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L'Illusioniste

L'Illusioniste

ANIMATION: F/GB, 2010
Regie: Sylvain Chomet
Darsteller:

STORY:

Tatischeff, der alte Zauberkünstler, hat die besten Zeiten längst hinter sich. Seine Zaubertricks sind ein alter Hut, aus dem er seinen Hasen zaubert, und er hat gegen Rock'n-Roll-Stars keine Chance. Er beschließt, sich ein dankbareres Publikum zu suchen, und findet es in Schottland. Dort lernt er die schüchterne Alice kennen, die für ihn zu einer Tochter wird. Tatischeff bekommt neuen Lebensmut, wenn auch sein Leben etwas chaotischer wird.

KRITIK:

Die Erinnerungen an Jacques Tati, bürgerlich Tatischeff, sind wie Dunstschleier, die sich durch mein Leben ziehen und mich ab und an wieder in meine Kindheit und Jugend entführen. Mit seiner Figur Monsieur Hulot verbinde ich meine ersten, mehr oder minder offen geäußerten Wünschen, alleine ins Kino zu gehen, um alleine mit ihm zu lachen und manchmal auch ein wenig wehmütig zu werden.

Vielleicht mochte ich Hulots linkische, unsichere Auftritte, weil sie mich an meine eigenen Unsicherheiten erinnerten. Vielleicht mochte ich auch einfach seinen genauen Blick für die kleinen Absurditäten des Alltags. Vor allem mochte ich aber seine rein visuelle Filmsprache, die Idee von einem Tonfilm ohne nennenswerte Dialogen, die jede Synchronisation unnötig werden lässt.

Allerdings war Jacques Tatis Biografie von Schicksalen geprägt, insbesondere durch PLAYTIME, jenem Projekt, dass er auf dem Höhepunkt seiner Karriere - dem Oscargewinn für MON ONCLE - begann und erst 9 Jahre später beendet. PLAYTIME beendete seine Karriere und vernichtete auch sein Vermögen. Danach war Tati ein gebrochener Mann, dessen Energie verbraucht war. In seinem Nachlass findet sich aber auch noch ein anderes, dunkles Kapitel: Seine uneheliche Tochter Helga, die einer Affäre während seiner Zeit im Pariser Lido während des 2. Weltkriegs entstammte, und die er stets verleugnete.

L'ILLUSIONISTE ist die Geschichte hiervon, eine halbautobiografische Entschuldigung für seine Verfehlung, die er in einem Brief an seine - anerkannte - Tochter Sophie etwa zu der Zeit entwickelte, in der auch die Vorbereitungen für MON ONCLE stattfanden. MON ONCLE schaut sich der Zauberer übrigens im Kino an, und sieht dabei sein reales Spiegelbild. Allerdings führte die Reise ursprünglich nach Prag, denn hier lebte Helga in jener Zeit. Und hier beginnt die spannende Frage: Wie kam der Regisseur Sylvain Chomet ("Das große Rennen von Belleville") fast 50 Jahre später an diesen Brief?

Offiziell hat Chomet ihn direkt von Sophie erhalten, kurz vor ihrem Tod im Jahre 2001. Allerdings merkt Tatis Enkel in einem offenen Brief eine nachdenkenswerte Punkte an und stellt sich somit gegen die offizielle Lesung. Zum einen gab es keinen wirklichen Grund für Sophie, den Brief einem Fremden auszuhändigen. Es war ein persönlicher Brief, den Sophie von ihrem Vater erhielt. Tati liebäugelte zwar einige Jahre mit einer Verfilmung seiner Idee (und Sophie in der Hauptrolle), ließ aber davon ab. Sophie wusste also, dass ihr Vater diese Geschichte nicht verfilmen wollte.

Zum anderen - selbst wenn sie den Wunsch ihres Vaters nicht respektiert hätte, ist die Wahl auf Sylvain Chomet ausgesprochen skurril, schließlich hatte Chomet zu diesem Zeitpunkt noch keinen einzigen Spielfilm realisiert, sondern nur einen Kurzfilm und Werbespots gedreht, und persönlich kannte er die Familie Tatischeff nicht.

