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Modus Anomali - Gefangen im Wahnsinn

Modus Anomali - Gefangen im Wahnsinn

OT: Modus Anomali
TERROR: Indonesien, 2012
Regie: Joko Anwar
Darsteller: Rio Dewanto, Hannah Al Rashid, Aridh Tritama, Sadha Triyudha

STORY:

Ein Mann erwacht im Wald. Halb bedeckt mit Laub und Erde. Ohne Orientierung. Ohne Gedächtnis. In einer Waldhütte stößt er auf die grauenvoll zugerichtete Leiche einer Frau und auf Indizien, dass die Tote seine Frau gewesen sein könnte. Herumliegende Fotos zeigen außerdem zwei jugendliche Kinder. Der Mann macht sich auf die Suche nach den Kindern, nach der Wahrheit. Doch er ist nicht allein im dunklen Wald ...

KRITIK:

In allererster Linie ist der indonesische Geheimtipp der vergangenen Festival-Saison auf minimalistische Strukturen heruntergebrochenes Angstkino.

Zusammen mit dem unter Gedächtnisverlust leidenden Hauptprotagonisten feiern wir unsere "Auferstehung" aus einem Grab aus Laub und Erde. Dann stolpern wir verwirrt und desorientiert durch einen tiefen, gottverlassenen Wald von einem Alptraumszenario zum nächsten.

Da erleben wir das Grauen -Press Play!- den Tod eines geliebten Menschen per Videobotschaft mitverfolgen zu müssen. Da finden wir uns in der dunklen, klaustrophobischen Enge einer Kiste wieder, sehen einer Messerklinge ins Auge und riechen Benzin...- Und draußen im Tann lauert ein gesichtsloser Menschenhäscher, der mit Pfeil und Bogen Jagd auf uns macht.

Die Kamera ist immer ganz nahe dran am Mann aus dem Waldgrab; diese Perspektive in Kombination mit den mangelnden Erklärungen und der fehlenden Erinnerung zwingen den Zuschauer förmlich in die Rolle des Verwirrten, Flüchtenden. Der Musikeinsatz ist minimalistisch. Oft dominieren die Geräusche des Waldes - die Blätter, die Tiere, die Insekten - die Tonspur; oder der Atem des Gejagten.

In vielerlei Hinsicht bewegt sich MODUS ANOMALI lange Zeit ganz nahe an einem anderen kleinen, aber vergleichbar feinen Terrorstück; nämlich dem französischen THEM (nicht zu verwechseln mit dem amerikanischen THEM oder dem Monsterameisenklassiker aus den Fünfzigern). Ein Bruder im Geiste, der ebenso den Minimalismus in Intensität zu transformieren versteht wie das vorliegende Werk des indonesischen Filmemachers Joko Anwar.

War Indonesien lange Zeit ein eher weißer Fleck auf der Horrorfilmlandkarte, aus dem abgesehen von einigen exotischen 70er Jahre-Trashbonbons nur wenige Filme den Weg in unsere Breitengrade gefunden haben, so scheint sich dies heuer zu ändern: Ebenso wie der kürzlich erschienene Kunstblutexzess MACABRE braucht sich auch MODUS ANOMALI in Sachen Handwerk nicht vor vergleichbaren amerikanischen oder europäischen Genreproduktionen zu verstecken. Doch im Gegensatz zum genannten MACABRE, der sich noch eher aufs Kopieren seiner Vorbilder aus Übersee verlegte, entwickelt Regisseur Anwar mit MODUS ANOMALI durchaus eine eigene Handschrift.

Und diese behält für den Zuschauer tatsächlich die eine oder andere böse Überraschung parat. Insbesonders dann, wenn der Film nach einer Stunde vom puristischen Terrorflick endgültig zum perfide angelegten Verwirrspiel mit ungewissem Ausgang wird.

Dann verlässt MODUS ANOMALI die THEM-Ebene und tritt ein in die höheren Sphären eines FUNNY GAMES, dem nach wie vor wohl grimmigsten und einflussreichsten österreichischen Genrebeitrag bislang. Damit ist auch der Schritt vom Drei-Sterne zum Vier-Sterne-Werk vollzogen; vom guten zum wirklich bemerkenswerten Film.

Womit wir letztlich beim viel gepriesenen, bösen Schlusstwist wären; eben jenem, mit dem der Film seitens seines Labels gar ausdrücklich beworben wird. Ja, der ist tatsächlich nicht von schlechten Eltern; wenn auch vielleicht einen Tick zu weit aus der Trickkiste hervorgeholt.

Doch wenn sogar ich mit meiner Weisheit aus Tausenden von Horror- und Terrorfilmen am Ende überrumpelt wurde, dann darf man bei aller gebotenen Bescheidenheit davon ausgehen, dass diese Wendung wahrlich diabolisch ausgeklügelt worden ist. Dabei kommt die Überraschung nicht völlig aus dem Nichts. Im Rückblick führen nämlich zwei Einstellungen den mit einem messerscharfen Verstand gesegneten Horrorfan auf die richtige Fährte.

Alles in allem nicht der Film, der das Terrorgenre revolutionieren wird, aber ganz sicher moderne, harte und insbesondere im letzten Drittel um Originalität bestrebte Genrekost.

Da kann man nur sagen: Chapeau, Joko Anwar!

Modus Anomali - Gefangen im Wahnsinn Bild 1
Modus Anomali - Gefangen im Wahnsinn Bild 2
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Modus Anomali - Gefangen im Wahnsinn Bild 5
Modus Anomali - Gefangen im Wahnsinn Bild 6
FAZIT:

Eine Stunde lang puristisches Terrorkino zwischen Gedächtnisverlust und wäldlicher Menschenhatz. Dann ein perfides Verwirrspiel, das dann tatsächlich mit dem lautem Paukenschlag eines originellen wie diabolischen Twist endet. Dank Joko Anwars MODUS ANOMALI hat nun auch Indonesien sein FUNNY GAMES! 
MODUS ANOMALI erscheint am 5.4.2013 beim Label Mad Dimension auf DVD und BluRay. 

 

WERTUNG: 8 von 10 Videobotschaften
TEXT © Christian Ade
Dein Kommentar >>
ghostdog | 28.10.2013 10:35
Wenn man die ersten 40 Minuten, die sich bei fast völliger Dunkelheit im nächtlichen Wald abspielen, überstanden hat, wird man mit einem Twist belohnt, der einen staunend und mit offenem Mund zurück läßt.

In Kenntnis dieser finalen Wendung macht auch eine zweite Sichtung bestimmt nochmal so viel Spaß wie beim ersten mal.

Hätten die Macher die Laufzeit auf knackige 60 Minuten komprimiert, hätte der Film noch mehr Spaß gemacht, da er durch die lange Anlaufzeit im Wald leider manchmal Gefhr läuft, etwas langatmig zu werden. 8/10
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