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Ich seh, Ich seh

Ich seh, Ich seh

OT: Goodnight Mommy
RURALER REGIONALHORROR: A, 2014
Regie: Severin Fiala & Veronika Franz
Darsteller: Susanne Wuest, Elias & Lukas Schwarz

STORY:

Die Mutter kommt nach einer schweren Operation zurück. Das Gesicht der Mutter wurde bis zur Unkenntlichkeit in Bandagen gewickelt. Der Mutter geht es noch nicht gut, sie braucht viel Schlaf und wenig Licht. Die zwei Söhne wirken verstört, ist doch ihre Mutter immer ein tierliebender und fröhlicher Mensch gewesen. Langsam aber sicher stellt sich der Verdacht ein, dass sich unter den Bandagen nicht ihre Mutter verbirgt. Doch wer ist die fremde Frau, die sich durch die kalten Zimmer ihres trauten Heimes bewegt?

KRITIK:

Austrian cinema is kind of sick.

Österreichischer Horror = Ulrich Seidl-Figuren mit Michael Haneke-Gewalt und der sozialkritischen Moral beider Filmemacher. Punkt. Kritik beendet. Geht und seht euch den Film an, wenn er dann ins Kino (und/oder DVD raus-) kommt. Denn auch wenn man mit den beiden Ausstellungsstücken des österreichischen Kinos nicht kann (wie, äh, moi), hat ICH SEH ICH SEH mehr zu bieten: der Film kombiniert den üblichen Kammerspielzirkus mit klassischen Horrorelementen und das funktioniert ganz gut.

Großen Erfolg feierte der Film bereits in Toronto und Venedig bei den jeweiligen Festivals - und soweit ich das mitbekommen habe, ist er dort auch sehr gut angekommen. Nun hatte der Film seine Horrorfilmfeuerprobe - war die österreichische Vorpremiere quasi eines der Schmankerl beim /slash Filmfestival 2014 (Überraschungsfilme sind schon was feines).

Das sympathische Filmemacherduo meldete sich nach der Vorstellung, die mit großen Applaus beendet wurde, selbstredend zu Wort und machte vor allem eines richtig: keine Überinterpretation ihres Stoffes. Auf die Frage, warum sie sich bei der Besetzung (bzw. beim Schreiben des Drehbuchs) für Zwillingsbrüder entschieden haben, fiel die Antwort wunderbar plump aus: es sieht einfach leiwand aus (Paraphrase, natürlich drückt man sich nicht ganz so gschert aus wie ich).

Nun, zum Film selbst. Dieser hat die Probe durchaus bestanden und wartete auch mit einigen kollektiven Schreckensseufzern auf, die er in durchaus graphischen Darstellungen und stimmungsvollen Bildern heraufbeschwört. Wenn man jedoch mit den üblichen Erwartungen an den Film rangeht, die nun mal bestehen sobald ein sogenannter "Horrorfilm" die Leinwand betritt, sollte man gewappnet genug sein.

ICH SEH ICH SEH zieht seine primäre Stärke vor allem aus dem psychologischen Metier: das Misstrauen gegenüber seiner eigenen Mutter/seinen eigenen Kindern, die kalte Fassade eines verlassenen Großfamilienheims, unheilvolle Fotografien, Zwillinge (der Klassiker!) und - mein persönlicher Albtraum - das Land. Nichts ist gruseliger als Bauern, die einen skeptisch beobachten oder die heiße Erde, deren Porosität sich mit symbolische Mutmaßungen aufdrängt. Und dann noch die Leere: meilenweite Leere, rurale Sterilität die sich durch neblige Wälder und weite Wiesen zieht. Nein, das Land ist nicht mein Freund und die Kälte die es -  trotz der gelungen in Szene gesetzten Sommertage (inklusive Grillenzirpen und diesen fetten Strohballen!) - versprüht, gräbt sich langsam unter die Haut.

Langsam und effektiv sind wohl die Adjektive die diesen Film am besten beschreiben. ICH SEH ICH SEH lebt voll und ganz von seinen Bildern, die mit gewohnter Distanz einen unheimlichen Einblick in das gestörte Verhältnis einer zerütteten Familie geben will. Häusliche Gewalt und innere Unruhe, Unsicherheit über eines der sichersten Dinge der Welt (Mutterliebe und ihre Erwiderung) untermauern die stille Fotografie von Kameramann Martin Gschlacht. Ein subtiler Grusel, aber ein haftender. Wenn er dann zutritt, spürt man ihn in einer schwach erforschten Magengegend.

