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Mein Abend mit Udo

Am Filmfest München wurde Udo Kier mit dem CineMerit-Award geehrt. Eine Preisverleihung und surreale Fragestunde, nachzulesen in diesem FILMTIPPS.at-Special.

Stechende grüne Augen, sie starren mich an, ich starre zurück, den Blick zu lösen erscheint unmöglich. Gefangen bin ich in einem grünen Strudel, welcher mich tief eintauchen lässt in all das was dieser Mensch mit diesen Augen schon gesehen hat. Diese Welt entsteht vor mir - die Zeit in Köln mit Rainer Werner Fassbinder, das gemeinsame Arbeiten mit Andy Warhol und die Abgründe von Lars von Trier. All das wird lebendig, mit einem Blick in Udo Kiers Augen.

Udo Kier
Udo.

Als Udo, wie ich ihn ab jetzt nur noch liebevoll nennen werde, die Bühne des kleines Saales am Montagabend auf dem Filmfest in München betritt, bleibt mir kurz das Herz stehen. Der Raum ist halb leer, erstaunlich wenig Leute haben sich eingefunden, um einen Blick auf den Weltstar zu werfen. Doch Udo füllt diese Leere nur mit seiner Anwesenheit mehr als aus. Neben mir sitzt eine Jungschauspielerin, irgendwie kommt sie mir auch bekannt vor, aber einordnen kann ich sie nicht, tummeln sich doch zu viele Solche auf dem Filmfest. Sie ist nett, am Anfang fragte sie mich, ob ich ihr kurz einen Platz freihalten kann, also scheint sie noch nicht allzu weit auf der Karriereleiter nach oben geklettert zu sein - kommt mir in den Sinn. Später relativiert sich das, da Udo auch überaus nett und "normal" ist.

Woher ich weiß, dass sie Schauspielerin ist? Naja, sowas posaunen sie meistens sehr schnell heraus. Sie unterhält sich mit einem jungen Kerl hinter mir, den sie offensichtlich schon von den letzten Tagen kennt. Auf mehreren Veranstaltungen haben sie sich getroffen. Er macht irgendwas mit Film und hat einen Oscar für den besten Animationsfilm bekommen. Ich merke wie mir ein fettes "WOW" über die Lippen poltern will, aber ich unterdrücke es gerade noch. Da sitze ich nun, in der dritten Reihe mittig, in einem halbvollen Saal, der gerade mal circa 300 Leute fasst, neben mir eine Schauspielerin, hinter mir ein Oscarpreisträger und vor mir Udo. Reichlich unspektakulär ist er auf die Bühne gestolpert, keine großen Ankündigungen, keine mitreißende Musik, kein Boxkampfeinlauf. Lediglich eine kurze Ansage eines Filmfestmitarbeiters, der Udo seit Tagen von einer Veranstaltung zur nächsten jagt, wie Udo gleich beginnt zu erzählen. Deswegen kommt im die intime Runde hier ganz gelegen, endlich mal nicht eine blöde Fotopose nach der anderen, keine dämlichen Fragen von Journalisten.

In diesem Moment kommt mir unweigerlich ein fettes Grinsen über die Lippen, da um mich herum gefühlte 300 Kameras gezückt werden und der Filmfestmitarbeiter mit Schnupfen die erste dämliche Frage stellt. Udo bekommt heute Abend auf einer feierlichen Gala den Ehrenpreis des Filmfests, den CineMerit-Award. Sein erster deutscher Preis, den er wie üblich ins Badezimmer stellen wird. Das erscheint ihm ein guter Platz, denn jeder muss schließlich im Laufe eines Abends irgendwann einmal aufs Klo, und da stehen sie dann die unzähligen Auszeichnungen. Wie oft schon kamen die Gäste zurück und meinten: "Udo, DEN hast du auch gewonnen und DEN auch - ich wusste ja nicht - DEN auch ?!" Er erzählt davon, dass er sich ehrlich über den Preis freue, denn es sei doch etwas Tolles einen Preis zu bekommen. Das meinte ich mit dämlicher Frage des Schnupfenmitarbeiters, denn was soll man denn antworten, wenn man gefragt wird, ob man sich über einen Preis freut? "Nein, bitte geben sie mir keinen Preis, das habe ich nicht verdient, so schlecht wie ich bin?" Dazu würde sich allenfalls Lars von Trier hinreißen lassen, gekonnt gekoppelt mit einem Hitlergruß.

Wir erheben die Menschen die Gutes sagen und Falsches meinen und strafen die die Falsches sagen und Gutes meinen -  so ähnlich lautet der Satz in Nymph()maniac, sinngemäß zumindest, mit dem sich von Trier einen kleinen Seitenhieb nicht nehmen ließ. Und wir wahr doch dieser Satz ist, wird auch heute Abend mehr als deutlich. Es folgen viele geschwollene Fragen von Presse und Publikum. Die beste Frage kommt zum Schluss, zumindest die ehrlichste. Wie gesagt: zum Schluss. Denn erst erzählt er noch ein bisschen aus seinem Leben, glücklicherweise nicht den üblichen Blabla, den man eh auf Wikipedia nachlesen kann, sondern tatsächlich spannende Geschichten.

