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Hunger

Hunger

HORROR: USA, 2009
Regie: Steven Hentges
Darsteller: Linden Ashby, Lori Heuring, Bjorn Johnson

STORY:

Fünf Fremde in der Dunkelheit. Sie wissen nicht wie sie hergekommen sind, noch was sie ihnen bevorsteht. Doch Letzteres wird ihnen bald klar ...

KRITIK:

Ohne Umschweife: HUNGER ist ein grandioser Film - zumindest in meinen Augen. Dass dies nicht alle so sehen, war mir bereits nach Sichtung des fiesen Terrorfilmchens klar¸ dass Steven Hetgens Werk bei den üblichen Verdächtigen der Filmdatenbanken jedoch im öden Mittelmaß pendelt - und mit seinen 5 Punkten unendlich unterbewertet ist - hat mich dann doch sehr überrascht.

Der ohnehin karg rezensierte Film läuft somit noch weiter Gefahr, in die übliche, schmuddelige Ecke der Direct-to-DVD Produktionen verschoben zu werden um dort sein Dasein neben "Perlen" à la SAW 3D VOLLENDUNG HOCH BLUT (dem natürlich mehrere Wochen der Einlass in die Lichtspielhäuser gewährt wurde und nun mindestens in fünffacher Ausführung in den Videotheken steht) unbeachtet zu fristen.

Das - übrigens toll geschriebene - Review der Filmseite Reihe Sieben (reihesieben.de/hunger-dvd-kritik), meint es auch nicht besser mit HUNGER: "Es bleibt die ernüchternde Erkenntnis, dass HUNGER (…) deutlich mehr des durchaus vorhandenen Potentials hätte ausschöpfen können - in seiner jetzigen Form ist es jedoch maximal Direct-to-DVD-Futter für potentielle Genrekomplettisten."

Aber wie lautet die erste Regel des Film Club? Traue nie der Internet Community. Und schon gar nicht den Filmkritikern. ;)

HUNGER beginnt, wie man es sich von einem Terrorfilm nur er-albträumen kann: Dunkelheit, Desorientierung, Klaustrophobie. Mit den besten Einstieg, dem ich seit langem in einem Horrorfilm beiwohnen durfte, lässt HUNGER ohne zu Zögern die Angst und die Hoffnungslosigkeit gekonnt auf seine Zuschauer los, indem er ihnen verwaschene und finstere Bilder seiner 5 Protagonisten (beziehungsweise Opfer - in Horrorfilmen sind es ja meistens nur Opfer und keine Figuren) zeigt und sowohl diese als auch die Zuschauer im sprichwörtlichem Dunkeln tappen lässt.

Nach grandiosen ersten zehn Minuten entschließt sich HUNGER dann jedoch dazu, in sein anfängliches Loch an Plot, Orientierung und Logik, "Licht" in das Ganze zu bringen - ein Entschluss, der zwar für den Film essentiell ist, da dieser ohne diese Tatsache wahrscheinlich sehr lange auf der Stelle getreten wäre, jedoch in mir ein kurzes Gefühl von Enttäuschung ausgelöst hat: so diffus und nutzlos (für die Opfer) der Stil des Einstiegs gewesen sein mag - ich für meinen Teil hatte mich schon darauf eingestellt (und gefreut) einen Film zu sehen, der - zumindest die meiste Zeit - in purer Dunkelheit spielt. Ich will gar nicht behaupten, dass dadurch enormes Potential verschenkt wurde - HUNGER spielt seine Spannungskarten geschickt aus, dass es auch unter voller Beleuchtung zu unheimlich gruseligen Atmosphäre und Szenerie kommt, diese Wirkung erzeugt der Film jedoch nicht mehr mit der wohligen Ungemütlichkeit der Finsternis, sondern allen voran mit blankem Entsetzen.

Denn bald ist klar, wohin der Hunger führen wird. Verheißungsvoll werden die Opfer auf verschiedene Eigenheiten in ihrem Gefängnis aufmerksam, bis ihnen endgültig klar wird, wie dieses bizarre Experiment enden muss.

