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Lautlos

Lautlos

THRILLER/DRAMA: Deutschland, 2004
Regie: Mennan Yapo
Darsteller: Joachim Król, Nadja Uhl, Christian Berkel, Peter Fitz, Rudolf Martin

STORY:

Der Auftragskiller Viktor (Joachim Król) ist ein eiskalter Profi, der seine Arbeit mit perfekter Präzision erledigt und unter keinen Umständen Spuren hinterlässt. Doch eines Tages verliebt er sich bei einem seiner routiniert ausgeführten Auftragsmorde in eine potenzielle Zeugin (Nadja Uhl) und lässt diese am Leben. Viktor spioniert der ebenso schönen, wie auch verloren wirkenden jungen Frau hinterher und rettet diese kurz darauf auch noch vor einem Selbstmordversuch.

Aufgrund seiner neu erwachten Gefühle möchte Viktor sein bisheriges Leben nun am liebsten ganz hinter sich lassen. Doch das ist nicht so einfach: Sein im Sterben liegender Mentor und Ersatzvater Hinrich (Peter Fitz) hat noch einen ebenso dringenden, wie schwierigen letzten Auftrag für ihn und auch der besessene Profiler Kommissar Lang (Christian Berkel) hat sich bereits an Viktors Fersen geheftet...

KRITIK:

Das Spielfilmdebüt des türkischstämmigen Deutschen Mennan Yapo ist nicht nur für hiesige Verhältnisse ein mehr als beachtliches Thriller-Drama geworden. Vor eigen Jahren hatte ich LAUTLOS zufällig in der Videothek um die Ecke im Regal stehen sehen und zunächst trotz anfänglichen Interesses erst einmal einen weiten Boden um den Film gemacht. Denn (jüngere) Genrefilme aus Deutschland hatten mich bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich fast alle mehr oder weniger enttäuscht. Aber irgendwann hatte ich mir dann doch einen Ruck und LAUTLOS eine Chance gegeben. Und inzwischen habe ich mir den Film schon mindestens zum dritten Male angesehen...

Im Prinzip erzählt LAUTLOS eine bereits hinlänglich bekannte Geschichte: Das Drehbuch des Filmkritikers Lars-Olaf Beier kombiniert die Geschichte a la LÉON - DER POFI (Luc Besson, 1994) eines Killers, der sich in ein potentielles Opfer verliebt mit der Katz- und Maus-Jagt zweier gleichermaßen getriebener Charaktere, wie in Michael Manns Überklassiker HEAT (1995). Im Gegensatz zu einigen anderen Kritikern möchte ich Herrn Baier hierbei jedoch keine relative Einfallslosigkeit unterstellen. Denn das Spiel mit bereits bekannten Erzählstrukturen ist sicherlich ein Hauptmerkmal des Genrefilms an sich. Bei diesem gilt es gerade nicht jedes Mal das Rad neu zu erfinden, sondern die bereits erprobten Bestandteile auf überzeugende Weise neu zu interpretieren bzw. zu variieren. Und dies gelingt in diesem Film auf geradezu glanzvolle Weise:

LAUTLOS versucht gar nicht erst den allseits bekannten Hollywood-Klassikern in Sachen Action wirklich nachzueifern, sondern stellt von Anfang an die sich langsam entwickelnde Beziehung zwischen Viktor und Nina in den Mittelpunkt der Handlung. Diese werden beide als zwei einsame Seelen gezeichnet, welche nur unter größten Schwierigkeiten ihre sich entwickelnden Gefühle zulassen bzw. diesen Ausdruck verleihen können. Hierbei verleiht Nadja Uhl ihrem Charakter von Anbeginn an eine geheimnisvolle Aura von Verletzlichkeit und auch Joachim Król brilliert in seiner sehr ambivalent angelegten Rolle, als ebenso sensibler, wie kalter Profikiller.

