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(M)ein Abend mit Josef

Eine Lesung von Josef Bierbichler. Und was das mit der Film-Liebe unserer Redakteurin Nicky zu tun hat.

Kürzlich besuchte ich im kleinen Theater in Landshut die Lesung von Josef Bierbichler zu seinem Buch Mittelreich. Was dann geschah ...

Ist etwas schon Tradition, wenn man es zweimal macht?

Josef Bierbichler
Josef Bierbichler.

Tradition? Was ist das überhaupt? Ich wäre ja da generell vorsichtig, gerade in der heutigen Zeit, wo sich so viele Falschgepolte auf Traditionen besinnen! Traditionen, von denen sie bislang noch gar nichts wussten, weil sie sie ja auch nicht leben, aber munter aus der Tasche kramen, wenn es ihnen in den Kram passt!

Auf der anderen Seite wäre da der Fortschritt - oft verbunden mit dem Begriff Wachstum. Wachstum wird ja oft als Allheilmittel bemüht, ist dessen Nutzen und sogar dessen Negativfolgen schon längst widerlegt und belegt.

Tradition schien mir als guter Einstieg, schreibe ich doch nun schon zum zweiten Mal über meinen Abend mit einer von mir geschätzten Person.

Tradition erschien mir auch deshalb als geeignet, weil der Abend, den ich mit Josef Bierbichler verbrachte, im Zeichen seines Buches Mittelreich stand. An unserem gemeinsamen Abend las er aus seinem Buch. Ein Buch welches sich auch mit Tradition auseinandersetzt. Erzählt wird von drei Generationen in einem kleinen bayerischen Dorf - 100 Jahre Deutschland. Und das ist gerade heute wieder so aktuell, dass es eine Freude ist, dieses Buch zu lesen, vor allem wenn man dieses Stammtischgeschmatze nur all zu gut kennt. Bissig und auf den Punkt gebracht schildert Bierbichler Themen die hochaktueller nicht sein könnten.

Das soll jetzt keine Buchkritik werden, ich denke dafür bin ich auch eher ungeeignet, nein, es wird eine kurze Geschichte von meinem Abend als ich Josef traf:

In der rechten Hand halte ich meine Trophäe. Ein unscheinbares Taschenbuch. Der Schatz befindet sich hinter dem Buchdeckel. Eine schwungvolle Unterschrift von Josef. Ich sehe sie nicht, aber ich weiß, dass sie da ist. Die Tinte ist noch feucht, der Schwung gerade erst gesetzt und in meinen Ohren klingt noch das verschmitzte "Hallooo" von Josef, dessen Lausbubengesicht mit den vielen Falten mich verwundert anblickte als ich vor ihm stand, um mir meine Trophäe zu holen.

Ich hab´ das mal überschlagen, und ich denke ich bin die Drittjüngste an diesem Abend. Das hat auch den Josef verwundert, als er aufblickte und mich anblickte, sind doch bei dieser Lesung eher die gesetzteren Semester gekommen. Die Kulturelite der Stadt Landshut. Die, die das Geld und die Zeit haben, für solch einen Abend.

Vielleicht bin auch auch nicht die Drittjüngste, immerhin bin ich auch schon 32, aber das vergesse ich eigentlich fast immer, vor allem wenn ich an der Clubtür wieder nach dem Ausweis gefragt werde. Sicher weiß ich, dass ich jünger bin als der Josef, sein Alter sieht man ihm schon an, als er zu Beginn der Lesung auf die Bühne schlawinert. Doch wohnt diesem Mann eine unglaubliche Jugendhaftigkeit inne, und zugleich so viel Lebenserfahrung.

Ich hab´ einmal zu meinem Freund gesagt: "So jemanden wie den Josef hätte ich gerne als Vater ..." Ich bin ohne Vater aufgewachsen und das Bisschen was ich von ihm kennenlernte war nicht schön. Vielleicht wollte ich auch deshalb so gerne zu dieser Lesung - Familienzusammenführung sozusagen ...

Der Josef schlawinert also auf die kleine Bühne, in der Mitte stehen ein quadratischer Holztisch, ein unscheinbarer Stuhl und ein Mikrofon daneben. Auf dem Tisch eine Flasche Wasser, eine Flasche Rotwein und dazugehörig ein Wasser- und ein Rotweinglas.

Alles darum ist schwarz, ein kleiner quadratischer Tisch, der in ein schwarzes Loch fällt, denke ich. Und so bemerke ich fast gar nicht, dass Josef links neben der Bühne aus dem Schwarz heraustritt, getarnt in Schwarz hat er sich seiner Umgebung angepasst. Schwarze Schuhe, schwarze Jeans, ein schwarzes T-Shirt und eine schwarze Lederjacke. Das graue Haar wild verwurschtelt auf dem Kopf. Eigentlich sieht er aus, als wäre er gerade aufgestanden, dabei in ein schwarzes Loch gefallen und hier wieder ausgespuckt worden. Er kommt so unscheinbar aus dem Nichts, dass es viele erst gar nicht bemerken.