Bewacher und Aufpasser der Versuchskaninchen ist zu diesem Zeitpunkt zwar noch ein unbeteiligter Dritter, dessen Motive erst im Verlauf der perfiden Studie an die sichtbare Oberfläche dringen, für die der aufmerksame und mitdenkende Zuschauer jedoch kaum mehr als ein Schulterzuckendes "Hab ich mir eh gedacht" übrig haben wird.

Dies ist insofern nicht weiter tragisch, da das Spiel ebenso ohne Motiv oder Erklärung für den Wahn funktionieren würde; den Nutzen, den der Verantwortliche aus dem obskuren Spiel zieht, wirkt ohnehin etwas an den Haaren herbei gezogen, zwar nie ganz unplausibel, aber doch etwas unausgereift, wenn man die psychologische Komponente weiterdenkt, die einem HUNGER damit ausbreitet.

Der Rest der Figuren ist jedoch angenehm klug und originell ausgefallen: die verschiedenen Opfertypen sind zwar immer noch vorhanden (siehe: Held und Heldin, Feigling, Arschloch, etc.), jedoch wurden den Figuren trotz aller (erzwungenen) Differenzen ehrlich und geschickt ausgearbeitet. Ebenso empfindet man durchaus eine gewisse Sympathie mit den armen Schweinen und somit wird deren unausweichliches Ableben doch zu einer Tragödie, die man nur schwer mitansehen kann.

Hauptsächlich erblicken wir das Spiel aus der Sicht des Hauptopfers Jordan (Lori Heuring), auf deren körperlichen und psychischen Zerfall sich das Drehbuch auch über weite Strecken konzentriert, wobei gesagt werden muss, dass der Charakter Jordans von allen fünf Leuten am blassesten bleibt. Zwar zeigt der Film überaus gern ihre mentale Stärke und ihre Durchsetzungskraft, begründet diese jedoch nur durch eine moralisierende Überbotschaft, die zwar nicht weiter stört (sondern ohnehin gerechtfertigt sein sollte), gegen Ende hin jedoch schon arg pathetisch zelebriert wird.

Neben den psychisch aufreibenden Spiel, der Dunkelheit, dem Wahnsinn und der Angst, bezieht HUNGER seine immense Wirkung aus einem weiterem Faktor: dem Ekel. HUNGER ist ein durch und durch ekliger Film. Dies liegt jetzt nicht, wie viele eventuell vermuten würden, an übertriebenen Gewaltspitzen oder "SAW-like Torture Porn" (ach, wie gern ich mich doch über dieses Franchise auslasse), sondern eher an der Intensität und Konsequenz, die HUNGER an den Tag legt. Und an der Verzweiflung. Dem Wahnsinn. Der Angst. Denn Hetgens Film nimmt seinen Figuren und auch seinen Zuschauern das letzte bisschen Menschlichkeit, indem er beide gleichermaßen vor die selbe, fiese - unausweichliche - Frage stellt: What the fuck would you do?

Mittlerweile geht es lange nicht mehr darum, was man tun sollte, sondern wie weit man das Unausweichliche noch hinauszögern kann. Nicht ob man die letzte Schwelle in die Dunkelheit übertreten wird, sondern wann.

Natürlich positioniert sich HUNGER dabei strikt auf eine - wie schon gesagt - spezielle Seite, die trotz seiner moralischen Überlegenheit dennoch die richtigen Fragen aufwirft und sie seinen Opfern auch fühlen, erleben und schmerzen lässt. Klar, die emotionale Argumentation die der Film dabei nur für sich einnimmt, mag vielleicht einseitig und manipulierend wirken (vor allem in Anbetracht des merkwürdigen Motivs des Überwachers), aber trägt noch lange nicht die heuchlerische, zum Selbstzweck verkommene Selbstjustiz und menschenverachtende Moral von SAW und Konsorten.