Sylvain Chomet änderte Tatis Ideen auch in zwei entscheidenden Punkten. Zum einen wollte Tati nicht selbst die Reise antreten, sondern seinen früheren Mitarbeiter Pierre Etaix dafür engagieren. Zum anderen führt die Reise nun zu Chomets Wohnort Edinburgh. Die Frage, wie viel von L'ILLUSIONISTE Jacques Tati und wie viel Sylvain Chomet zuzuordnen ist, lässt sich damit nur noch schwer beantworten. Chomet führte nicht nur Regie, sondern war auch für die Drehbuchadaption und die Musik verantwortlich, die sich aber wiederum nahe an typisch Tati'scher Filmmusik orientiert. Und hier beginnt dann doch das kleine Wunder.

Tatsächlich ist L'ILLUSIONISTE Tatis Welt erstaunlich nahe. Wir sehen das klapprige Uraltautomobil, mit dem sich Hulot bereits in seine Ferien quälte, wir sehen Tati bei dem Versuch, Ordnung zu schaffen, ein heilloses Chaos anrichten, und man sieht die typischen Tati'schen Missverständnisse, wenn er etwa wie in PLAYTIME vor einer Glastüre steht und sie unfreiwillig, aber mit stoischer Mine den Gästen öffnet, weil diese ihn für den Türöffner halten (in PLAYTIME geht dieser Gag übrigens noch ohne Glastüre weiter).

Jeder Gag, jede Szene ist dabei vollkommen visuell umgesetzt, Tatischeff versteht in Schottland ohnehin kaum ein Wort, und die wenigen Worte, die es für ein Verständnis bedarf, ergeben sich von selbst. Die DVD verzichtet konsequenterweise auf eine Synchronisation, witzigerweise werden zwar Untertitel angeboten, aber untertitelt wird nur der erste Satz.

Es hat nie eines Beweises bedurft, wie zeitlos Tatis Stil war, ohne Dialoge, ohne heutige Schnittekstasen, aber es ist rührend, ihn noch einmal zu sehen. Chomet nimmt sich wie Tati Zeit, Dinge zu entwickeln und überlässt sie ihrem Lauf. So entstehen Kaskaden von kleinen Pannen und Unglücken, die auch nicht einfach aufgelöst werden, sondern im Film nachwirken. Er hat ein Auge für melancholische Momente und blendet nicht verschämt weg, weil möglicherweise für einen Moment nichts passiert.

Stattdessen begreifen wir als Zuschauer das, was der Zauberer lange nicht verstehen will. Nämlich dass die Zeit für ihn vorbei und seine Sehnsucht nach der alten Welt nur eine Flucht ist, die kein Ziel haben kann - denn Veränderungen sind nicht aufzuhalten, weder in Frankreich noch in Schottland. Auch wenn für ihn dann kein Platz mehr in dieser Welt ist. Und ganz am Ende, nach dem Titelnachspann, gibt es einen kleinen Gag, der das abschließend noch einmal unterstreicht.

L'Illusioniste Bild 1
L'Illusioniste Bild 2
L'Illusioniste Bild 3
L'Illusioniste Bild 4
L'Illusioniste Bild 5
L'Illusioniste Bild 6
L'Illusioniste Bild 7
FAZIT:

Jacques Tatis Vermächtnis kommt in Form des oscar-nominierten neuen Animationsfilms der Macher von "Das große Rennen von Belleville" auf DVD: Eine Reise in seine eigene Vergangenheit, eine halbautobiografische Erinnerung. Wie sein Titel ist der Film allerdings eine Illusion. Auch wenn er sehr einfühlsam Tatis Wesen und Art zu inszenieren zelebriert, altmodisch gezeichnet ist, sich Zeit nimmt und die kleinen Schwächen unseres Leben liebevoll darstellt, so werden hier doch Ideen genutzt, die nur Tati und seiner Familie gehören, nicht dem Rest der Welt. L'ILLUSIONISTE haftet daher etwas von Leichenfledderei an.

(Interessierte bestellen im Onlineshop von Polyfilm Video.)

WERTUNG: 7 von 10 Erinnerungen an Monsieur Hulot
TEXT © Marcel
Dein Kommentar >>
Nico | 25.10.2011 23:33
ich liebe Tati!!!!
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