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Letztes Jahr in Marienbad

Letztes Jahr in Marienbad

EXPERIMENTALFILM(?): FRANKREICH/ITAL, 1961
Regie: Alain Resnais
Darsteller: Delphine Seyrig, Giorgio Albertazzi

STORY:

Ein Mann und eine Frau treffen sich an einem namelosen Kurort in einem Schloss. Er versucht sie davon zu überzeugen, dass sie sich kennen und lieben, dass sie vor einem Jahr beschlossen hatten ein neues Leben zu beginnen, aber sie kann sich an nichts erinnern.

KRITIK:

Regisseur Alain Resnais meinte einmal, er habe nie versucht absichtlich schwere Filme zu machen. Im Grunde glaube ich es ihm sogar, denn ich vertrete die Meinung, dass die allerwenigsten Künstler absichtlich provozieren oder verstören.

Viele künstlerische Menschen sind Künstler, weil sie die Dinge einfach anders sehen als wir Normalsterblichen.

Alain Resnais hatte das große Glück wegen oder trotz seines Makels der Kunstfertigkeit, man nenne es Weltfremdheit, das geneigte Publikum zu überzeugen und gewann mit diesem seinem zweiten Film den goldenen Löwen, obwohl es nicht danach aussah, denn das Publikum brauchte sehr lange um aufzuwärmen. Der damals noch junge Meister wollte beinahe die Vorführung abbrechen, weil das Publikum seinen Wurf mit Gelächter an den denkbar ungeeignetsten Stellen quittierte. Je länger der Film aber andauerte, desto mehr wandelte sich die Emotion im Kinosaal und am Ende kam es dann doch zu dem wohlverdienten Erfolg.

"Letztes Jahr in Marienbad", dessen Titelstadt im Film gar nicht vorkommt, entzieht sich natürlich herkömmlichen Deutungsmustern und lädt ein seiner Interpretationsfreude freien Lauf zu lassen.

In meinen Augen ist der Film ein eindrucksvolles Gemälde einer zum Stillstand gekommenen, also "zeitlosen", Gesellschaft, deren abgehobenes Dasein in materiellem Überfluss zur Sinnlosigkeit verkommen ist, ein Organismus, der sich einzig und alleine durch Verdoppelung und Reproduktion weiter am Leben erhält.

Resnais schildert diese absolute Geistesleere und Formaffinität in kontraststarken Schwarzweißbildern, deren formale Strenge aus der vorgegebenen Umgebung erwächst, eine weitere Selbstbespiegelung die dieses Kunstwerk nach außen hermetisch abriegelt.

Geradezu genial ist Resnais Spiel mit der Figurenanordnung, die er von seiner Kamera umkreisen lässt, aber diesen Fluss immer wieder unterbricht, um ein herkömmliches, unfilmisch stillstehendes Gemälde zu erzeugen. So scheint es, dass dieser Film sein erstes Drittel nur dazu benutzt um diese fragwürdige Wirklichkeit der Kurgäste abzubilden um ein Fundament für die eigentliche "Geschichte" zu schaffen, die dann aber so scheinbar gar nichts mehr mit dem Anfangsteil zu tun hat und dadurch dessen Bestehen und Interpretationsmöglichkeit in Frage stellt und es dem Rezipienten nicht leicht macht, auf einmal auf einen "neuen" Film in den alten Gewändern umzuschalten.

Aber auch die sich nun entfaltende "Liebesgeschichte" ist ein Kampf mit der Form. Zu dem vermeintlichen Liebespaar gesellt sich der vermeintliche Ehemann, der das (Streichholz- und Karten-)Spiel im Salon, ebenso wie das um seine Frau in der Hand zu haben scheint, er gewinnt jedenfalls immer. Und seine Frau erkennt ihren Geliebten nicht mehr. Und so schildert der Film den Versuch Leidenschaft und Erinnerung in diese starre Konstruktion der Konvention einzubringen. So wird versucht diesem gefängnisartigen Labyrinth mit Liebe zu entkommen. Mit der Negation der Realität, mit der Ablehnung der sogenannten Objektivität.

So verbirgt sich unter dieser filmischen Matrix lustigerweise ein Weckruf zur Romantik, in dieser strengen Form ein Schrei nach Freiheit. Resnais wollte uns wohl diese stahlharte Wirklichkeit spüren lassen, wollte uns genauso wie seinen beiden Liebenden keine andere Wahl lassen als mit beiden Armen aus diesem Zustand der aufgezwungenen Realität herausrudern zu wollen. Natürlich ist dieser Film anstrengend. Aber in ihm verbirgt sich wieder einmal eine Unmenge an künstlerischer Konsequenz, die notwenig ist um uns zu packen, zu quälen, aber letztlich zu erleuchten und unser Herz zu erwärmen.

Letztes Jahr in Marienbad Bild 1
Letztes Jahr in Marienbad Bild 2
Letztes Jahr in Marienbad Bild 3
Letztes Jahr in Marienbad Bild 4
Letztes Jahr in Marienbad Bild 5
Letztes Jahr in Marienbad Bild 6
Letztes Jahr in Marienbad Bild 7
FAZIT:

"Letztes Jahr in Marienbad" ist ein Film, der nicht funktioniert, wie wir es von Filmen gewohnt sind. Vielmehr ist er als Film getarnte, aber fremd codierte Versuch etwas deutlich zu machen, das sich der Ausdrucksformen verschiedenster bildlicher Gestaltungsmedien bedient. Wer sich vor solcher Anstrengung scheut, wird fliehen, wer jedoch gerade diesen Gedankenraum der Unsicherheit und Fremde erfrischend findet, wird darin mit Sicherheit eines der eindrucksvollsten Filmkunstwerke seines Lebens sehen.

WERTUNG: 9 von 10 Spiegelungen
TEXT © Ralph Zlabinger
Dein Kommentar >>
Chris | 29.12.2009 22:09
Ja, auf eine Review zu diesem Film habe ich lange gewartet und sie ist toll geworden - merci! : )
Ralph | 29.12.2009 22:37
Danke schön.
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