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GOOD MOVIES FOR BAD PEOPLE
NAZA

NAZA

DOKUMENTARFILM: GB, 2026
Regie: Yuval Abraham, Rachel Szor
Darsteller: -

WORUM GEHT ES?

Die Doku von Yuval Abraham und Rachel Szor will anhand von anonymisierten Interviews mit ehemaligen israelischen Soldaten und Geheimdienstmitarbeitern "beweisen", dass die israelische Armee in Gaza systematisch Kriegsverbrechen begehe.

KRITIK:

Fangen wir mit etwas Positivem an: NAZA ist stilistisch brillant gemacht. Die meiste Zeit wandert die Kamera über die nächtliche Skyline der futuristischen Wolkenkratzer von Tel Aviv. Für eine politische Dokumentation wirken die Bilder ausgesprochen ambitioniert, fast Science-Fiction-mäßig, Blade-Runner-Style quasi. Vielleicht der künstlerische Einfluss des Produzenten Jonathan Glazer (UNDER THE SKIN, THE ZONE OF INTEREST).

Ist NAZA ein seriöser Dokumentarfilm? Ich würde ihn als filmisch brillanten pro-palästinensischer Propagandafilm einordnen, inszeniert von den israelischen Journalisten/Aktivisten Yuval Abraham und Rachel Szor (NO OTHER LAND, 2024).

NAZA ist das hebräische Akronym für Kollateralschäden. Über den Zeitraum von drei Jahren führte Yuval Abraham Interviews mit 24 Soldaten und Intelligence Officers, die, nachts auf dem Dach eines Hochhaus in Tel Aviv sitzend, die Gesichter abgedunkelt, die Stimmen verfremdet, Details über den seit 2023 laufenden Krieg gegen die Hamas erzählen. Manche der im Film erhobenen Anschuldigungen, etwa der berüchtigte Sager mit den 500 Toten bei einem Angriff, wurden bereits widerlegt. Über andere wird aber zu reden sein. Etwa über die geschilderte Praxis, Zivilisten vor Angriffen auf Häuser zwar zu evakuieren, aber selten vollständig. Als "evakuiert" gilt ein Gebäude - so wird es im Film geschildert - wenn drei Viertel der Bewohner es verlassen haben. Was passiert mit den restlichen 25 Prozent der Bewohner? "Good luck to them", sagt einer der interviewten Soldaten.

Zweifellos: Was die Militärangehörigen hier teilweise berichten, klingt arg zynisch und menschenverachtend. Und sollte tatsächlich alles so stattgefunden haben, wie es hier von den anonymisierten Whistleblowern geschildert wird (was niemand nachprüfen kann und von der IDF erwartungsgemäß zurückgewiesen wird), könnte vieles davon tatsächlich als Kriegsverbrechen klassifiziert werden. Eine zivilisierte Regierung sollte eine Untersuchungskommission einsetzen, anstatt den Filmemachern mit Staatsbürgerschaftsentzug zu drohen. Aber dazu kommen wir später noch.

Aber auch das mag extrem zynisch klingen: In JEDEM Krieg passieren Kriegsverbrechen. Eine solche "Dokumentation" könnte man auch über Soldaten und Drohnenpiloten in der Ukraine drehen. Auch hier würde man verstörende Aussagen hören: Etwa, dass es unbeschreiblich "lustig" wäre, aus der Ferne Häuser in Schutt und Asche zu legen, wie in einem Videospiel. Aber - und das ist der entscheidende Unterschied: Von ein paar dummen Putin- und Wagenknechten abgesehen würde NIEMAND davon ausgehen, dass das ukrainische Militär die russische Zivilbevölkerung vorsätzlich umbringen wolle.

Bei Israel hingegen "weiß" man das. Israel ist bekanntlich ein "rassistischer Apartheidstaat", der einen "Genozid" an den Palästinensern verübt. Als junger Mensch "weiß" man das aus TikTok-Videos und Macklemore-Songs. Als älterer Mensch "weiß" man das aus hunderten Facebook-Postings. Als intellektueller, linksliberaler Humanist "weiß" man das aus der israelkritischen Zeitung Guardian, die diesem Film produziert und  - Überraschung - positiv rezensiert hat, mit einer Kindermörder-Headline selbstverständlich. Oder aus dem palästinensisch-israelischen +972 Magazine, wo Yuval Abraham, der Regisseur dieser Doku, seit Jahren publiziert.

Im Film ist viel von KI-Systemen die Rede, die die israelische Armee einsetzt, um die Zahl der zu erwartenden zivilen Toten vor einem Angriff abzuschätzen. Der Film unterstellt, dass KI verwendet werden würde, um Zivilisten absichtlich zu töten, in ihren Häusern, weil das - Zitat -  "am einfachsten ist".