Den Rainer kannte er schon aus der Eckkneipe in Köln, als er später so berühmt wurde und auf mehreren Zeitungen auf dem Titel zu sehen war, dachte sich der Udo: "Fassbinder? Das ist doch der Rainer!" Später wohnten die beiden sogar zusammen in Schwabing, wo sonst. Aber fast wäre es gar nicht so weit gekommen, ja in der Tat wäre es mir nicht möglich gewesen in die grünen Augen zu starren und all das lebendig vor mir zu sehen, hätte nicht Udos Mutter allgegenwärtig gehandelt.

Udo ist im Krieg geboren - als er diese Geschichte erzählt, streckt er seinen Arm nach vorne, das Hemd hochgeschoben und zeigt uns seine Gänsehaut. In der dritten Reihe kann ich das zwar nicht mehr wirklich erkennen, aber die Ahs und Ohs aus der ersten deuten darauf hin, dass es sich hierbei tatsächlich um eine Gänsehautentzündung handelt (danke Mehment für dieses Wort!). Der kleine Udo wird also in diese kriegsgebeutelte Welt geworfen, gerade mal da und schon auch wieder weg. In dem Moment als ihn seine Mutter in den Armen hält, stürzt eine Mauer im Krankenhaus ein, begräbt alle anderen Babys und die Krankenschwester die sich noch schützend über sie wirft: "Alle tot". Udos Mutter drückt ihn fest an sich, und dann Dunkelheit. In der einen Hand hält sie ihn, mit der anderen gräbt sie ein Loch und die beiden werden gerettet. Wenn das mal nicht nach einem Stoff für den nächsten Film klingt, was dann? Aber da hatte Udo andere Pläne, ja der Udo hat sich auch mal als Regisseur versucht. Bis er kein Geld mehr hatte, um den Film fertigzustellen. Sehr schade, denn die Story ist vielversprechend: ein Transvestit der im Rollstuhl sitzt und mit Telefonsex sein Geld verdient! Gescheitert ist das Projekt letztendlich daran, dass Udo alles allein gemacht hat: Schauspielern, Licht, Kamera, Regie, Essen für die Crew - und das alles im Rollstuhl!

Kaum zu glauben, nach diesem Start ins Leben, aber der Udo, das ist schon ein Glückskind. Leicht hat er´s nicht gehabt am Anfang, aber dann wurde er in London entdeckt und eins kam zum anderen. Holterdiepolter. Man mag es ja nicht so recht glauben, welches unverschämte Glück manche Leute haben. Ich sinke ein wenig in meinen Sitz, neben der Schauspielerin, dem Oscarpreisträger hinter mir und Udo vor mir. Pinkeln muss ich auch so dringend, ich schlage mein linkes Bein über das rechte und setze mich wieder aufrecht hin. Udo erzählt gerade davon, dass zum Glück auch ein gewisses Auftreten gehört. Sein Aussehen war ihm sicher eine Hilfe, aber noch viel mehr seine selbstbewusste Verkörperung dessen. "Absolut!", denke ich immer noch im Bann dieser Augen. Die Blase drückt, aber unmöglich sich aus seinem Blick zu lösen. Ich habe das Gefühl sofort zu Stein zu erstarren, wenn ich mich abwende, dann hätte sich das Pinkeln eh erledigt. Ich merke wie die Schauspielerin neben mir mich ständig mustert. Ein wohliges Gefühl kommt in mir hoch: "Die denkt sicher auch ich bin jemand Bekanntes", wahrscheinlich merkt sie nur, dass ich pinkeln muss. Udo nimmt einen Schluck aus seiner Colaflasche, ich empathisch aus meiner Wasserflasche. "Verdammt!"  Mittlerweile sind wir hoch philosophisch unterwegs: "Alles ist Kunst".
Diesen ausgelutschten Satz bemühen hier tatsächlich noch hochintellektuelle, aufgeklärte Individuen und versuchen sich dessen Deutung, mithilfe von Udo wird das schon laufen. Am liebsten möchte ich aufspringen und laut heraus schreien: "Ihr Trottel, ALLES IST KUNST!?"

