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Lord of Illusions

Lord of Illusions

HORROR: USA, 1995
Regie: Clive Barker
Darsteller: Scott Bakula, Kevin J. Connor, Famke Janssen, Daniel von Bargen

STORY:

Dreizehn Jahre ist es her, nachdem Swann, der nun ein berühmter Magier ist, den dämonischen Sektenführer Nix umgebracht hat. Doch die Zeichen verdichten sich, dass die einstigen Jünger des so genannten "Puritaner" ihren toten Herrn und Meister wieder zum Leben erwecken wollen. Swann, seine schöne Frau Dorothea und der Privatdetektiv Harry D'Amour geraten in einen Mahlstrom aus schwarzer Magie und mörderischem Fanatismus ...

KRITIK:

Die mittlerweile langsam, aber sicher ins Rentenalter kommende "Zukunft des Horrors" Clive Barker ist nach wie vor ein Multitalent vor dem Herrn.

Es gibt fast nichts auf künstlerischer Ebene, was dieser Mann in seinem Leben nicht schon mal ausprobiert hätte. Er war Gründer einer Theatergruppe, später Schriftsteller, Filmregisseur und Maler. Zwischenzeitlich arbeitete er auch noch in der Entwicklung diverser Computerspiele (Clive Barker's Undying, Jericho) mit. In der Rückschau betrachtet hat Barkers Filmkarriere jedoch nicht unbedingt einen optimalen Verlauf genommen.

Dabei fing nach ersten experimentiellen Gehversuchen (SALOME {1973} & THE FORBIDDEN {1978}) mit seiner ersten großen Horrorfilmproduktion HELLRAISER im Jahr 1985 alles ganz verheißungsvoll an. Der anfängliche Erfolg des Zenobiten "Pinhead" und seinen sadomasochistischen Dämonen aus der Hölle ist Genrefilmgeschichte (und soll an dieser Stelle nicht noch einmal erläutert werden), doch in der Folgezeit kam - wann immer sich Barker daran machte, sein literarisches Werk zu verfilmen - oft ein kommerzieller Flop heraus.

Das lag weniger an der Qualität der Filme - die eigentlich immer für Genrekunst der gehobenen Art standen - , sondern vielmehr an der bedauernswerten und ärgerlichen Tatsache, dass Hollywoods Filmproduzenten und gestrenge Zensoren stets verhinderten, dass Clive Barker bei seinen Filmen so durfte wie er wollte. Meine Lieblingskollegin (unter meinen Lieblingskolleginnen) Mauritia hat diese Problematik in ihrem CABAL-Kommentar vortrefflich erläutert und hier sei nur hinzuzufügen, dass ähnliches Ungemach auch jüngeren Filmprojekten des Briten widerfahren ist. Auch wenn ich dies in meiner Review verschwiegen habe; auch der (allerdings von Ryûhei Kitamura inszenierte, aber unter Barkers Schirmherrschaft stehende) MIDNIGHT MEAT TRAIN hatte vor vier Jahren mit Boykottmaßnahmen der eigenen (!) Produktionsfirma zu kämpfen.

Auch die Barker'sche Urfassung des vorliegenden LORD OF ILLUSIONS entsprach ob ihrer Düsternis und Länge nicht den von kommerziellen Kalkül geprägten Vorstellungen der Studiobosse und musste vor dem ersten Kino-Screening massiv gekürzt und umgeschnitten werden. Doch auch wenn diese (idiotischen) Maßnahmen nicht von Geldregen am Boxoffice gekrönt waren; heutzutage ist nun endlich der Director's Cut von Barkers Film über die Illusion erhältlich. Und dieser zweistündige Schnitt hat dann auch den Segen des Meisters und bildet selbstverständlich die Grundlage unserer Beurteilung.

Ungeachtet seines ausgebliebenen Erfolgs an der Kinokasse und seiner aus vielen bekannten Hollywoodgesichtern bestehenden Besetzung ist auch LORD OF ILLUSIONS großes, erwachsenes Horrorkino fernab gängiger Genreklischees und Teenagerkompatibilität. Es geht um Taschenspielertricks und die Illusion, aber auch um die schwarze Magie und unheimlichen Sektenfanatismus.