Zwei Systeme werden da genannt, die Datenbank "Lavender", die in Echtzeit sämtliche Mobiltelefone in Gaza überwacht und das KI-System "Where's Daddy?". Letzteres klingt in der Schilderung besonders perfide: Ein Soldat erzählt, der Geheimdienst würde gezielt Handys von Kindern der Hamas-Kämpfer hacken und das Mikrofon einschalten. Jedes Gespräch kann so überwacht werden. Wenn das Kind auf Arabisch "Papa ist da" sagt, schlägt das System Alarm, und eine Drohne wird losgeschickt. Mit dem Hamas-Kämpfer stirbt dann meist seine ganze Familie.

Und so geht das im Film dahin, 80 Minuten lang. Eine furchtbare Aussage nach der anderen. "Hier haben wir 500 Menschen getötet". "Da 200". "Hier eine ganze Häuserzeile plattgemacht". "Dort auf hungernde Menschen geschossen". "Wir haben gesehen, wie ein Baby verbrannt ist". "Halb Gaza ist eine Todeszone, es stapeln sich die Leichen ... usw., usf..."

Eine Kontextualisierung findet dabei nicht statt. Der Film erklärt liefert keine Erklärung, keine Einordnung, keinerlei militärische Hintergründe, gar nichts. Lediglich die - ja, teilweise sehr heftigen - Aussagen der Soldaten.

Wer Israel bisher nicht gehasst hat, tut es spätestens jetzt. Ich denke, das ist es wohl, was die Filmemacher beabsichtigen. Es geht hier nicht um Information, um Aufklärung, um einen journalistischen Blick auf militärische Realitäten. Sondern um eine moralische Anklage. NAZA ist ein Trigger-Film, ein Empörungswerk, keine journalistische Doku.

Dabei böte der Film NAZA seinem Publikum durchaus die Chance, sein Wissen über den Nahostkonflikt - und über militärische Konflikte allgemein - einem Reality Check zu unterziehen. Der Film hätte beispielsweise erklären können, dass zivile Opfer (sogenannte Kollateralschäden) völkerrechtlich nicht verboten sind, sofern die Verhältnismäßigkeit gewahrt wird. Was bedeutet das? Wenn zum Beispiel ein Terrorist auf dem Dach eines bewohnten Hochhauses seinen Mittagsschlaf hält, darf das Haus nicht angegriffen werden. Weil die Anzahl der möglichen zivilen Toten in keinem Verhältnis zum militärischen Nutzen (ein toter Terrorist) steht. Wenn aber jemand auf dem Dach einen Raketenwerfer montiert, sieht die Sache anders aus. Da könnte NAZA 20  - also 20 unbeteiligte Tote - völkerrechtlich erlaubt sein, um den Raketenwerfer zu vernichten.

Doch das alles erklärt der Film selbstredend NICHT. Er will auch gar nichts erklären. Er will sein Publikum erschüttern, er will die moralische Empörung. Im Film wird übrigens behauptet, NAZA 20 - also 20 tote Zivilisten für einen getöteten Hamas-Terroristen wäre die "Benchmark" gewesen, der Durchschnitt der Einsätze. Kurze Kopfrechenaufgabe: Die Hamas hat im Krieg 20.000 (zwanzigtausend) Mann verloren. Dann müssten in Gaza insgesamt 400.000 (vierhunderttausend) Menschen gestorben sein. Tatsächlich wird die Anzahl der Toten in Gaza auf 70.000 (siebzigtausend) geschätzt. Ist es zynisch, zu fragen, ob der Film vielleicht ein bisschen dramatisiert?

Noch einmal: Krieg IST eine zynische und menschenverachtende Angelegenheit. Krieg ist die Hölle. Am besten, man zettelt keinen Krieg an. Aber sag das mal der Hamas. Die diesen Krieg unbedingt wollte. Die nicht mal Uniformen trägt, sich hinter Frauen und Kindern verschanzt, Krankenhäuser als Munitionsdepots zweckentfremdet, die sogar noch aus Wasserleitungen Raketen baut. Die die eigene Bevölkerung als lebendende Schutzschilde benützt, um möglichst viele zivile Opfer zu produzieren.

Dieses Argument wird im Film übrigens auch gebracht. Und zwar in einem kurzen TV-Nachrichten-Clip, in dem Premierminister Netanjahu von "human shields" redet. Die Filmemacher wissen natürlich, welche Hassfigur Netanjahu für weite Teile der Weltöffentlichkeit darstellt. So manipulativ, wie der Film das - inhaltlich richtige - Argument in den Film schneidet, klingt es allerdings, als würde der israelische Premier die Toten in Gaza verhöhnen.

