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L'Occhio dietro la Parete

L'Occhio dietro la Parete

EROTIKDRAMA: Italien, 1977
Regie: Giuliano Petrelli
Darsteller: Fernando Rey, Olga Bisera, John Phillip Law, José Quaglio

STORY:

Ein an den Rollstuhl gefesselter alternder Schriftsteller und seine deutlich jüngere Frau vermieten eine Wohnung an einen jungen Mann und beobachten diesen heimlich durch versteckte Kameras. Die Ehefrau des Schriftstellers beginnt sich immer mehr für den fremden Mieter zu interessieren, ohne zu ahnen, dass dieser ein dunkles Geheimnis hegt. Es bahnt sich eine gefährliche Dreiecksbeziehung an, die für keinen der Involvierten ein Happy End bereithält ... 

KRITIK:

Obwohl L'OCCHIO DIETRO LA PARETE in manch obskuren Listen als Giallo geführt wird, ist der Film ähnlich wie Sauro Scavolinis artverwandten AMORE E MORTE NEL GIARDINO DEGLIE DEI nicht mal mit einem verschwägert. Mit ganz viel Kulanz könnte man ihn am ehesten noch als einen der Psychopathia Sexualis entsprungenen Erotikthriller sehen. Da der Thrill jedoch meist durch Abwesenheit glänzt, sollten wir uns besser auf die Klassifizierung "kleines, perverses Drama" verständigen.

Dennoch: Zu Beginn gibt es einen kühl und trocken inszenierten spontanen Frauenmord. Dem folgen homosexuelle Vergewaltigung, Unzucht mit durch Drogen gefügig gemachten Schulmädchen, Schamhaarfetischismus (!!!) und -als Kern-Element des großen Ganzen - Voyeurismus der obsessivsten Art. Und das alles in nur 75 Minuten...

Sleazehounds, die ob dieser Schlagwörter nun frisches Futter wittern, sollten trotzdem gewarnt sein: Aufgrund des anspruchsvollen, seriösen Inszenierungsstil taugt die erste und einzige Regie-Arbeit des vom Schauspieler zum Filmemacher mutierten Giuliano Petrelli eher nicht zur kleinen, privaten Sexploitation-Party. Ob der Feingeist allerdings mit L'OCCHIO DIETRO LA PARETE müßiggehen möchte, darf allerdings ebenfalls bezweifelt werden. Dagegen könnten die durch die Bank weg sexuell devianten bis abartigen Figuren, die allesamt auch noch eine tiefe, (selbst-)zerstörerische Verzweiflung hegen, Sturm laufen. Oder eben diese subtile, aber irgendwie perverse Atmosphäre.

Dass der Film diese unbequeme Wirkung erzielt, obwohl er seine sexuellen Abgründe eher andeutet als tatsächlich zeigt, ist sicherlich dem Umstand zu verdanken, dass Petrelli ein sicheres Gespür für das Unterschwellige beweist. Sein Talent zur Suspense-Erzeugung versteckt er hingegen ziemlich gut.

Hier darf ich allerdings an die Eingangsprämisse erinnern: L'OCCHIO DIETRO LA PARETE ist kein Giallo. Petrelli war am Drama interessiert und nicht an einer Mordoper. Doch es ist ein Drama für die abseitigen Cineasten unter uns. Remember das Schamhaar-Ritual...

Ein Hinweis, der an dieser Stelle vielleicht etwas fehl am Platze ist. Weil Petrelli sich aufrichtig für seine Figuren zu interessieren scheint. Auch wenn diese meist Abartigkeit, Depression, Verwirrung, emotionale Wüste oder gar all of the above repräsentieren und einige äußerst befremdliche Angewohnheiten haben; remember das Schamhaar.

So verwundert nicht, dass die von Verzweiflung und unmöglicher Sehnsucht geprägten Sexszene zwischen John Phillip Law und Olga Bisera kurz vor dem grimmigen Ende so hocherotisch wirkt. Sie ist gleichzeitig Klimax und Karthasis des auf den Originalfilmtitel bezogenen Auge hinter der Wand. Verdorben, aber gleichzeitig so melancholisch wie die Filmmusik von Pippo Caruso.

L'Occhio dietro la Parete Bild 1
L'Occhio dietro la Parete Bild 2
L'Occhio dietro la Parete Bild 3
L'Occhio dietro la Parete Bild 4
FAZIT:

Obsessiver Voyeurismus, Schamhaarfetisch. Schulmädchenunzucht, homosexuelle Vergewaltigung, Frauenmord. Getrost darf man behaupten, dass jede handelnde Figur in diesem Film die Psychopathia Sexualis geradezu auslebt...- Mal wird Giuliano Petrellis erste und einzige Regiearbeit als Giallo angepriesen; mal als Eurosleaze. Doch für die Fans des einen Lagers dürfte er zu wenig Thrill besitzen; für die des anderen zu viel Anspruch. Einigen wir uns darauf, dass L'OCCHIO DIETRO LA PARETE ein kleines, pervers angehauchtes Drama ist, welches dem Arthouse nähersteht als der Sexploitation. Filmkost also, die Unterhaltungssüchtige meiden sollten; die jedoch den abseitig-neugierigen und vor allem italophilen Cineasten ansprechen könnte. 

WERTUNG: 6 von 10 Schamhaar-Ritualen
TEXT © Christian Ade
Dein Kommentar >>
Gregor | 31.01.2013 01:40
Mir hat der auch ziemlich gut gefallen. Gehe mit Deiner Beurteilung konform, würde aber noch ein halbes Pünktchen draufschlagen. Warum nicht unter Giallo & Co? Gibt doch schon so viele Grenzgänger, die bereits unter Giallo stehen.
Chris | 02.02.2013 13:27
Habe ich mir anfangs auch überlegt; zumal der Film mit seiner
Ästhetik wahrscheinlich am ehesten noch die Giallo-
Nischenfreunde ansprechen dürfte. Letzten Endes steckt mE dann
aber doch viel zu wenig Murder Mystery oder Psychothrill in diesem
Film, als dass man ihn halbwegs in diese Schublade stecken könnte.
Ist aber natürlich Ansichtssache.
Marcel | 13.06.2013 12:20
Jo, da sind wir uns ja mal einig. Allerdings würde ich den Film auch unter Giallo & Friends verbuchen, denn unspannend oder zu kopflastig fand ich ihn nicht. Ein bißchen REAR WINDOW für Perverse, der hatte schon seine Momente.
6 von 10 Disco-Fever-Nummern.

SPOILER
Über das tatsächliche Verhältnis von Olga und Fernando war ich dann doch überrascht. Oder habe ich dem letzten Satz misinterpretiert?
SPOILERENDE
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