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Hermes Phettberg, Elender

Hermes Phettberg, Elender

DOKUMENTARFILM: ÖSTERREICH, 2007
Regie: Kurt Palm
Darsteller: Hermes Phettberg, Kurt Palm

STORY:

Kurt Palms Portrait seines langjährigen Weggefährten und Freundes, Hermes Phettberg.

KRITIK:

Sommer 1996: Mit Millionen begeisterten Zusehern auf ORF und 3sat befindet sich Hermes Phettberg auf der Höhe seines Erfolges. Der selbsternannte Elende und Publizist polarisiert, die einen sehen in ihm eine der außergewöhnlichsten Persönlichkeiten des heimischen Kulturbetriebes, die anderen halten ihn einfach nur für eine fette, selbstmitleidige und vor Dekadenz triefende Schwuchtel. Jedenfalls ist ihm ein gewaltiges Medieninteresse gewiss.

Jänner 2007: Kurt Palm macht sich mit seinem Drehteam auf nach Gumpendorf und bittet seinen ehemaligen kongenialen Partner, deren kreative Zusammenarbeit Mitte der 90er in großartigen Nette Leit Show gipfelte, zum Gespräch. Weiß man über dessen weiteren Lebensweg, eigentlich Leidensweg, seit dieser Zeit nicht Bescheid, glaubt man seinen Augen nicht zu trauen. Hermes Phettberg präsentiert sich als von zwei Schlaganfällen und diversen weiteren gesundheitlichen Problemen gezeichneter, abgemagerter Mann. Das komplette Gegenteil seiner früheren imposanten Erscheinung und ganz seiner erniedrigenden Selbstbezeichnung gerecht, ein Häufchen Elend.

Ich muss Claus Philipp recht geben, der im Begleittext der DVD schreibt, dass dieser Film gefährlich pathetisch ausfallen hätte können. Phettbergs Biographie böte genug Möglichkeiten, ihn übertrieben künstlich hochzuheben, zum Glück navigiert Palm seinen Film jedoch geschickt am Pathos vorbei. Dies zeigt sich bereits am Drehort. Der Regisseur nimmt neben seinem Protagonisten am Sofa in dessen Wohnung Platz und lässt die Kamera einfach draufhalten. So bestehen die ersten 60 Minuten dieses visuellen Portraits aus einer Unterhaltung zwischen den beiden langjährigen Wegbegleitern. Kurt Palm lässt Phettberg dabei, gesteuert durch Zwischenfragen, sein Leben rekapitulieren.

Geboren als Josef Fenz in der konservativ katholisch geprägten niederösterreichischen Provinz, versuchte er anfangs, entgegen später an den Tag gelegten Gepflogenheiten, "dazuzugehören" und sich anzupassen. Die Umbenennung und der damit verbundene Lebenswandel erfolgt erst in den 80ern, als es ihn längst nach Wien gezogen hat. Natürlich werden auch seine Verfügungspermanenzen nicht ausgespart, im Zuge derer er sich tagelang, unter anderem im Wiener WUK, fast vollkommen nackt anketten ließ, damit die Gäste über ihn disponieren.

Unterbrochen werden die beiden nur von sorgfältig ausgewählten Videoausschnitten oder passenden Fotoeinspielungen. So sieht man Ausschnitte diverser Talkshows oder Nachrichtenbeiträge aus jener Zeit, in der ihm ein breites Medienecho zuteil wurde. Erstaunlich aber, dass bereits aus seiner Jugend diverse Videodokumente existieren, die ihn als jungen Pastoralassistenten in seiner Dachbodenwohnung zeigen.

Die letzten Minuten bestehen aus einem Besuch in der Klinik Laßnitzerhöhe, wo Phettberg eine 6-wöchige Rehabilitation durchläuft, die offenbar ihre Wirkung nicht verfehlt. Er präsentiert sich bester Laune angesichts des Besuches und körperlich erfrischt. Überhaupt erweist sich Hermes Phettberg als jemand, der sich trotz anhaltender Rückschläge, die für mehrere Leben reichen würden, seinen Humor bewahrt hat. Eine Eigenschaft, die man ihm nicht hoch genug anrechnen kann. Die letzte Szene des Films hat mich, der bei Titanic, Forrest Gump, Green Mile und allen schmalzigen Artverwandten dieser Welt der Sentimentalität widerstanden hat, dann doch zu Tränen gerührt.

Hermes Phettberg, Elender Bild 1
Hermes Phettberg, Elender Bild 2
Hermes Phettberg, Elender Bild 3
FAZIT:

Kurt Palms Film Hermes Phettberg, Elender ist nicht nur um eine Hommage an einen alten Freund, sondern eine Ode an das Leben als fortwährender Prozess des Scheiterns. Es ist das Portrait eines radikalen Querdenkers und Außenseiters, der sich wohltuend aus dem grauen Pool der Masse hervorhebt, eine Lichtgestalt, die ich in der heutigen Medienlandschaft schmerzlichst vermisse.

WERTUNG: 9 von 10 Krücken als Zepter
Gastreview von Matthias
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