Zugegeben - "neu" ist der Film von Fiala & Franz keineswegs. Die Ideen kamen den beiden laut Interview vom nächtelangen Filme-Schauen, eine Art Filme zu konsumieren, die ich nur unterstützen und empfehlen kann. Die alten Bekannten des Horrorkinos des letzten Jahrhunderts sind gut vertreten; gruselige Masken und gruselige Kinder (habe ich bereits erwähnt, dass Kinder und insbesondere Zwillinge auf dem Grusel-O-Meter Platz 1 und 2 belegen? Was? Allgemeinwissen? Ach so.), verlassene Häuser, tote Tiere, Kakerlaken(!), wenig Score und wenn dann nur in tiefen Bässen, etc. etc. Den zu Tode geschriebenen Twist riecht man auch schon meilenweit gegen den niederösterreichischen Wind, aber wenigstens wird er einem nicht mit einem überspitzen und selbstverliebten (um nicht zu sagen shyamalan'schen) TATA! präsentiert. Nichts ist blöder als ein Geschenk, das man schon fünf mal überreicht bekommen hat ("Wir wissen doch, wie dir das gefällt!"), überreicht auf einer Überraschungsparty, deren Planung man quasi bezahlen musste. 

Aber vielleicht ist das auch alles nur ein Trick. Man gebe dem Zuseher das Gefühl von Sicherheit und Altbekanntem, nur um ihm dann nochmal eine reinzuhauen: Haneke-Style. ICH SEH ICH SEH ist gegen Ende hin ein richtig, richtig schiaches (um es auf good-ol'-österreichisch zu formulieren) Kammerspiel, das einem ziemlich sicher in Erinnerung bleibt. So gesehen sind die paar Schönheitsfehler gar nicht mal so schlimm; das aufgesetzte Endbild und die typischen sozialkritischen Elemente (Beten vor dem Jesuskreuz, traditionsbewusste Kinderlieder, "Familie ist doch eigentlich was Schönes!" - es ist ja beinahe so, als ob der Seidl den Film produziert hätte!!) sind ohnehin nicht der Grund dafür, dass sich der Film bewährt und tief in den Erinnerungen seiner Zuschauer vergräbt.

Letztlich sollte noch die Darbietung der drei Schauspieler genannt werden, deren Spiel trotz beschränkter Ausdrucksmöglichkeiten für den finalen Feinschliff sorgen. Susanne Wuest (die Mutter) spielt fabelhaft bösartig, während die Gebrüder Schwarz (die Zwillinge) ihre Ausstrahlung für sich sprechen lassen. Die Nebenfiguren sind zum Glück rar gesät - Minus gibt es allerdings für eine der blödesten Hope-SpotsPolice are Useless, etc. - Trope (zu viele Variationen!) der letzten paar Jahre: immer wieder tauchen unbeteiligte Figuren auf und bemerken beinahe die lauernde Gefahr, nur um dann wieder von dannen zu ziehen: ein vorhersehbares und langweiliges Element. Die Sanitäter in ICH SEH ICH SEH sind nicht nur unnötig, sondern billig und ziehen ihren ähem, "Witz" aus der alleinigen Typisch-Land-Attitüde. Und ich bin ungefähr soviel Regionalpatriot wie ich Vegetarier bin, dass ich das lustig finden kann.

Ich seh, Ich seh Bild 1
Ich seh, Ich seh Bild 2
Ich seh, Ich seh Bild 3
Ich seh, Ich seh Bild 4
Ich seh, Ich seh Bild 5
Ich seh, Ich seh Bild 6
FAZIT:

Altbekannt aber effektiv: ICH SEH ICH SEH ist ein perfider Psychothriller der sich mal mit subtilen und mal mit eindeutigen Horrorelementen unter die Haut der Zuseher gräbt. Das brachiale Finale wird man sich noch länger merken und so verzeiht man dem Film auch das eine oder andere zu Tode getragene Klischee. 

Passend zur brutalen Wetterlage kommt dieser perfekte Hochsommer-Horrorfilm dieser Tage in die deutschen Kinos.

