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GOOD MOVIES FOR BAD PEOPLE
Fausto 5.0

Fausto 5.0

MINDFUCK: Spanien, 2001
Regie: Álex Ollé, Isidro Ortiz, Carlos Padrisa
Darsteller: Miguel Ángel Solá, Eduard Fernández, Najwa Nimri, Raquel Gonzalez

STORY:

Seine tägliche Arbeit mit den Sterbenden in einer Krebsklinik hat den Onkologen Dr. Fausto zu einem völlig abgestumpften, kaum noch zu menschlichen Regungen fähigen Mann gemacht. Als er zu einem Kongress für Terminalmedizin nach Barcelona reist, begegnet Fausto seinem Mephisto: Einem Mann, der sich zunächst als ehemaliger Patient ausgibt, aber schon bald damit beginnt, Faustos geheimste und verbotenste Wünsche zu erfüllen. Doch alles hat seinen Preis ...

KRITIK:

La Fura dels Baus nennt sich eine ausgesprochen vielseitige Künstlergruppe aus Spanien, welche in den späten Siebzigern mit Straßentheater begann und heute auch auf den großen Bühnen zuhause ist. Ob bizarre, provokante Performances nach der efimero panico-Schule eines Alejandro Jodorowsky, klassisches Theater oder gar Oper; La Fura scheint jede Spielart der Kunst zu beherrschen; ob kultiviert oder extrem.

Dabei hat es der Künstlertruppe offenbar ganz besonders der Faust-Mythos angetan. In ihrem Programm ist Goethes Hauptwerk ein immer wiederkehrendes Thema. 2001 erfuhr der Tragödie erster Teil in Gestalt der beiden Regisseure Ollé und Padrisa eine erneute Bearbeitung. Diesmal als Horrorfilm.

Wobei FAUSTO 5.0, so der Titel des in Zusammenarbeit mit einem weiteren Regisseur (Isidro {SHIVER} Ortiz) und richtig starken Darstellern wie Miguel Ángel Solá oder Eduard (DIE HAUT IN DER ICH WOHNE) Fernández entstandene Werk, freilich nicht wirklich in irgendeine Schublade, geschweige in die eines konventionellen Horrorfilms, passt. Dafür bricht der Film mit viel zu vielen visuellen und narrativen Gewohnheiten. Dafür überschreitet er zu oft igrendwelche Schwellen; sei es die zum Kunstfilm oder zur Groteske, zum Drama, zur schwarzen Komödie oder gar die zum schieren psychosexuellen Höllentrip.

Beim Ansehen dieser kleinen unabhängigen, aber künstlerisch hochwertigen Produktion denkt man zwangsläufig an Lynch und de la Iglesia. Die beklemmendsten Streckenabschnitte des MULHOLLAND DRIVE etwa; der zwischen Beißen und Kitzeln schwenkende Irrwitz von EL DIA DELA BESTIA. Auch Adrian Lyne und seine zwischen entgleitender Realität, Alptraum und Jenseits pendelnde JACOB'S LADDER kommt einem in den Sinn. Hier und dort ein kleiner Schuss ANGEL HEART, gemengt mit Sex, Witz und Absurdem. Und über allem thront natürlich Goethes faustisches Prinzip.

Unser Faust steckt diesmal im erschlaffenden Körper und der abgestumpften Seele eines spanischen Onkologen, der nur hoffnungslose Fälle behandelt und in seinem Leben wohl schon mehr Totenscheine unterschrieben hat als ein Fußbalprofi Autogrammkarten.

Er ist ganz Gefangener seiner eigenen freudlosen Profession und kaum mehr zu menschlichen Regungen fähig. So nimmt er zwar die kleinen Avancen seiner ehrlichen und fleißigen Assistentin (dem Gretchen unserer Geschichte) wahr; ist aber nicht mehr in der Lage darauf reagieren. Sein Lächeln ist fast erloschen. Er geht nur noch in seiner Arbeit auf (- und zugrunde), aber wie wir in den Szenen auf dem Onkologenkongress erleben; selbst die Fachkollegen machen sich über den ernsten, verschlossenen Arzt lustig. Extrem abgestumpft, extrem intensiv, extrem glaubwürdig in dieser Rolle: der Spanier Miguel Ángel Solá.