Wo hört Dokumentation auf, wo fängt Aktionismus und Propaganda an?

Einer der Soldaten erzählt, als Kind habe er sich gefragt, wie die Nazis "mit sich leben konnten". "Heute verstehe ich es", gibt er sich selbst die Antwort. Er selbst habe Angriffe vorbereitet, bei denen ganze Häuserblöcke zerstört und ihre Bewohner getötet wurden. Anschließend habe er sich mit Freunden in Tel Aviv getroffen, als wäre nichts geschehen. Subtext, im Film natürlich nicht wörtlich ausgesprochen: Heute sind die Juden die Nazis. Und damit diese Message auch wirklich jeder versteht, blendet der Film dann Bilder vom Holocaust Rememberence Day ein, wo in Israel das öffentliche Leben still steht und die Sirenen heulen.

Dass eine so manipulative "Doku", die im Grunde Täter-Opfer-Umkehr betreibt, in Venedig 25 Minuten Standing Ovations erhielt - den längsten Applaus, den es in der Geschichte des Filmfestspiels je gegeben hat - ist eine intellektuelle Bankrotterklärung. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Oder doch: Die Drohung der israelischen Regierung, den Filmemachern die Staatsbürgerschaft zu entziehen, ist ebenfalls eine Bankrotterklärung. Aber was will man von Rechtspopulisten und Extremisten anderes erwarten. Ich mach einen Sekt auf, wenn die abgewählt werden. Fingers crossed!

NAZA Bild 1
NAZA Bild 2
NAZA Bild 3
FAZIT:

Filmisch brillant, inhaltlich extrem manipulativ und propagandistisch. Sehenswert ist die Kriegsdoku NAZA aber zweifellos. Mit viel Wohlwollen kann man sie als Kritik an einer zunehmend technisierten, "gamifizierten" Kriegsführung lesen, wo Algorithmen, Künstliche Intelligenz und autonome Systeme eingesetzt werden, um über Leben und Tod zu entscheiden.
Man kann sie aber auch als Lehrstück lesen, wie pro-palästinensische Propaganda funktioniert. Manche der im Film geäußerten Anschuldigungen sind bereits widerlegt, über andere sollte aber doch geredet werden.

WERTUNG: keine
Dein Kommentar >>
Möchtegernjournalist | 03.10.2026 13:07
Der Kritiker als Kollateralschaden seiner eigenen Argumentation

Der Artikel wirft *NAZA* vor, Propaganda zu sein, und unternimmt den Gegenbeweis ausgerechnet mit den Mitteln der Propaganda: Zweifel werden zu Widerlegungen, Behauptungen zu Tatsachen und Rechenfehler zu geopolitischen Erkenntnissen geadelt. Man muss nur fest genug auf den Taschenrechner drücken, dann wird aus einem Kriegsverbrechen schon eine statistische Unpässlichkeit.

Da heißt es zunächst, die Aussagen der anonymisierten Militärangehörigen könne ?niemand nachprüfen?. Das stimmt nur, wenn man Journalismus für eine öffentliche Hinrichtung seiner Quellen hält. Die Filmemacher geben an, mit mehr als hundert Personen gesprochen, Zeugenaussagen miteinander abgeglichen und geheime Dokumente eingesehen zu haben. Im Film treten 24 davon anonymisiert auf. Das beweist nicht jede Anschuldigung, aber Anonymität ist kein Synonym für Erfindung ? insbesondere dann nicht, wenn Denunziation inzwischen mit dem Entzug der Staatsbürgerschaft beantwortet werden soll.

Die Behauptung, eine Freigabe von bis zu 500 zivilen Opfern sei ?bereits widerlegt?, ist ebenfalls erstaunlich großzügig formuliert. Tatsächlich bestreitet die israelische Armee sie. Das ist wichtig und gehört erwähnt. Ein Dementi ist aber noch keine Widerlegung, sonst wäre jeder Beschuldigte zugleich Richter, Sachverständiger und Freispruch in Personalunion. Die IDF liefert eine ausführliche Gegendarstellung; unabhängige Beweise, mit denen die Behauptung abschließend erledigt wäre, ergeben sich daraus nicht.

