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GOOD MOVIES FOR BAD PEOPLE
Oktober November

Oktober November

DRAMA: A, 2013
Regie: Götz Spielmann
Darsteller: Nora von Waldstätten, Ursula Strauss, Peter Simonischek

STORY:

Dem Patriarchen geht es schlecht. Das Herz spielt nicht mehr mit. Er spürt, dass er nicht mehr viel Zeit hat. Zeit, seiner schauspielenden Tochter Sonja, die er nur noch aus dem Fernsehen kennt, ein gut gehütetes Geheimnis anzuvertrauen. Und danach ist nichts mehr, wie es einmal war ...

KRITIK:

Verdammt, wie die Zeit vergeht. Fünf Jahre ist es schon wieder her, seit Götz Spielmann für REVANCHE (2008) beinahe für den Auslandsoscar ins Rennen geschickt worden wäre. Und sein ANTARES (2003), der übrigens von der breiteren Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt beim renommierten KinoKontrovers-Label veröffentlicht wurde, ist wohl ein Kandidat für eine (Wieder-)Entdeckung.

Das episodische Drama mit den offenherzigen Sexszenen, der Thriller, der keiner war, und die melancholische Familiengeschichte, die die Herbstdepression schon im Titel trägt. Für mich ist Götz Spielmann so etwas wie der zugänglichere Working Class-Haneke. In der Wahl seiner filmischen Mittel agiert Spielmann zwar ähnlich streng und puristisch. Doch seine Figuren sind stets angenehm geerdet und stammen aus einem Milieu, zu dem ich wesentlich mehr Bezug habe als zum finanziell rundumabgesicherten, der Oper und der klassischen Literatur zugewandten Bildungsbürgertum, in dem das Gros der Haneke-Filme angesiedelt ist.

Schauplatz von OKTOBER NOVEMBER ist wieder die trügerische Idylle eines österreichischen Provinz-Dorfs. Hier treffen zwei unterschiedliche Frauen aufeinander: Die bodenständige Verena (Ursula Strauss), die sich mit dem Familienleben unter der Fuchtel ihres dominanten Vaters (Peter Simonischek) irgendwie arrangiert hat. Und die fragile Sonja (Nora von Waldstätten), die in der Stadt eine - vermeintlich - glamouröse Existenz als TV-Star führt. Gegensätzliche Lebensentwürfe prallen aufeinander, Spannungen treten zutage, Lebenslügen lassen sich nicht mehr verheimlichen, Konflikte brechen auf.

Götz Spielmann hält sich inszenatorisch extrem zurück: Keine visuellen Gimmicks, kaum künstliche Beleuchtung, ja nicht einmal eine Filmmusik. Reduktion auf das Nötigste: Alles hängt an den großartigen - und damit meine ich: wirklich großartigen Schauspielern. Als TV-Verweigerer sagte mir ja der Name Nora von Waldstätten bislang rein gar nichts. Dabei hat die Wahlberlinerin mit österreichischen Wurzeln eine Leinwand-Präsenz, eine magische Aura, wie sie seit Romy Schneider wohl keine heimische Schauspielerin mehr verstrahlt hat.

So wird man immer tiefer in diesen wunderschönen Film hineingezogen: Die Farben der herbstlichen Landschaft, von Martin Gschlachts Kamera präzise fotografiert, die sanften Sonnenstrahlen, die ersten Nebelschwaden, die Vorboten des nahenden Winters, des nahenden Todes: OKTOBER NOVEMBER ist kein intellektueller Art-Fart, keine mit ach-so tiefsinnigen Dialogen aufgepimpte filmische Philosophie-Doktorarbeit.

Sondern ein stiller, fast schüchterner Film, der ganz intensiv und unmittelbar auf das Gefühlszentrum zielt.
"Familiengeschichten sind oft voll von Hass und Selbstzerstörung, Familie kann aber auch ein Rückzugsort und ein Kraftfeld sein", sagt der Regisseur in einem Interview. "Mich interessieren die Verbundenheiten untereinander, im Schönen wie im Problematischen, die in Familienstrukturen geballt aufeinander treffen. Das ist das zentrale Thema in ‚Oktober November‘."

Ich will nicht großartig spoilern, aber das letzte Filmdrittel müsste eigentlich "Stirb Langsam" heißen. Ja, OKTOBER NOVEMBER wagt sich an die letzte große Tabuzone heran. An das Sterben. An das realistische Sterben, wohlgemerkt. Filmische Trauerarbeit, wenn man so will. Auf die man sich einlassen muss. Für die man bereit sein muss. Für die man aber auch reich belohnt wird. Ein tief berührender Film wie eine tröstende Hand auf der Schulter. Ohne jeden Zweifel eines der intensivsten Kino-Erlebnisse des Jahres.

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FAZIT:

Familienaufstellung am Sterbebett des Patriarchen: Mit "OKTOBER NOVEMBER" ist Götz Spielmann ein stilles, aber unglaublich intensives Familiendrama gelungen, das wirklich berührt und nachwirkt. Ganz im Ernst, einer der beindruckendsten Filme des Jahres.
In diesem Sinne:
 "Es ist schön da drüben. Man muss sich nicht fürchten."

WERTUNG: 9 von 10 Bergseen
Dein Kommentar >>
Gregor | 22.05.2014 22:18
Sehr schöne rezi zu einem sehr schönen Film! Fand den auch toll und habe ANTARES und REVANCHE bei der Gelegenheit gleich rückwirkend miteindeckt. Nora von Waldstätten kannte ich jedoch schon vorher aus den ebenfalls sehr empfehlenswerten CARLOS - DER SCHAKAL und SCHWERKRAFT.
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valentin | 16.11.2013 16:14
spielmann war damals doch nominiert...?
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