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Ferien in der Hlle

Ferien in der Hölle

OT: Wake in Fright
OZPLOITATION: AUS/US, 1971
Regie: Ted Kotcheff
Darsteller: Gary Bond, Donald Pleasence, Chips Rafferty, Jack Thompson, Sylvia Kay, John Meillon

STORY:

John Grant hat noch Großes vor in seinem Leben. Er ist Grundschullehrer im australischen Outback. Das soll sich natürlich ändern, hat er den Job doch nur angenommen um schnelles Geld für seinen Traum zu sparen: Eine Karriere als Journalist in England. Dort draußen sind die Tage jedoch lang und heiß und Mos wächst und vermehrt sich nur sehr langsam. In den Weihnachtsferien, als er seine Freundin in Sidney besuchen will, strandet er in dem Kaff Yabba und macht erstmals Bekanntschaft mit primitivsten Trieben. Nach anfänglichem Herabblicken auf jene, begegnet er auch den eigenen und sie werden beste Freunde, verschmelzen, bis nach und nach nichts anderes von ihm übrig ist.

KRITIK:

"All the little devils are proud of hell"

Hin und wieder tauchen verschwunden geglaubte Filme wieder auf. Da freut sich das Geek-Herz natürlich, vor allem, wenn es sich um einen Film wie diesen handelt, der lange als der große, verlorene Film Australiens galt. "Der beste Film Australiens", wie es oft heißt, "wurde von einem Kanadier gemacht." Der australisch-amerikanische Film basiert auf einem 1961 erschienenen Roman von Kenneth Cook mit dem selbigen Titel und war beinahe 40/25 Jahre lang vergessen/verloren. Der Film war ein Flop an der lokalen Kinokasse (nicht jedoch außerhalb Australiens, wo er in Cannes aufgeführt und auch 2009 wiederaufgeführt wurde) und wurde in Australien stark kritisiert, eigentlich zerrissen.

Überraschend? Naja, er drückte das Gesicht jener australischen Gesellschaft ganz fest und lang unter die Lupe bis die Realität ihr wie ein Dingo die Visage abbiss. Den Blick in den Spiegel danach fand keiner so richtig gut. Auch nicht der Großteil der Australier, welche mit diesem Alltag nichts zu tun hatten. Viele Australier behaupteten, dass der Film oft zu nah an der traurigen Realität sei.

"Have a drink, mate!"

Wake in Fright (auch bekannt unter Outback oder seltener Ferien in der Hölle) ist ein Film, dessen "Lebensgeschichte" wohl ebenso interessant ist wie seine erzählte Geschichte. 1994 versuchte der Schnittmeister des Films, Tony Buckley, das Original des Films ausfindig zu machen, nachdem einige australische Regisseure und Filmlehrer bedauert hatten, den Film nicht zeigen zu können, da dieser bis dahin weder auf VHS noch sonst einem Home System Medium veröffentlicht wurde. Nach Jahren erfolgloser Suche konnte er den Film in zwei großen Schachteln in einer Lagerhalle in Pittsburgh finden, inklusive Internegative und Tonbänder des Films. Laut dem kanadischen Regisseur Ted Kotcheff (First Blood) war das alles ziemlich knapp und dramatisch. Auf den Schachteln soll "For Destruction" gestanden haben und wäre Buckley eine Woche später gekommen, hätte man die Lagerhalle umgeräumt und Platz gemacht und der Film wäre in die ewigen Jagdgründe eingegangen.

"Have a taste of dust and sweat, mate!"

Der Realismus, den der Film an den Tag legt, ist fein und stellenweise dokumentarisch, dass man ihn nicht bemerkt, als sei er selbstverständlich im Film. Alles wirkt authentisch. Die Leute, die Sprache, Städte und Orte, Kultur und Verhalten. Es fühlt sich an als wäre man dort, mittendrin. Betrunken und schwitzend und orientierungslos. Die Sonne ständig im Zenit, erbarmungslos, gleichgültig und kaltblütig. Eine Spirale Richtung Hölle. Nicht viele Filme erzeugen eine solche Stimmung und was so selbstverständlich und einfach wirkt, ist wohl alles andere als das.