Der von Christian Berkel hervorragend gespielte Kommissar Lang vervollständigt das zentrale Trio dreier nur mäßig sozialverträglicher Einzelgänger: Er ist der wohl erste richtige Profiler, den die hiesige große Leinwand bis dahin hervorgebracht hat und erinnert ein wenig an den entsprechenden Charakter in Michael Manns MANHUNTER (BLUTMOND, 1986). Der Regisseur Mennan Yapo beschreibt diesen Lang sehr schön als "indianermässig", in seiner Art, wie er sich in die von ihn untersuchten Täter einzufühlen versucht, in dem er z.B. auch häufiger mal an einem Tatort seinen Schlafsack ausrollt, um "das Haar der Toten beim Weiterwachsen zu beobachten".

Neben dem glanzvollen Spiel aller Hauptdarsteller überzeugt in LAUTLOS auch durchweg Mennan Yapos Regiearbeit. Diese ist von einer Präzision, die wesentlich dazu beiträgt, dass uns Viktor sehr schnell in seiner genialen Professionalität fasziniert und wir somit kaum anders können, als gerade mit diesem Killer zu sympathisieren.

Und auch wenn Kritiker, wie Achim Wetter von Schnitt.de auch heute noch nicht davon ablassen können, den deutschen Zuschauer darauf hinzuweisen, dass gerade er hierzu ja nun wirklich kein Recht habe: Für mich ist es bei jedem erneuten Ansehen von LAUTLOS erneut eine große Freude auch mal in einem deutschen Genre-Film einen wirklich vielschichtigen Hauptdarsteller nahegebracht zu bekommen, bei dem wir uns nie ganz sicher sein können mit unserer Sympathie auf der "moralisch richtigen Seite" zu stehen.

Auch die exzellente Kameraarbeit von Thorsten Lippstock unterstützt den sehr guten Gesamteindruck: Zu jeder Zeit perfekt durchkomponierte Breitwandbilder überzeugen sowohl in den häufiger eingesetzten Panoramen, wie auch in den für die Handlung oft extrem wichtigen Details. Hinzu kommt noch der dezente Electro-Soundtrack von Gary Marlowe, der ebenfalls das seine dazu beiträgt, dass LAUTLOS bei aller gleichzeitigen Unaufdringlichkeit ein gutes Stück an wahrer Kinomagie verströmt.

Die gelungene Gesamtatmosphäre trägt den Film auch über kleinere vorhandene Schwächen des Drehbuchs hinweg: Da wirkt z.B. mancher Dialog trotz seiner Reduziertheit unpassend verkünstelt. Und gerade aufgrund des insgesamt sehr realistischen Gesamteindrucks fallen einzelne Unglaubwürdigkeiten in der Handlung hier ein wenig stärker ins Gewicht, als in entsprechenden amerikanischen Standart-Blockbustern, in denen bewusst versucht wird das Hirn des Betrachters durch schiere Reizüberflutung auszuschalten.

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FAZIT:

Passend zu seinem Namen ist LAUTLOS ein zwar recht leiser, aber dafür umso feinerer deutscher Thriller um einen sich verliebenden Auftragskiller geworden. Das Spielfilm-Debüt des türkischstämmigen Deutschen Mennan Yapo versucht gar nicht erst vergleichbare Hollywood-Klassiker blind zu kopieren, sondern interpretiert deren Grundthemen auf eigenständige Weise um und schafft gerade hierdurch, dass LAUTLOS nicht nur die hiesige Kinolandschaft durchaus bereichert.

Leider wird der Genrefilm hierzulande aber weiterhin sehr stiefmütterlich behandelt. Und so drehte auch dieses junge deutsche Regietalent gleich seinen zweiten Spielfilm in Hollywood. - Und dies nach eigener Aussage des Regisseurs nicht, weil es ihn von Anfang an in die USA zog, sondern weil er vor die Alternative eines leeren Kühlschranks in Deutschland und eines Filmauftrags mit einem Millionenbudget in Hollywood sich nicht ganz unverständlicher Weise dann doch für Letzteren entschloss...

WERTUNG: 8 von 10 ungeplante Gefühlsregungen
TEXT © Gregor Torinus
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