Ich ärgere mich über meinen Ärger, Udo nimmt´s gelassen, beantwortet die Frage aber genauso wie ich, nur das Trottel lässt er weg. Ich will gerade einen Hacken setzen, als der eifrige Frager neu ansetzt: "Wenn alles Kunst ist, was ist dann nicht Kunst?" Schneller als ich denken kann, klatscht meine Hand aufs Hirn. Udo sieht so aus, als wolle er genauso reagieren. Die Schauspielerin starrt mich an, verlegen kratze ich mich am Kopf. Nach diesem hochanspruchsvollen Exkurs, den Udo mit "wenn ich in die Ecke scheiße und eine rote Linie darum ziehe, ist das Kunst?" beendet hat, geht´s endlich weiter im Text. Schnupfi kann es nämlich nicht erwarten endlich auf von Trier zu sprechen zu kommen. Die Rolle des Kellners in Nymph()maniac hat sich Udo selbst ausgesucht. "Ich wusste ja wirklich nicht wo die Löffel sind, das macht mein Schauspiel so authentisch." Und wie wir wissen verlangt von Trier von seinen Schauspielern immer genau das Gegenteil dessen wofür sie bezahlt werden: "Don´t act!"
Schon paradox oder? Über von Trier lässt Udo nicht so viel raus, nur dass er der Patenonkel von Lars´ ältester Tochter ist. Ob es schon ein neues Drehbuch für einen Von-Trier-Film gibt will die Dame rechts außen wissen: "Ich weiß von nichts, aber wenn dann schickt er es mir und ich such mir eine Rolle aus."
Die Patentochter ist bald zu Besuch bei Udo in LA, die wird da schon was rauslassen. Der Rotzhochzieher rutscht schon seit einiger Zeit nervös auf seinem Stuhl hin und her, bis er sich endlich durchringen kann Udo zu unterbrechen und ihn auf den neuen Dokumentarfilm über ihn anzusprechen, der gleich im Anschluss an die Verleihung gezeigt wird: Arteholic. Udo plaudert darin über Kunst, an Orten an denen es Kunst gibt, mit von Trier liest er allerdings nur Zeitung. "Udo, ich spreche gerade nicht", hatte von Trier ihm mitgeteilt, als Udo anfragte für eine Szene mit ihm in diesem Film.

Ich frage mich: "Wie hat er dir das mitgeteilt, wenn er gerade nicht spricht?" Das wäre doch jetzt mal eine gute Frage! Zu spät! Schniefi wird immer nervöser und würgt die nächsten Fragen ab: "Das ist jetzt die letzte Frage!" Zwei Hände sind in der Luft. Udo beschwichtigt und sagt er bleibt gern noch länger hier, als sich in der Filmfestlounge auszuruhen (als ob der Ruhe bräuchte).  "Nein, letzte Frage!" Die beiden Körper an denen die Hände in der Luft hängen plustern sich auf, beide Münder an den Köpfen, die an den Körpern an den Händen in der Luft hängen brabbeln los. Einer ist schließlich lauter, die Frage war allerdings so belanglos, dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann und mich auch jetzt noch wundere, warum man sich dafür so aufplustern musste. "Na gut, das war die letzte Frage und jetzt kommt die allerletzte Frage!". Zum ersten Mal ist mir der Filmfestmitarbeiter sympathisch, weshalb ich ihn deswegen an dieser Stelle auch wieder den Filmfestmitarbeiter nenne. Die Frage zum Schluss: "Hatten Sie eine Beziehung mit Fassbinder?" Ok, es ist jetzt nicht die Wahnsinnsfrage, aber glaubt mir, besser als alle anderen! Udo trocken: "Die Dame kenne ich, die legt Fassbinder auch immer Blumen aufs Grab, aber auf die Frage eingehen werde ich nicht." Ich bin mir jedenfalls sicher, dass Udo egal wann er wo war, eine hervorragende Zeit hatte.

Noch immer starre ich ihn an, zum ersten Mal an diesem Abend löse ich meinen Blick und senke den Kopf nach unten, um auf meine Armbanduhr zu schauen. Fast eineinhalb Stunden sind vergangen, Zeit ist relativ. Da merke ich, wie ich kurz zusammenzucke und dann in mich rein lachen muss, weil ich nicht zu Stein erstarrt bin. Pinkeln muss ich aber immer noch. Ich blicke wieder auf und treffe wieder diese Augen, die Worte des Filmfestmitarbeiters, der die Veranstaltung nun beendet, nehme ich nicht mehr so recht wahr. Noch einmal will ich durch diese Augen all das Erlebte von Udo sehen, bis der Vorhang fällt, in Form einer Menschenmasse, die sich auf ihn stürzt. Ich stehe langsam auf, die Schauspielerin ist schon in der Masse vor Udo verschwunden, mit ihr der Oscarpreisträger, ich drehe mich um, um nach meiner Jacke an der Stuhllehne zu greifen, bemerke dabei, dass außer mir keiner mehr auf seinem Platz sitzt. Langsam nehme ich meine Sachen und gehe Richtung Ausgang, kurz vor dem Verlassen überlege ich, ob ich mich noch einmal umdrehen soll, um diese Augen zu sehen, dann aber lasse ich es.


TEXT © Nicky
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