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GOOD MOVIES FOR BAD PEOPLE
Paranoia Agent

Paranoia Agent

OT: Môsô dairinin
ANIME / MYSTERY: JAPAN, 2004
Regie: Satoshi Kon
Darsteller: -

STORY:

Eines Abends auf dem Nachhauseweg wird die Comiczeichnerin Tsukiko Sagi scheinbar grundlos von einem unheimlichen Jungen auf Rollerblades attackiert. Der Anfang einer ganzen Reihe ähnlicher Übergriffe. Shounen Bat -wie der mysteriöse und gefährliche Junge von der beunruhigten Bevölkerung bald genannt wird- sucht sich seine Opfer scheinbar wahllos und immer mehr Menschen machen mit seinem goldenen Baseballschläger schmerzhafte, bisweilen gar tödliche Bekanntschaft. Zwei Polizisten müssen die Zusammenhänge zwischen den Opfern entschlüsseln, um hinter das Geheimnis von Shounen Bat zu kommen und sie müssen sich beeilen. Denn der Junge mit dem goldenen Schläger wird immer mächtiger und bald zur Gefahr für ganz Tokio… -

KRITIK:

Am 24. August 2010 erlag der japanische Filmemacher Satoshi Kon im Alter von nur 46 Jahren einem Krebsleiden. Für die Macher, Fans und Chronisten des Anime-Universums war dies ein großer Schock. Ganz zu schweigen vom menschlichen Verlust war allen bewusst, dass sein Tod uns nicht nur um einen begnadeten Künstler, sondern auch um einige künftige Meisterwerke gebracht hat.

Zu welchen großen Taten der ins Filmfach gewechselte Manga-ka fähig war, belegen Kinofilme wie der grandiose Anime-Thriller PERFECT BLUEoder die etwas andere Weihnachtsgeschichte TOKYO GODFATHERS. Aber auch sein TV-Vermächtnis PARANOIA AGENT, welches dreizehn knapp halbstündige Episoden umfasst, dokumentiert über weite Strecken Kons Ausnahmekönnen.

Allein die ersten sieben Folgen, die ganz im Zeichen der Mysterien um Shounen Bat und seinen nicht minder abgründigen Opfern stehen, sind nichts Geringeres als höchste Anime-Kunst.

Da sind Bilder und Geschichten, die vor Innovation und Einfallsreichtum nur so strotzen. Da fusionieren Suspense und Gesellschaftskritik, Großstadtseelenleben und Mystery in völliger Harmonie. Da wechseln Erzählweise und Zeichenstil wie die Farben beim Chamäleon. Dabei ist PARANOIA AGENT nicht nur unglaublich fesselnd, sondern steckt auch noch voller Kniffe und Überraschungen. Für letztere sorgen vor allem die Charakterentwicklungen, -hinter und -abgründe. Der Modus Operandi: Man nehme beispielsweise eine Nebenfigur wie die unscheinbare Nachhilfelehrerin des Schuljungen Yuichi aus der zweiten Episode, mache sie zur Hauptprotagonistin von Episode 3 und lasse sie dort ein Doppelleben als schizophrene Prostituierte führen. Oder nehmen wir den Polizisten. Episode 4 wird offenbaren, dass dieser des Nachts alles andere als auf der Seite des Gesetzes steht - und später kommen gar noch größere Sünden zum Vorschein…

Wäre diese mysteriöse und bis dahin äußerst spannende Geschichte um den Jungen mit dem goldenen Baseballschläger mit der siebten Episode zu Ende erzählt, dann bliebe in Sachen Wertung nur eine Frage. Adelt man PARANOIA AGENT nun als großes (9 Punkte-) Werk oder mit der Höchstpunktzahl als ganz großes?

Doch nach Folge 7 waren erst zwei der vier DVDs geschaut und Shounen Bats Geheimnis noch lange nicht gelüftet. Und leider beginnt ab der dritten DVD die Fassade des brillanten Könnerstücks etwas zu bröckeln.

Denn ab der achten Episode bricht Kon mit jeglicher Geradlinigkeit. Er nimmt den MULHOLLAND DRIVE zu den Lynch-Sphären, die aber nur als Zwischenstation für den Aufbruch zu noch verworreneren Strukturen dienen. Nach einem überraschenden Cliffhanger kappt Kon plötzlich den roten Handlungsfaden und unsere Protagonisten der ersten beiden DVDs treten zunächst einmal aus dem Fokus. Die erste Episode der zweiten Hälfte des PARANOIA AGENT handelt von einem merkwürdigen, aus einem alten Opa, einem Homosexuellen und einem kleinen (!) Mädchen bestehenden Trio, welches sich via Internet zum gemeinschaftlichen Selbstmord (!!) verabredet hat. Der mittlerweile zur urban legend gewordenen Shounen Bat agiert im Hintergrund und die anderen Hauptfiguren glänzen durch Abwesenheit. Dennoch ist diese Folge mein Favorit der zweiten Serienhälfte, weil sie noch mit seltsamen Humor und skurriler Schrulligkeit besticht.

