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Jean Cocteau-Edition: Der Doppeladler

Jean Cocteau-Edition: Der Doppeladler

OT: L'Aigle à deux têtes
MELODRAM: FRANKREICH, 1948
Regie: Jean Cocteau
Darsteller: Jean Marais, Edwige Feuillière, Sylvia Monfort

STORY:

Königin Natasha hat sich seit dem Tod ihres Gatten aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Während eines Balles auf dem abgelegenen Schloss Krantz taucht der Anarchist und Poet Stanislas plötzlich nach gnadenloser Hatz auf um die Königin zu meucheln. Doch zwischen den beiden flackern Gefühle auf, die gerade im Angesicht einer sich anbahnenden Verschwörung gegen die Königing, kaum Chancen auf eine gemeinsame Zukunft haben.

KRITIK:

Eine Königin ohne König und ohne Lebensfreude. Ein Attentäter ohne Mordabsichten und Leidenschaft. Ein Schloss ohne Sonne und Pomp. Ein sich verselbstständigender Polizeiapparat ohne Anstand und Loyalität. Ein anonymes Königreich ohne Hoffnung.

Kunsttausendsassa Jean Cocteau spielt in seinem dritten Film, ohne dezidiert Namen oder Orte zu nennen, mit Motiven der österreichischen Habsburg-Monarchie. Zumindest lassen der Titel, die Lederhosen des Attentäters und die Sisisterne im wallenden Haar der Königin Natasha darauf schließen.

Der König wurde ermordet, die Königin liebt die einsame Abgeschiedenheit der Berge, um ausgiebig in ihrem Schmerz zu baden. Sie beschäftigt einen afroeuropäischen Diener, den sie sogar zum Minister machen möchte, gibt Bälle an unwirtlichen Orten zu denen sie dann nicht erscheint, feiert Gelage mit ihrem toten Mann und meidet die Öffentlichkeit. Sie interessiert sich nur noch für ihren eigenen Schmerz, heute würde man das wohl Depression nennen, und verschwendet keinen Gedanken an ihr Volk.

Daneben der aufgeblähte Apparat des metternichschen Überwachungsstaates, der die "Interessen" der Bürger mit seinen eigenen verwechselt und die Exzentrik der Königin auf die eine oder andere Weise unterbinden möchte. Denn auch die Monarchin steht nicht über den Gesetzen des quasi-totalitären Regimes, sie muss repräsentieren, dem Volke Vorbild sein.

Das bedeutet sie muss sterben oder "normal" werden...

Harter Stoff, mit feiner Klinge geführt, und so kann jeder aus diesem Film herausholen, was er möchte, auf der gesamten Bandbreite von der Rührseeligkeit über Wehmut über den Untergang der Monarchie bis hin zum kritischen Kommentar zu deren Rückfall in den Absolutismus nach 1848, der auch gleichzeitig den Todesstoß in Zeiten der stetig voranmarschierenden Moderne bedeutete.

Dennoch schwingt bei diesem Film ein leidlich romantisches Moment mit. Zwischen all der Abgeklärtheit entspinnt sich die unmögliche Liebe zwischen dem desorientierten (von Coteaus Stammhauptdarsteller Jean Marais etwas blass gemimten) Attentäter und der lebensmüden Königin, die ihn in einem letzten Anflug von Weltfremdheit als Vorleser engagiert um noch ein letztes Mal in den dunkel verhangenen Gängen des Schlosses so etwas wie Zuflucht zu ihrem Fantasiereich der großen Dichter zu empfinden, bevor sie widerwillig ihren Pflichten als Königin nachgehen muss, den Schleier zu lüften oder niemals wieder abzulegen ...

Jean Cocteau-Edition: Der Doppeladler Bild 1
Jean Cocteau-Edition: Der Doppeladler Bild 2
Jean Cocteau-Edition: Der Doppeladler Bild 3
Jean Cocteau-Edition: Der Doppeladler Bild 4
Jean Cocteau-Edition: Der Doppeladler Bild 5Jean Cocteau (1889-1963): Dichter, Maler, Musiker, Schauspieler, Regisseur, Surrealist
FAZIT:

Klug, romantisch bis zum Abwinken, aber auch ein wenig zäh, weil ein wenig langsam und an mancher Stelle vorhersehbar, und auch zu verkopft und politisch um die Liebesfilmfreunde hinreichend zu befriedigen, lässt uns Cocteau an einem Traum auf das Ende der Monarchie teilhaben. Deuten muss man ihn jedoch selbst.

P.S.: Erschienen ist dieser Film in der Jean Cocteau Edition, die auch das Familiendrama "Die schrecklichen Eltern" und den Klassiker "Orphée" enthält.

WERTUNG: 7 von 10 Nebelschwaden
TEXT © Ralph Zlabinger
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