körper und fliegt anschließend ohne festen Bezugspunkt über der grellen Neon-Metropole umher, sucht seine Schwester (Paz de la Huerta) auf, mit der Oscar eine fast inzestuöse Beziehung verband, driftet zwischenzeitlich immer wieder in Erinnerungen an sein vergangenes, recht inhaltsloses Leben ab und sucht schließlich eine passende Gelegenheit um sich neu zu reinkarnieren.

KRITIK:

Bereits die Anfangscredits zu Gaspar Noés ENTER THE VOID zeigen ganz unmissverständlich, dass uns der Regisseur auch mit seinem dritten Film unbedingt beeindrucken will. Die übergroßen Lettern kannte man zwar bereits aus seinen ersten beiden Filmen, doch hier zucken sie derart wild zu einem pulsierenden Electrobeat, dass man am Ende zwar nicht mehr wirklich viel lesen kann, dafür aber aber entweder bereits tödlich genervt oder erwartungsvoll gespannt ist, was da sonst noch Wildes folgen wird.

Dabei hat Noe dieses Spiel mit riesigen bunten Buchstaben nicht erfunden, sondern nur für das zeitgenössische Kino wiederbelebt. Bereits Jean-Luc Godard hatte hatte in den 60er-Jahren mit solchen farbigen Schriftzügen experimentiert und diese in Filmen wie ZWEI ODER DREI DINGE, DIE ICH VON IHR WEISS als gleichberechtigte sinntragende Elemente neben seine Bilder gestellt. Der Film WEEKEND von 1967, mit dem Godard sich für die nächste Dekade vom narrativen Kino verabschiede, endet gar mit einem Texttafel-Spiel, bei dem der Schriftzug ENDE DER ERZÄHLUNG zu ENDE DES KINOS mutiert.

Gaspar Noé zufolge ist ENTER THE VOID jedoch insbesondere von Kubricks 2001 inspiriert, den er bereits im Alter von sieben Jahren sah. Da man ihm damals sagte, dass die Schlusssequenz von 2001 den Visionen ähnelte, die man unter bestimmten Drogen habe, machte sich der junge Noé einige Jahre später auf die Suche nach den entsprechenden Substanzen, um diese Dinge selber zu erleben. Und das Ergebnis dieser Experimente am eigenen Körper hat er seiner eigenen Aussage zufolge nun in ENTER THE VOID verarbeitet.

ENTER THE VOID macht bereits in der allerersten Szene klar, welchen beiden Referenzen sich der folgende mehr als zweistündige Seelen-Trip bedienen wird: Da ist zuerst die Analogie zu einem DMT-Trip, welcher wiederum einer Nahtoderfahrung gleichen soll. Auf solch einem Trip ist Oscar wie bereits gesagt gerade, als er sich auf den Weg zum Club "The Void" begibt. Und sein ihn dorthin begleitender Freund Victor hat Oscar direkt zuvor das Tibetanische Totenbuch geliehen und erklärt ihm, und somit auch uns nun kurz nebenher, was diesem Buch zufolge eine zwischen dem Reich der Lebenden und der Toten herumirrende Seele zu treibt.

Oscars Seelentrip ist ähnlich psychedelisch, wie sein anfänglicher DMT-Trip inszeniert. Somit verwandelt sich ENTER THE VOID innerhalb kürzester Zeit in einen einzigen Rausch aus leuchtenden Bonbonfarben. Der Film wird somit selbst zum Trip und die Handlung gerät sehr schnell zur reinen Nebensache. Spätestens jetzt wird auch klar, warum es Oscar im Drehbuch eigentlich nach Tokio verschlagen hat: Die Stadt an sich ist bereits eine Art von psychedelischer Erfahrung. Oscars Erfahrungen unter Drogeneinfluss bzw. als freischwebende Seele machen diese Erfahrung nur noch wesentlich intensiver.

