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GOOD MOVIES FOR BAD PEOPLE
KOMA

KOMA

DRAMA: A, 2009
Regie: Ludwig Wüst
Darsteller: Nenad Smigoc, Claudia Martini, Claudia Martini, Roswitha Soukup

STORY:

Hans aus Frankfurt ist Taxifahrer in Wien oder einem Vorort davon. Die Feier zu seinem fünfzigsten Geburtstag verpasst er mit Absicht aus Gründen, die nur ihm und einer Videokamera bekannt sind. So glaubt er.

KRITIK:

Ludwig Wüsts erster Film ist ein harter Brocken. Das liegt nicht wirklich am Thema - vermeintlich zerrüttete Familien und Snuff, in Wirklichkeit aber Liebe und Sadomasochismus -, als vielmehr daran wie (intensiv) Wüst seine(n) Protagonisten beobachtet.

Das tut er aus zwei verschiedenen Blickwinkeln, die einander anfangs bekämpfen, schließlich aber verschmelzen. In der ersten Einstellung sieht man eine Frau und einen Mann von hinten durch die Linse einer Filmkamera. Sie sitzen auf einer Parkbank. Dann sieht man die Hände der zwei. Er hält ihre Rechte in beiden Händen. Sie legt ihre Linke auf seinen linken Unterarm und streichelt ihn leicht mit ihrem Daumen. Er blickt irgendwie verwundert hinab auf die Hände. Sie lächelt. Abrupter Schnitt zum Titel in roten Großbuchstaben.

In der nächsten Einstellung sieht man durch die Linse einer schlechten Videokamera, die auf einen Spiegel gerichtet ist, wieder die Frau. Sie sitzt im Bademantel in einem gefliesten Zimmer. Ihr Gesicht wird bald von einer nagelbewährten Holzplanke verdeckt. Man hört einen Mann. Es ist der von vorhin. Man erkennt ihn am Profil. Er glaubt die Planke sei noch ein bisschen zu lang und sägt sie zurecht. Sie steckt sich eine Zigarette an. Er ist fertig. Sie streichelt die Planke. Er entreißt sie ihrem Griff. Der Mann heißt Hans und ihn beobachtet Wüst am intensivsten. Die Beobachtung verläuft aber nicht linear. So schneidet die starre Videokameraeinstellung immer wieder kurz aber heftig durch die handlungserzählenden Filmkamerabilder.

Man sieht wie die Frau von Hans vergebens unter Verwandten und Bekannten auf ihren Mann wartet. Dann sieht man plötzlich wie Hans die Frau im gefliesten Zimmer verdrischt und wie sie schließlich zusammenbricht. Diese Bilder sind Erinnerungsmontage und Handlungselement zugleich. Hans erinnert sich offenbar an seine Tat. Ein Freund von Hans' Sohn lädt das Video jedoch auch aus dem Internet und über Umwege landet die DVD auf den Tisch mit den Geburtstagsgeschenken für Hans.

Auf ziemlich grandiose Weise übernimmt die Videokamera dann etwa in der Mitte des Films das Handlungserzählen, was dann in Folge auch die Erinnerungseinbrüche aus dieser Quelle unterbindet. Hans, rasiert, ist nach Frankfurt gefahren. Dort befindet sich seine alte Wirkstätte das Badezimmer. Die Videokamera filmt eine lange und starre Sequenz, in der eine Prostituierte (absolut großartig gespielt von Anke Armandi) Monolog führt.

Sie klärt die einschneidenden Videobilder auf und führt somit die beiden Filmquellen, die Handlung und die Erinnerung, endgültig zusammen. Hans stellt sich seiner Verantwortung. Der Rest des Films sieht aus wie Film. Die Filmkamera erzählt vor diesem Monolog ebenfalls nicht linear. Nur anhand der Kleidung und dem Bartwuchs von Hans kann man eine Zeitlinie rekonstruieren. Nach dem Monolog und ungefähr vor dem letzten Viertel markiert eine ca. fünfsekündige Schwärze aber definitiv einen Zeitsprung. Das Filmende ist, wie von der ersten Einstellung versprochen, harmonisch, verzichtet auf Erzählkniffe und rückt die Liebe von Hans und der Frau vollends ins Zentrum.

KOMA Bild 1
KOMA Bild 2
KOMA Bild 3
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KOMA Bild 5
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FAZIT:

KOMA orientiert sich oberflächlich an anderen Österreichern wie Haneke oder Seidl. Nur steht bei Wüst, der eigentlich ein Bayer ist, nicht wirklich die Handlung im Vordergrund, sondern wie die Handlung erzählt wird. Zudem ist er weit weniger pessimistisch. Interessanter und sehenswerter Film. Was außerdem noch erwähnenswert ist: Wüst ist neuen Distributionsmöglichkeiten gegenüber sehr offen. KOMA ist kostenpflichtig beim empfehlenswerten Streaminganbieter MUBI zu sehen. Zudem betreibt Wüst einen Youtube-Kanal auf dem man sich z.B. das Making of zu KOMA ansehen kann. Oder auch das tragikomische alternative ending für seinen zweiten, ebenso empfehlenswerten Film Tape End, der aus einer einzigen, einstündigen und schnittlosen Einstellung besteht. Die Hauptrolle in diesem für sich selbst stehen könnenden Kurzfilm spielt die oben erwähnte Anke Armandi.

WERTUNG: 8/10
Gastreview von Florian Dietmaier
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