Kotcheff wollte das reproduzieren, was er selbst wahrnahm, war er doch selbst ein Fremder und der Hauptfigur nicht unähnlich. Ein zivilisierter, gebildeter Mensch, der eintaucht in eine triebhafte, instinktgelenkte Welt. Rau, roh und unbekümmert, in der nur eine Sache zählt: Durchhalten. Nach und nach spürt das Publikum die unerbittliche Hitze und den Durst bis in den Dünndarm. Ein Mittel, mit dem Kotcheff diesen Effekt erreichte, ist das Verzichten auf kalte Farben. Kotcheff sagte den Verantwortlichen für Kulisse und Kostüm, er wolle keine kalten Farben sehen. Kein blau, kein grün, gar nichts, nie und nirgends. Nur warme, heiße Farben. Gelb, Orange, Braun und Rot. Immer wieder, ständig und überall. Er will, dass dem Zuschauer der Schweiß runterläuft und nach der Vorstellung eine lange Dusche fällig ist. Und ein kühles Bier.

"Have a fight, mate!"

Ferien in der Hölle wird als Horrorfilm verkauft. Und den gibt es auch. Doch der Horror hat hier vielmehr mit jenem Horror zu tun, welchem auch Colonel Kurtz in den tiefsten Dschungeln Vietnams begegnete als mit dem, was man üblicherweise als Horror im Film versteht. Nicht viele Filme erreichen eine solche Intensität. Die Hitze, die Isolation, der Schnaps, das Grauen... alles fügt sich zu einem unvergesslichen und verstörenden Film, der keine Kompromisse eingeht.

Genau das ist es vielleicht auch, was Outback so exzeptionell macht. Nur selten schreien Filme förmlich danach ein finanzielles Desaster zu werden. Zur Hölle mit den Konsequenzen. Die Parole lauten: Hingabe und Aufopferung. Keine Kompromisse, um jeden Preis. Jedoch ist genau so, so mancher Meilenstein des Films, und nicht nur des Films, entstanden.  

"Sweat, dust and beer. There is nothing else out here, mate!"  

Der Film ist hervorragend gefilmt und geschnitten. Das Schauspiel ist so gut... man nimmt vieles davon nicht mal als solches wahr. Und es trägt natürlich enorm zu der erwähnten Intensität bei. Hervorzuheben sind Chips Rafferty (der leider kurz nach den Dreharbeiten an einer Herzattacke starb) und der immer großartige Donald "Dr. Loomis" Pleasence. Der schmächtige Brite brilliert als australischer alkoholsüchtiger Mediziner, auch aufgrund der tollen Charakterzeichnungen des Autors.

"What's the matter with him? He'd rather talk to a woman than drink?"

Überhaupt sind die Charaktere im Film sehr gelungen. Kotcheff nähert sich ihnen völlig neutral, emotionslos und ohne Urteil. Dennoch bleibt einem keine der Hauptfiguren gleichgültig. Man verabscheut und hasst sie. Doch der Zuseher muss sich auch eingestehen, dass man sie versteht und/oder mit ihnen sogar mitfühlt. Für einen Filmemacher kein einfaches und förderliches Unterfangen, wie man sich vorstellen kann, da man ja gewöhnlich eine sympathielenkende Regie gewohnt ist. Schon irgendwie traurig, dass der damals junge Kotcheff später als Regisseur von Immer Ärger mit Bernie und zweitklassigen TV Produktionen endete. Warum auch immer.

"C'mon mate, let's have a drink then!"

Ich habe jetzt Durst.

Ferien in der Hölle Bild 1
Ferien in der Hölle Bild 2
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Ferien in der Hölle Bild 5
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Ferien in der Hölle Bild 7
Ferien in der Hölle Bild 8
FAZIT:

Prepare to be shocked, mate! Ein vielschichtiger, verstörender Film aus Down Under und die Renaissance des Aussie Films. Eine Geschichte über das Leben im Outback und über das Outback selbst, dessen Komplexität und Brutalität. Wake in Fright funktioniert hervorragend, sowohl als psychologisches Drama als auch als zeitdokumentarisches Portrait einer obskuren Gesellschaft, über die man nicht viel hörte und sprach.  

WERTUNG: 10 von 10 Kopfständen
TEXT © Thomas Haider
Dein Kommentar >>
Harald | 20.04.2017 11:28
Das klingt ziemlich irre. Eben bei amazon.co.uk bestellt.
Tom | 21.04.2017 11:32
?
Find ihn wirklich großartig, auch bei mehrmaliger Wiedergabe.
Scorsese war nicht weniger begeistert: "it left me speechless. Dramatically, atmospherically and psyhologically... It gets under your skin."
Tom | 21.04.2017 11:33
Das fragezeichen sollte ein daumen nach oben sein.
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