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Frightmare - Alptraum

Frightmare - Alptraum

OT: Frightmare
BRITPLOITATION / HORROR-THRILLER: GB, 1974
Regie: Pete Walker
Darsteller: Sheila Keith, Rupert Davies, Deborah Fairfax, Kim Butcher

STORY:

Dorothy Yates hat mehrere Menschen umgebracht und verspeist. Das brachten ihr und ihrem eigentlich vegetarisch veranlagten, aber seiner Frau bedingungslos hörigen Ehemann Edmund einige Jahre im Irrenhaus ein. Zurückgelassen haben sie Edmunds Tochter Jackie aus erster Ehe und die kleine Debbie, die damals noch ein Baby gewesen ist. Debbie ist gerade im wilden Teenageralter, als Dorothy und Edmund Jahre später aus der geschlossenen Anstalt entlassen werden. Offiziell gilt Dorothy als geheilt, aber das ist sie nicht. Jackie tut alles, um ihre jüngere Halbschwester von den Eltern fern zuhalten. Als Debbie das abgelegene Farmhaus, in dem die Eltern nun leben, dennoch ausfindig machen kann, kommt es zur Katastrophe ...

 

KRITIK:

Der Psychothriller vor über vierzig Jahren. Italien hatte seine Giallo-Maestros, Amerika Brian De Palma. Und England hatte Pete Walker mit seiner eigens gegründeten Produktionsfirma Heritage. Im Laufe der frühen 70er Jahre hat Pete Walker von Sexklamotten wie FOUR DIMENSIONS OF GRETA oder DER PORNOGRAF VON SCHWEDEN und einem etwas lahmen Katz- und Mausspiel namens DIE SCREAMING, MARIANNE zum Genre gefunden. Heute gilt er als Aushängeschild der sogenannten Britploitation.

Britploitation a la Walker. Das sind Schlitzerfilme, die auf dem Fundament böser britischer Psychothriller wie AUGEN DER ANGST aufbauen. Und mit etwas Nudity und etwas Splatter gerne die Grenzen zum Horrorfilm verschwimmen lassen. Manche von Walkers Filme sind ganz eindeutige Vorläufer des modernen Slasherfilms. Andere wiederum flirten mit dem Terrorflick. Doch sie zielen immer auf den zynischen Twist ab. Walker hat augenscheinlich Elemente aus dem Frühwerk De Palmas benutzt; und sich beim italienischen Giallo bedient. Die Plots seiner Filme sind nicht eben originell - und doch hat er eine eigene Handschrift entwickelt. Einen Walker auf der Leinwand erkennt das geneigte Auge selbst bei Nebel und schlechter Sicht.

Auch wenn er nie den berühmten Schritt weitergegangen ist und die Mauer tatsächlich zerschmettert hat - wie Tobe Hooper seinerzeit mit dem TEXAS CHAINSAW MASSACRE oder Wes Craven mit LAST HOUSE ON THE LEFT - Pete Walker hat dennoch einige filmische Alpträume geschaffen, die dann doch verstörend und nachdrücklich genug waren, dass man ihn heute noch mit DVD-Reihen wie der "Pete Walker Collection" würdigt.

FRIGHTMARE - nomen est omen - ist ein solcher Alptraum. So grimmig, dass er zumindest mir noch lange nach Abspann in Erinnerung geblieben ist.

Fassen wir nochmal kurz zusammen: Ein kannibalistisches Mütterchen, ein treu ergebener Ehemann, zwei verfeindete Halbschwestern, die Bohrmaschine als bevorzugtes Mordinstrument und ein völlig nihilistisches Ende mit einer Schlusssequenz, die man schon allein wegen ihrer bodenlosen Bösartigkeit nicht vergisst. All dies würzt Walker mit einer ausgesucht kranken Atmosphäre und einigen in Relation zum Filmalter recht blutigen Gewaltausbrüchen.

Okay, die letzteren locken heutzutage wahrscheinlich keinen Gorehound mehr aus seiner mit limitierten Hartboxen zugestellten Hundehütte, aber sie sind doch recht garstig ausgefallen. Sie zeigen manches und deuten gekonnt noch mehr an und werden so in der Phantasie des Zuschauers zu wahren Monstern.

Was an FRIGHTMARE jedoch am meisten schockiert, ist neben der erwähnt bösen Grundstimmung (und manchem Tapetendesign) ohnehin der Clou, dass hier keine (Menschen-)Ledermaske als urbaner Killer-Kannibale herhalten muss, sondern die archetypisch verankerte gute Seele der Familie schlechthin - die Mutter. Ein Unbehagen, welches Walker dadurch multipliziert, dass er diese von Sheila Keith spielen lässt. Wenn eine ältere Dame den bösen Blick hat, dann doch Sheila Keith. Auch hier pendelt die gebürtige Schottin, die bereits in Walkers HAUS DER PEITSCHEN die letzteren geschwungen hat, so gekonnt wie beängstigend zwischen hypochondrischer Weinerlichkeit und blanker Mordlust.

Darstellerisch unterstützt wird sie vom ehrenwerten Rupert (WITCHFINDER GENERAL) Davies, dessen Rolle als hilflos-höriger Edmund leider eine seiner letzten gewesen ist, und dem Teenage Poison Kim Butcher. Die läuft zwar anfangs fast dem Overacting ins Messer, bekommt aber dann doch noch die Kurve zur bösen, kleinen Schwester der Marke "Süß und böse". Deborah Fairfax komplettiert die Familie des Grauens und hat als einzig gesunder Geist im Stammbaum den schwersten Stand.

Trotz des allgegenwärtigen optischen und verbalen Zeitgeist der 70er, den Schlaghosen und den wildwuchernden Kotletten, hat FRIGHTMARE seine Düsternis konservieren können und ist gut über die Jahre gekommen.

Auch wenn der Film unter einigen wenigen geschwätzigen Passagen leidet, tritt Walkers Schwäche, sich manchmal in belanglosen Szenen zu verlieren, nicht so zu Tage wie sonst. Er beweist nicht nur ein besseres Timing für den Spannungsaufbau, sondern webt darüber hinaus ein ständig dichter werdendes Netz des Wahnsinns, an dessen letzter Verknüpfung folgerichtig ein ausgesprochen verstörendes Schlussbild steht...

PS: Bitte diesen Film nicht mit dem gleichnamigen FRIGHTMARE von Norman Vane aus dem Jahr 1983 verwechseln, der diese Tage in Österreich auf DVD erscheint. 

Frightmare - Alptraum Bild 1
Frightmare - Alptraum Bild 2
Frightmare - Alptraum Bild 3
Frightmare - Alptraum Bild 4
FAZIT:

Ein kannibalistisches Mütterchen, ein vegetarischer, aber treu ergebener Ehemann, zwei sich bekriegende Halbschwestern, die Bohrmaschine als bevorzugtes Mordinstrument und ein völlig nihilistisches Ende mit einer Schlusssequenz, die man ob ihrer grimmigen Bösartigkeit schwer vergisst. Auch wenn der Engländer Pete Walker nie ein TEXAS CHAINSAW MASSACRE, ein LAST HOUSE ON THE LEFT oder einen anderen allerortens anerkannten Terrorklassiker geschaffen hat; mit einem bitterbösen Film wie FRIGHTMARE hat er seine Stellung als König der 70er Jahre-Britploitation jedoch eindrucksvoll untermauert!

 

WERTUNG: 8 von 10 Tarotkarten
TEXT © Christian Ade
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