Scott Bakula als der formvollendete 40er Jahre-Privatdetektiv, der irgendwie in den Neunzigern gestrandet ist, bringt ein bißchen Noir in diesen Horrorfilm; Kevin J. Connor als der melancholische Magier Swann liefert Poe'sche Schwermut, während der dämonische Sektenführer Nix, der Puritaner und seine fanatischen Gefolgsleute urbane Alpträume wie Manson und Jones verkörpern. Dazwischen geht es immer wieder in die Welt der Zauberei und hier vermischt sich dann die Realität mit der Illusion.

Im Vergleich zu seinen Vorgängerfilmen wirkt LORD OF ILLUSIONS auf den ersten Blick weniger spektakulär und längst nicht so bleibend wie der bizarr- faszinierende Monsterkarneval eines CABAL oder eben der genreprägende, splatternde Zenobitenkult in HELLRAISER. Doch auf den zweiten Blick offenbart sich, dass LORD OF ILLUSIONS nicht weit hinter diesen Meisterwerken liegt.

Wo CABAL seinen psychopathischen Psychiater und Serienmörder Decker hat, hat LORD OF ILLUSION den homosexuellen Killer Butterfield und seinen berserkerhaften Nazi-Lover. Wo HELLRAISER für denkwürdige Splatterzenen Ketten einsetzt, hat der LORD OF ILLUSION seine Schwerter und Schrauben. Und eine düstere, erwachsene Horrorgeschichte versteht Barker ohnehin wie kaum ein Zweiter zu erzählen. Die wird in diesem Fall eher ruhig, mit Fokus auf die Figuren erzählt, was aber nicht heißt, dass hier mit Filmblut und herrlich-schauriger Maskenarbeit gegeizt wird. 

Lord of Illusions Bild 1
Lord of Illusions Bild 2
Lord of Illusions Bild 3
Lord of Illusions Bild 4
Lord of Illusions Bild 5
FAZIT:

Ein Film noir-Detektiv, ein dämonischer Sektenführer, Splatter und Magie ... Das sind die Ingredienzen dieses Clive Barker-Films aus dem Jahr 1995. LORD OF ILLUSIONS wird ja gerne übersehen (und noch öfter unterschätzt), aber ebenso wie im Falle HELLRAISER oder CABAL hat Barker auch mit dieser aufwändig produzierten, mit vielen gelungenen Effekten und Bluteinlagen ausgestatteten Adaption einer seiner eigenen Geschichten eine Genrearbeit der Extraklasse abgeliefert.

WERTUNG: 8 von 10 herabfallende Schwerter
TEXT © Christian Ade
Dein Kommentar >>
Erich H. | 21.02.2012 22:05
Gebe Gregor recht. Schöne Review eines Films, den ich schon fast ob der seinerzeitig übel geschnittenen Fassung vergessen hatte.
Aber der gute Onkel Clive hat ja nicht nur mit seinen Filmen Pech. Für seine Literatur gilt das gleiche. Stets über dem Niveau. Die ewig gefeierte Zukunft des Horrors, trotz gewisser Unumstrittenheiten immer umstritten. Ein unverstandener dunkler Poet filmisch wie literarisch.
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Gregor | 20.02.2012 22:51
Danke für die schöne Review! Hatte den Film vor über 10 Jahren mal auf VHS gesehen. Damals hatte er mich nicht umgehauen. Aber wenn jetzt der DC raus ist, werde ich mir den dann wohl doch mal zulegen. ;-)
Chris | 21.02.2012 05:36
Danke für's Lob. Aber um Missverständnissen vorzubeugen: Dieser
Director's Cut ist keine Neuerscheinung. Den gibt es bestimmt
schon seit zehn Jahren oder so. Eventuell hast du damals aber
trotzdem die seinerzeit kursierende Kinofassung (minus zehn
Minuten) gesehen.
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