ENTER THE VOID ist einer dieser inzwischen relativ raren Filme, die den Zuschauer überhaupt erst wieder daran erinnern, dass Film ein völlig eigenes Medium ist, welches viel mehr kann, als z.B. nur die Geschichte eines Buches in Bilder zu packen. Dieser Film vermittelt uns stattdessen wieder einen Eindruck davon, wie es in den Anfangstagen des Kinos gewesen sein muss auf Jahrmärkten die ersten Kurzfilme von Kinopionieren wie z.B. Georges Méliès erlebt zu haben. Etwas Ähnliches hat ganz offensichtlich auch Martin Scorcese mit seinem neuestem Film HUGO CABRET versucht. Doch so schön dieser Film auch als Märchen funktioniert, kann all die geballte CGI-Power und 3D-Technik nicht darüber hinwegtäuschen, dass HUGO CABRET ein sehr konventionell erzählter Hollywoodfilm ist.

Ganz anders ist dahingegen der Ansatz von Gaspar Noé in ENTER THE VOID: Wenn man die zweieinhalb Stunden an visuellem Overkill soweit eindampfen würde, dass am Ende nur noch die reine Erzählung übrigbleiben würde, dann würde dieser Stoff wohl nicht viel mehr, als eine etwas längere Kurzgeschichte abgeben. Aber die narrative Ebene ist eben auch nicht der Punkt, der Noé wirklich interessiert. Hier will uns der Regisseur keine Geschichte erzählen, sondern den Seelentrip an sich zum Erlebnis machen. Und auf dieser Ebene ist ENTER THE VOID schlicht und ergreifend ein absolut beeindruckendes und auch zeitloses Meisterwerk geworden.

Völlig makellos ist dieses filmische Glanzstück jedoch leider trotzdem nicht geraten. So visuell aufregend ENTER THE VOID auch über weite Strecke ist, so sehr nervt leider auch immer wieder Noés unglaubliche Selbstverliebtheit. Zwar nimmt der Film nach den spastisch zuckenden Anfangscredits sehr schnell das Tempo raus und lässt den Bildern die notwendige Zeit auf den Betrachter zu wirken, anstatt diesen wie vielleicht befürchtet nur zweieinhalb Stunden lang mit einem stroboskopblitzartigen Bilderhagel zuzudonnern.

Doch Gaspar Noé kennt trotzdem kein Maß und spätestens beim gefühlt einhundertsten sanften Seelenflug über die Dächer des nächtlichen Tokio beginnt man sich unweigerlich zu fragen, ob der Film nicht mindestens eine halbe Stunde zu lang ist. Und obwohl ich persönlich die Geschichte von ENTER THE VOID an sich nicht als völlig banal empfinde, so wundert es doch immer wieder, mit welchem Pathos und wie todernst Gaspar Noé uns das dargebotene Geschehen verkaufen will. Spätestens im großen Finale wird es dann unfreiwillig komisch, wenn das Treiben in einem Lovehotel in einer Mischung aus Grenzporno und Esoterik-Quark daherkommt.

Da wäre ein gewisses Maß an ironischer Brechung sicherlich nicht von Nachteil gewesen. Um in diesem Zusammenhang noch einmal auf Godards WEEKEND zurückzukommen: Wie bereits erwähnt, lässt Godard diesen Film mit dem nicht minder größenwahnsinnigen Kommentar ENDE DES FILM, ENDE DES KINOS enden. Doch auch dieser Schriftzug mutiert noch einmal und entpuppt sich in der allerletzten Einstellung lediglich als ein Ausschnitt aus einem Hinweis zur amtlichen Registriernummer des Films...

Enter the Void Bild 1
Enter the Void Bild 2
Enter the Void Bild 3
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Enter the Void Bild 8
Enter the Void Bild 9
Enter the Void Bild 10
FAZIT:

ENTER THE VOID ist laut Aussage von Gaspar Noé genau der Film, den er schon immer machen wollte. Bei diesem Regisseur bedeutet dies neben einem ebenso beeindruckenden wie erdrückenden visuellem Overflow insbesondere eine unverhohlen nihilistische Lebenssicht, welche hier jedoch am Ende auf nicht wirklich überzeugende Weise gebrochen wird. Das Ergebnis ist eine einzigartige Vermählung eines eiskalten Existenzialismus mit einem neongrellen Esoterik-Kitsch und zumindest auf der rein visuellen Ebene ein wahrer Meilenstein.

WERTUNG: 9 von 10 postmortale Seelenflüge auf DMT
TEXT © Gregor Torinus
Dein Kommentar >>
Nic | 06.08.2012 14:01
btw, erste kritik ist hier und nicht verlinkt (tztz
harald)
filmtipps.at/kritiken/Enter_the_Void/
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