WERTUNG: 7 von 10 altbekannten Kinderreimen
Dein Kommentar >>
Ja, es gibt 3 Schauspieler, aber nur einen Zwillin | 30.11.2015 08:09
Ist nicht der Umgang mit dem Verlust des Bruders bzw. des
Sohnes (bei Nichtanwesenheit des Mannes bzw. des Vaters) das
eigentliche Thema des Films: Es sind nicht zwei Zwillinge, die
dort auftauchen, es ist ein übrig gebliebener Zwilling mit einer
verlassenen Mutter die ob des Todes ihres Sohnes selbst unter
Schock steht. Die Operation ist wohl Kild dessen.
Die Fremdheit bzw. das das Grauen erwächst aus meiner Sicht
aus dem Unglück und erfüllt keinen Selbst-Zweck wie bei einem
"Horrorfilm" (die ich gähnend langweilig finde).
Cosina | 15.01.2016 01:53
Gut, dass ich ihn schon gesehen habe. Mit diesem Extremspoiler wäre er mir verdorben worden.
Bitte vorher warnen.
>> antworten
Cosina | 05.08.2015 04:36
Dieser Film bringt mich dazu, meinen ersten Kommentar zu schreiben.
Sonst schaue ich Horrorfilme zum Einschlafen. Ja das geht, für Manche brauche ich mehrere Abende.
Doch dieser, geschaut in einer heißen Nacht, hat mich hellwach werden lassen.
Habe den Twist auch nicht geahnt, lasse mich zu sehr dafür auf Filme ein. Meine Tochter hätte ihn wohl schon früh gesehen.

Als Mutter war ich vielleicht noch tiefer drin. Fand ihn hervorragend verstörend, und wie Lena schon schrieb, einer den man nicht so schnell vergisst.
Die Bildmalerei hat mir sehr gut gefallen.
Das Land außenrum ist für mich ganz und gar nicht gruselig. Ganz im Gegenteil, das ist die Welt in der Kinder frei und glücklich sind. Dagegen das kühle Haus, kühl wie ich oft Familien-Emotionen in reicheren Haushalten erlebt habe.
Auch wenn die Bilder sehr gestellt wirken, finde ich sie gerade so perfekt inszeniert.

10 von 10 Schlafliedern
(und wer singt mir jetzt eins?)
>> antworten
Leso | 10.07.2015 00:20
Ein extrem gelungener, finsterer und verstörender
Film. Ihr "Ösis" könnt euch was darauf einbilden,
so einen Film kriegen wir hier in Deutschland ganz
sicher niemals hin.
>> antworten
Lena | 13.01.2015 17:14
SPOILER
Kann mich Harald nur anschließen, fand ihn auch ziemlich arg, sowohl was die emotionale Grausamkeit am Anfang als auch die physische Grausamkeit gegen Ende betrifft. (Diese Lupenszene ... ) Leider vergesse ich ja mittlerweile ganze Handlungen von Filmen, die mir sehr gut gefallen haben, aber diesen Film vergesse ich sicher nicht. Und ich finde dieses Verdeutlichen, dass es für die Kinder keinen Ausweg gibt, zwar vielleicht abgedroschen, aber dramaturgisch notwendig, denn sonst fragt man sich halt, warum rennen sie nicht davon?
>> antworten
Harald | 12.01.2015 17:33
So, auch endlich gesehen. Entweder bin ich mittlerweile total verweichlicht, oder das war tatsächlich ein ziemlich grober Brocken - vor allem die Folterszenen. Krass, krass.
Was die rurale Landschaft anbelangt: Kann ich natürlich nachvollziehen, dass man sich davor gruselt. Aber wenn man in einer solchen Umgebung aufgewachsen ist, fühlt es sich schon auch wieder heimelig an.
Den Twist hab ich übrigens nicht riechen können. Blame it on the Schnupfen.
Fedi | 12.01.2015 18:15
Ich war ja auch ziemlich gut drauf eingestellt.
Die Österreicher sind so ungern zimperlich in
ihrer Darstellung, da hab' ich mich schon drauf
eingestellt. Außerdem geht man doch mit
gefestigtem Magen auf ein Horrorfilmfestival. Zu
dem Twist: ich seh' mittlerweile jeden Horrorfilm
mit dem Hintergedanken, dass - SPOLIER! - eine
der Figuren sich eine andere der Figuren nur
einbildet bzw. der "Geist" oder einer der Figuren
die Schuldgefühl/Nicht-Loslassen-Wollen-Horror-à-
la-Kübler-Ross-Trauerphasen-Allegorie ist. Dass
kommt echt andauernd vor. (irgendwie haut mir
jeder halbgute japanische Gruselfilm diese
Message um die Ohren und zweitens äh - fight club
me twice, shame on me! ;)
SPOLIER?! :-D | 16.08.2015 13:24
Wer hat sich wen eingebildet? Fedi, dann spolier aber mal richtig,
bitte.. ;-)
Fedi | 17.08.2015 11:16
Puh, ist jetzt schon fast ein Jahr her, dass ich den Film gesehen habe aber wenn ich mich richtig erinnere, der eine Bruder den anderen (?) - auf jeden Fall spricht und handelt die Mutter stets so, als ob sie nur eine Person anspricht, ein kniff, den ich schon ein paar mal in filmen beobachtet habe...
>> antworten


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