Als er sich setzt wird es still. Bestimmt zwei Minuten. Alle starren erwartungsvoll zu dem Mann an dem quadratischen Tisch, der sich gerade einen großen Schluck Rotwein einschenkt und einen kleinen Schluck Wasser. Er trinkt den Wein, nimmt das Buch in die Hand, schlägt es auf und beginnt zu lesen. Er liest aus seinem Buch, und alle hören gespannt hin.

Zu spüren ist, dass alle verwundert sind, dass er einfach so anfängt, ohne Einführung, er liest aus dem schwarzen Nichts. Keiner sagt etwas, man spürt es.

40 Minuten liest er eine Passage, und mir reicht der pure Anblick von Josef. Soll man als Autor nicht immer so ehrlich wie möglich sein? Die Leser durchschauen einen doch sowieso, Worte sind kein geeignetes Mittel, um eine Fassade zu errichten. Sie tarnen einen nur eine zeitlang. Naja, um ehrlich zu sein, bin ich an diesem Abend vor allem gekommen, um Josef zu sehen. Diesen unglaublichen Mann, dessen Schauspiel mich schon immer fasziniert hat. Das Buch lese ich auch, aber ich wollte ihn einfach sehen.

Und nun sitzt er vor mir, nicht mehr als fünf bis zehn Meter trennen uns. Zu viel. Auch ein Grund ihm später näherzukommen und meine Trophäe zu holen. Eine von der er meint: "Also ich signier´ Euch schon die Bücher, aber des macht´s ja auch nicht besser ..." Schon komisch, so eine kleine Unterschrift macht ja wirklich nichts besser oder anders oder größer oder bedeutungsvoller - und doch eifern wir ihr nach.

Am Ende des ersten Teils verschwindet er genauso unscheinbar im Schwarz wie er zuvor erschienen ist. Ein Magier, der mir ein Glücksgefühl herbeizaubert - Die Pause lässt meine Gedanken schweifen - Dieses Gefühl kenne ich sonst nur, wenn ich Filme sehe. Man könnte sagen: Meine Droge sind Filme. Ich brauch sie, nur sie versetzen mir den berauschenden Kick. Ich kenne nichts, bei dem ich ein ähnliches Gefühl bekomme. Sollte ich darüber mal mit einem Psychologen reden? Ich denke eher nicht, weiß ich doch woher das kommt. Als Kind war ich viel allein und diese Filme ließen mich in eine andere Welt eintauchen, machten mich fröhlich, glücklich und irgendwie alles leichter. Solange sie liefen ... es gibt Filme die ich sicherlich an die 100-mal gesehen habe. Jeden Tag, wenn ich aus der Schule kam, startete ich den immer gleichen Film, unglaubliches Glück wenn er anfing, ging er zu Ende kam die Realität, also startete ich ihn wieder von vorne, immer so weiter, bis meine Mama aus der Arbeit kam. Welcher Film das war? Ein kleines Geheimnis sollte man sich doch bewahren ...

... Welches Geheimnis wohl der Josef hat, frag ich mich beim Blick in sein faltiges Gesicht, als der zweite Teil des Abends ebenso beginnt wie der erste. Vier weitere Auszüge aus dem Buch neigt sich die Lesung dem Ende zu. Das Wasser hat er nicht angerührt, der Rotwein ist zu drei Vierteln leer. Kein Grund das restliche Viertel nicht auch noch zu trinken. Er nimmt die Flasche und verschwindet abermals im Schwarz, um einen Stock tiefer wieder zu erscheinen. Dort stehe ich in einer Schlange mit einigen älteren Frauen, als ich plötzlich an erster Stelle bin und mir ein Hallo über die Lippen wimmert und von einem schwungvollen, überraschten "Hallooo" erwidert wird. "Für Nicky". Ein lausbübisches Grinsen später: "Mit I oder Y?". "Y" - "Dankeschön!". "Aber gerne doch ...".

In der rechten Hand meine Trophäe, mit dem Schatz hinter dem Buchdeckel. Raus ins Schwarz - Servus Josef!


TEXT © Nicky
Dein Kommentar >>
Erich H. | 23.01.2016 09:42
Ein ungewöhnliches Filmtipps.at-Special, aber ich habe es trotzdem sehr genossen.
Nicky | 23.01.2016 12:02
Ja, irgendwie anders :) dankeschön!
Harald | 01.02.2016 07:57
Ja, sehr schön geschrieben. Natürlich würd mich
jetzt sehr interessieren, welcher der 100 mal
gesehene Film war. PM auf Facebook? Danke!
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