Zudem weiß der Film auch, wie sein Publikum reagiert, mit welchen Fragen er dieses beschäftigen kann - und wie er auch bei den einem oder anderem Zuschauer vielleicht das Gefühl von Schuld heraufbeschwören kann. Dass es sich Hetgens dabei sehr leicht macht, seinen Film auf die Seite des "Guten" zu ziehen, indem er (unsympathische) Opfer zu bösen Tätern werden lässt, sei kurzerhand mal übersehen - nicht zuletzt, weil die Figuren in HUNGER nicht zu mordlustigen Bösewichten verkommen oder von Anfang an so präsentiert werden, sondern da es das Drehbuch schafft, die unvorstellbare Tat plausibel herbeizuführen, ohne sie zu relativieren, glorifizieren oder zu sehr zu verurteilen.

Erst wenn gegen Ende hin sich die verzweifelte Menschengruppe in ein rüdes Pack verwandelt und allen voran eine bestimmte Person die Entscheidungsmacht übernimmt, zeigt der Film Züge von unnötiger Wahnentwicklung.

Oh. Und neben dem psychologischem Ekel gibt es natürlich noch den altmodischen, blutigen und schlichtweg grauslichen Ekel. Der das Blut gefrieren lässt. Der einem die Sprache verschlägt. Der einem den Atem anhalten und die Hand vor den Mund schlagen lässt. HUNGER mag nicht die übertriebene Gewalt oder den Blutzoll seiner heutigen Horrorfilmkollegen besitzen, dafür besitzt er jedoch die Wirkung, die eben jene vergebens suchen.

Und wenn dann das Unausweichliche endlich (?) eingetroffen ist, geht es nur noch bergab - nicht mit dem Film, sondern mit den Opfern und plötzlich findet man sich in einem Strudel von Nihilismus und Dunkelheit wieder, aus dem es scheinbar kein Entkommen gibt, ein Strudel der sich dann in einer wunderbaren Schlussszene auflöst, die mit einer schlichten Erlösung dem ganzen Graus ein Ende setzt.

Und Hetgens ist bei seiner Darstellung alles andere als zimperlich: wer beim Anblick abreißender Fingernägel schon das Gesicht zu mitfühlenden Schmerzen verzieht, sollte sich lieber noch einmal entspannt zurücklehnen - denn auf denjenigen kommen ungemütliche Minuten zu. Das Gefühl und die Stimmung die HUNGER dabei verbreitet hat mich stark an THE DESCENT erinnert und gemessen daran, dass Neil Marshalls Film einer der effektivsten und besten Horrorfilme des letzten Jahrzehnts war (keine Widerrede!), hat das schon was zu bedeuten.

Hunger Bild 1
Hunger Bild 2
Hunger Bild 3
Hunger Bild 4
Hunger Bild 5
Hunger Bild 6
Hunger Bild 7
Hunger Bild 8
FAZIT:

Alles in allem zeigt HUNGER, wozu das populärste aber auch verschrieene Genre "Horror" in der Lage ist auszulösen. Eine starke psychologische Komponente, ein abwechslungsreiches Drehbuch und eine sehr, sehr düstere End- & Ausgangssituation überspielen durchaus die Schwächen, die Hetgens Film ab und an, an den Tag legt. Mich persönlich haben diese Schwächen jedoch wenig, wenn überhaupt, gestört - ich war zu sehr damit beschäftigt, mit aufgerissenen Augen dem Trauerspiel beizuwohnen, welches mich auch noch Tage, nachdem ich den Film gesehen habe, beschäftigt, begeistert und verfolgt.

Ein starkes Stück Film, der durch die STÖRKANAL Reihe die DVD-Auswertung (yeah, Booklet!) bekommt, die er verdient. Und damit hoffentlich auch die Beachtung.

WERTUNG: 7 von 10 überstandenen Tagen
Dein Kommentar >>
toxic | 02.07.2011 17:56
Echt gelungen. "Saw" meets "The Descent" meets "Das Experiment" meets "..." ich will ja nichts spoilern :)
Sehr intelligenter Psychohorror der in ganz anderer Form die selbe Frage stellt wie "Tree of Life": Den Weg der Gnade, oder der Natur?

8 von 10 neue Glühbirnen
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