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Mrderland

Mörderland

OT: Marshland / La isla mínima
PSYCHOTHRILLER: E, 2014
Regie: Alberto Rodríguez
Darsteller: Javier Gutiérrez, Raúl Arévalo, Jesús Castro

STORY:

1980, im tiefen Süden Spaniens: Zwei junge Frauen sind spurlos verschwunden. Den ermittelnden Kriminalbeamten, die aus der Hauptstadt nach Andalusien abkommandiert wurden, schlägt offene Feindseligkeit entgegen. Als die verstümmelten Leichen der Vermissten aus einem Kanal gezogen werden, wird den Ermittlern klar, dass in diesem gottverlassenen Sumpfland ein Serienkiller sein Unwesen treibt. Und das offensichtlich schon seit vielen Jahren.

KRITIK:

Es ist der dritte und letzte Tag der Frühlingsausgabe des Wiener /slash-Filmfestivals. Das Kino ist an diesem Feiertag fast bis auf den letzten Platz gefüllt. LA ISLA MINIMA (internationaler Titel: MARSHLAND) konnte zehn spanische Filmpreise abräumen und wird als die europäische Antwort auf die möglicherweise beste Krimiserie der jüngeren TV-Geschichte gehandelt. Erstaunlich, dass einem Kinofilm im Serien-Zeitalter überhaupt noch so viel Aufmerksamkeit zu Teil wird. Um es kurz zu machen: Das Leinwanderlebnis wird seinen Vorschusslorbeeren durchaus gerecht.

Ich bin ja jemand, der die Kunst von Kameraleuten und Set-Designern, mithilfe von sepiafarbenen Bildern und akkurater Ausstattung authentische Siebziger-Jahre-Stimmung zu erzeugen, aufs Höchste bewundert: Die Autos, die Frisuren, die Kleidung, die Inneneinrichtung - wer die Siebziger und frühen Achtziger - und sei es nur in allerfrühesten Kindheitstagen - erlebt hat, wird verblüfft sein, wie glaubwürdig diese Zeit im Film wiederhergestellt wurde.

Die unwirtliche Sumpflandschaft des Guadalquivir-Deltas gibt einen atmosphärisch schwer zu übertreffenden Schauplatz ab. Immer wieder wechselt die Kamera in die Vogelperspektive und verdeutlicht ein Gefühl der Hilflosigkeit und der permanenten diffusen Bedrohung.

Der Film spielt im Jahre 1980. Mit dem Tod des Diktators 1975 ist die Franco-Ära zwar formell zu Ende gegangen. Doch die moralischen Verwüstungen, die 36 Jahre Diktatur in den Köpfen und Seelen der Menschen angerichtet haben, wirken noch lange nach. So etwas wie Vergangenheitsbewältigung, die in Deutschland sehr ernsthaft und in Österreich deutlich halbherziger betrieben wurde, hat im post-faschistischen Spanien überhaupt nicht stattgefunden. Erst 2005 wurde begonnen, die zahlreichen Franco-Statuen abzumontieren. Wo Politik und Bildungssystem versagen, liegt es an der Kunst, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Ob in transgressiven Klassikern wie VIVA LA MUERTE, in queeren Dramen wie EL MAR und PAN NEGRO oder selbst in grellen Horror-Komödien wie MAD CIRCUS: An der Franco-Diktatur wird sich das spanische Kino wohl noch lange abarbeiten müssen.

In MARSHLAND gibt der hartgesottene Polizist Juan (Javier Gutiérrez) der unter den Teppich gekehrten Zeitgeschichte ein Gesicht. Doch simple Schwarz-Weiß-Malerei liegt Regisseur Alberto Rodríguez denkbar fern. Juan ist ein zutiefst zerrissener Charakter, der von seiner Vergangenheit sprichwörtlich aufgefressen wird. Aber auch seinem jungen Kollegen Pedro, einem überzeugten Demokraten, zerbröseln nach und nach die Ideale. Mit gesetzeskonformer Ermittlungsarbeit hat das, was die beiden Kommissare hier abziehen, nicht mehr viel zu tun. Alle erdenklichen moralischen und gesetzlichen Grenzen werden außer Kraft gesetzt.

An dieser Stelle sollte möglicherweise ein Wort der Warnung ausgesprochen werden: Wer sich wüste Verfolgungsjagden, endlose Schießereien, mörderisches Tempo und meterhohe Leichenberge erwartet, wird vermutlich anderswo besser bedient. MARSHLAND setzt nämlich auf ein bewußt reduziertes Tempo, auf präzise Beobachtungen und auf eine hypnotische, hitzeflirrende Atmosphäre. Das Ergebnis ist ein spannender, auf subtile Weise höchst verstörender Psychothriller, der von politischen Pathologien und menschlichen Abgründen erzählt.

Mir hat der Film übrigens bei einer Zweitsichtung noch besser gefallen als beim Erstkontakt vor einem Jahr am /slash-Festival. Dringendste Empfehlung!

In diesem Sinne: "Du hast keine Ahnung, wie viel Schmerz man ertragen kann, bevor man ohnmächtig wird."

Mörderland Bild 1
Mörderland Bild 2
Mörderland Bild 3
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Mörderland Bild 6
FAZIT:

Im tiefen Süden Andalusiens treibt ein Serienkiller sein Unwesen und konfrontiert zwei Detectives mit ihren eigenen Abgründen und dem finsteren Erbe der Diktatur. Düsteres Psychothriller-Meisterstück aus Spanien.

MÖRDERLAND / MARSHLAND ist seit 26.10.2016 auf DVD/Blu-ray erhältlich.

WERTUNG: 8 von 10 angezapften Telefonleitungen
Dein Kommentar >>
Jürgen Steiner | 04.09.2018 03:01
Ein sehr gelunger Film mit einer bedrückenden Kulisse.
Selten solche Spannung ohne
überzogener Story gesehen
Wirklich gelungen.
>> antworten


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