Dann betritt die Mathematik die Bühne und verlässt sie auf allen vieren. Wenn pro getötetem Hamas-Kämpfer 20 zivile Opfer akzeptiert worden seien und Israel 20.000 Hamas-Kämpfer getötet habe, müssten 400.000 Menschen gestorben sein, rechnet der Autor. Nur war die Zahl 20 ? je nach Darstellung ? eine mögliche Schwelle für bestimmte Luftangriffe, nicht der tatsächliche Durchschnitt sämtlicher getöteter Kämpfer. Nicht jeder Kämpfer starb durch einen solchen Angriff, nicht jeder Angriff forderte 20 zivile Opfer, manche Angriffe töteten mehrere Kämpfer und andere offenbar niemanden außer Zivilisten. Außerdem ist bereits die Zahl von 20.000 getöteten Hamas-Kämpfern eine israelische Angabe, die lange nicht unabhängig belegt war. Aus einem Höchst- oder Genehmigungswert eine allgemeine Todesquote zu basteln, ist ungefähr so seriös, wie aus der erlaubten Höchstgeschwindigkeit den durchschnittlichen Benzinverbrauch eines Landes zu errechnen.

Auch der Vergleich mit der Ukraine vollführt eine bemerkenswerte Pirouette. Vergleichbar mit israelischen Angriffen auf Gaza wären russische Angriffe auf ukrainische Zivilisten. Der Artikel vergleicht sie stattdessen mit ukrainischen Angriffen auf russische Zivilisten und entdeckt anschließend einen ?entscheidenden Unterschied?. Gewiss. Wenn man Täter, Angegriffene und Territorium vertauscht, werden selbst Unterschiede sichtbar, die vorher gar nicht existierten.

Richtig ist: Zivile Opfer sind im Krieg nicht automatisch ein Kriegsverbrechen. Falsch ist die daraus abgeleitete Vorstellung, ein Raketenwerfer dürfe eben mit ?NAZA 20? verrechnet werden. Das humanitäre Völkerrecht kennt keine Preisliste, auf der ein Raketenwerfer zwanzig Menschenleben, ein Kommandeur zweihundert und ein besonders schlechter Mensch gleich einen ganzen Häuserblock kostet. Entscheidend sind der konkrete militärische Vorteil, das erwartbare zivile Leid und sämtliche möglichen Vorsichtsmaßnahmen. Eine fixe Zahl ersetzt diese Prüfung gerade nicht.

Und ja: Die Hamas begeht Kriegsverbrechen. Sie hat Zivilisten ermordet, Geiseln genommen und operiert teilweise aus dicht besiedelten Gebieten. Doch selbst die Verwendung menschlicher Schutzschilde entbindet den Angreifer nicht von seinen Pflichten gegenüber der Zivilbevölkerung. Das steht ausdrücklich im Kriegsvölkerrecht. Die Schuld der Hamas ist keine Generalvollmacht Israels. Zwei Parteien können gleichzeitig Verbrechen begehen ? eine gedankliche Zumutung offenbar, denn moralisch lebt es sich gemütlicher mit nur einem Schurken pro Geschichte.

Selbstverständlich darf man *NAZA* kritisieren. Der Film ist offenbar bewusst anklagend inszeniert. Die anonymen Aussagen verlangen sorgfältige Prüfung. Die Doppelrolle des *Guardian* als Produzent und publizistischer Begleiter ist ein berechtigtes medienethisches Thema. Und die Verbindung israelischer Gegenwart mit Holocaust-Gedenken kann aufklärerisch gemeint und dennoch manipulativ montiert sein.

Aber genau hier müsste Kritik beginnen. Der Artikel hingegen erklärt die Anklage bereits deshalb zur Propaganda, weil sie anklagt. Er hält die Toten für ausreichend kontextualisiert, sobald irgendwo das Wort Hamas gefallen ist, und verwechselt militärischen Kontext mit moralischer Absolution. Dass in jedem Krieg Verbrechen geschehen, ist dabei kein Gegenargument. In jeder Gesellschaft geschehen Morde; deswegen erklärt man Mordprozesse auch nicht zu einseitigen Empörungswerken.

Am Ende verrät der Text mehr über sich selbst als über den Film. Er beklagt Manipulation und manipuliert Zahlen. Er fordert Kontext und vertauscht beim Ukrainevergleich die Rollen. Er verlangt Beweise und erklärt das Dementi des Beschuldigten zum Freispruch. Das ist keine Widerlegung von *NAZA*. Es ist ein Verteidigungsplädoyer mit aufgeklebtem Etikett ?Filmkritik?.

Oder, um es militärisch auszudrücken: Der Film war das anvisierte Ziel. Getroffen wurde die Glaubwürdigkeit des Kritikers. Kollateralschaden: hundert Prozent.
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Bertl | 01.10.2026 09:25
Klar, Israel begeht 'Völkermord' , wenn beim Verteidigungskrieg *auch* Zivilisten sterben.
Und klar, die Hamas leistete 'Widerstand', als sie am 8.Oktober *ausschließlich* Zivilisten massakrierte oder unter die Erde verschleppte.

Der Westen hat ein massives Bildungsproblem.

Danke für die sachliche Rezension!
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