Eduard Fernández, sein aufdringlicher Mathcore und Death Metal hörender Mephistopheles. Halblanges Schmuddelhaar, asiges Hawaiihemd, freches Grinsen, unbändige Energie. Er stellt sich dem Doktor als ehemaliger Patient vor. Bauchspeicheldrüsenkrebs, austherapiert. Der Doktor kann sich nicht erinnern; und dass obwohl der abgesehen von fiesen Operationsnarben im Bereich des Abdomens putzmunter wirkende Ex-Hospizler offenbar eine Wunderheilung durchgemacht und dem Tod im letzten Moment von der Schippe gesprungen ist.

Doch wir, die unseren Goethe gelesen haben, kommen natürlich schnell auf des Pudels Kern: Hier ist er "der Geist, der stets verneint" der "Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft". Nicht lange und er nimmt Dr. Fausto unter seine diabolischen Fittiche; gewährt dessen geheimsten und verbotensten Wünsche - auf Mephistopheles-Art, versteht sich.

Auch wenn der Film eine irritierende Bandbreite der unterschiedlichsten Szenarien, Töne und Befindlichkeiten für den Zuschauer bereithält; FAUSTO 5.0 driftet nie ins Chaotische ab; ist immer in sich geschlossen. Er schafft den unglaublichen Spagat zwischen komischen, schockierenden, surrealen, modernen, lustigen und morbiden Tableaus. Er wandert durch die leeren Räume der menschlichen Seele und durch richtig ungemütliche Abgründe. Für die letzteren mag die wirklich unbequeme Szene in einer abseitigen Diskothek als Beispiel gelten, in welcher sich Fausts neu entfesselte Begierde auf eine augenscheinlich minderjährige Protagonistin richtet.

Und trotz dem Suhlen im Schweinetrog des Verlangens und der Sünde bewahrt sich der Film letzten Endes eine erstaunliche Wärme und Menschlichkeit. Vielleicht weil er seine Figuren nicht nur abgründig, sondern tiefgründig zeichnet. Das macht FAUSTO 5.0 zu einer bemerkenswerten, diskussionswürdigen und intelligenten Faust-Interpretation, die sehr viel Spielraum für eigene Interpretationen und Analysen lässt.

Dabei wird es nie zu verkopft oder kryptisch, sondern es bleibt trotz der Spielerei und den Brüchen mit Seh- und Erzählgewohnheiten stets ein unterhaltsamer Film.

Leider fristet der bereits 2001 gedrehte Geheimtipp hierzulande noch ein Schattendasein. Interessierte greifen zur britischen DVD aus dem Hause Nucleus.

Fausto 5.0 Bild 1
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FAZIT:

Hier ist Faust ein abgestumpfter Onkologe. Ein ehemaliger Bauchspeicheldrüsenkrebspatient und Ex-Todgeweihter sein Mephistopheles, der ihm seine geheimsten und verbotensten Wünsche erfüllt. Aber zu welchem Preis? - Irgendwo zwischen Lynch und de Iglesia, zwischen Horrorfilm, Groteske, schwarzer Komödie und psychosexuellem Höllentrip interpretiert eine aus zwei Mitgliedern des spanischen Künstlerensembles La Fura dels Baus sowie Isidro Ortiz bestehende Regie-Troika den Faust-Mythos neu. So hintergründig wie hinterhältig. Ein echter Geheimtipp für Cineasten und Filmabenteuerer, die ihr Abseitiges intelligent und surreal mögen.

 

WERTUNG: 8 von 10 weggeworfenen Visitenkarten
TEXT © Christian Ade
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