Es folgen die Tiefpunkte der dreizehn Folgen; einer davon ein in seinem Unterhaltungswert etwas dürftiger Blick hinter die Kulissen einer Anime-Produktion. Erst zum Endspurt ruft Kon ein paar der Hauptfiguren zurück ins Rampenlicht. Doch die vormals exquisite Mischung aus Thriller und Sozialkritik will plötzlich nicht mehr so richtig funktionieren. Vor allem der Thrill verabschiedet sich allmählich, nachdem Kon sich dazu entschlossen hat, ohne Rücksicht auf den Spannungsaufbau in die Psyche seiner Figuren einzutauchen. Er lässt Realität, Traum, Erinnerung, falsche Erinnerung und Einbildung zunehmend verschwimmen. Schneidet noch tiefer als zuvor in ernste Thematiken wie Krankheit, Tod und unmenschlicher Leistungsdruck im Berufsleben. Kon befasst sich mit den gesellschaftlichen und seelischen Missständen unserer Zeit, lässt aber die eigentliche Handlung gleichzeitig ins Leere, ins Abstruse laufen. Dadurch wirkt das Szenario mit fortdauernder Laufzeit immer weniger codiert als vielmehr chaotisch.

Wäre PARANOIA AGENT ein Fußballspiel und kein Anime, würde der Zuschauer bestimmt die alte Phrase der zwei völlig unterschiedlichen Halbzeiten bemühen. Wobei sowohl für den Fußball als auch für den Anime gilt, dass es immer von Vorteil ist, wenn man die zweite Halbzeit besser gestaltet.

Fraglos darf auch ein Film wirr und scheinbar strukturlos beginnen, doch irgendwann sollten sich die Dinge in halbwegs nachvollziehbaren Bahnen kanalisieren. PARANOIA AGENT geht jedoch den umgekehrten Weg und verliert nach der ersten Hälfte (offenbar absichtlich) seine Linie, nur um schließlich sehenden Auges ins Chaos irren zu können. Das Finale könnte man wohlwollend als originelles Kokettieren mit dem japanischen Godzilla-Prinzip interpretieren, aber genauso gut böswillig als weitere Deplatzierung auslegen.

Trotz seiner anstrengenden Schlussepisoden ist und bleibt PARANOIA AGENT ein Anime, bei dem einer ein paar Ausflüge in die kranke gesellschaftliche Psyche unternommen und sich offenkundig ein paar Gedanken gemacht hat. Auch wenn die Dinge gegen Ende bisweilen ins Konfuse gleiten und die Spannung dabei etwas flöten geht; überwiegt selbst in den schwächeren Phasen des PARANOIA AGENT die Bewunderung über den Mut des Regisseurs wider den Sehgewohnheiten und üblichen Erzählstrukturen neue Wege zu beschreiten - und Sozialkritik in solch verdrehten, entfesselten Bilder und Formen zu üben…

Dass das Ganze darüber hinaus verdammt innovativ ist - ja, darauf geben schon die Vor- und Abspannbilder recht konkrete Hinweise.

Paranoia Agent Bild 1
Paranoia Agent Bild 2
Paranoia Agent Bild 3
Paranoia Agent Bild 4
Paranoia Agent Bild 5
Paranoia Agent Bild 6
Paranoia Agent Bild 7
Paranoia Agent Bild 8
Paranoia Agent Bild 9
Paranoia Agent Bild 10
FAZIT:

Sieben Episoden lang demonstriert das leider einzige Serial im Vermächtnis des kürzlich verstorbenen Filmemachers und Manga-ka Satoshi Kon inhaltlich und formal allerhöchste Animekunst. Wenn beim PARANOIA AGENT Mystery und Gesellschaftskritik, Psychohorror und Großstadtwahnsinn Hochzeit feiern, weht ein Hauch von Genialität über den Bildschirm. Leider wird es später doch eine Spur zu vertrackt, verdreht und konfus, so dass die Meisterwerksfassade leicht zu bröckeln beginnt. Trotzdem gehört der höchst bemerkenswerte PARANOIA AGENT zu den Anime-Serien, die man unbedingt gesehen haben sollte.

WERTUNG: 8 von 10 endlosen Zahlenkolonnen
TEXT © Christian Ade
Dein Kommentar >>
Federico | 31.03.2011 13:50
Toll, toll toll! Du weißt wovon du schreibst - nach DEATH NOTE wird das die nächste Anime-Serie die ich mir nun ansehen werde (ich glaube Ikki Tousen: Dragon Girls kann ich getroßt überspringen^^)
Chris | 01.04.2011 19:36
Danke schön! Das Lob freut mich gerade deshalb so sehr, weil ich
mich erst vor kurzem in die Welt der Anime vorgewagt habe. Von
daher hast du mir auch DEATH NOTE voraus, den ich aber freilich
bereits auf dem Zettel habe! : ) PS: Ja, bei den DRAGON GIRLS muss
man schon wissen, auf was man sich einlässt. Aber ich wurde zum
Gläubigen (und ich dürfte nicht der einzige in der Red. sein, nicht
wahr, Johannes?) ; )
Johannes | 02.04.2011 19:46
Ikki Tousen? Ich? Nee, viel zu sexistisch für mich zartes Pflänzchen. *g*

Aber Death Note würde ich die auf jeden Fall auch empfehlen, Chris.
Federico | 07.04.2011 15:37
Wirklich? Dafür, dass du erst kürzlich damit beschäftigst, wirkst du schon sehr - informiert. :) Hat auf jeden Fall Spaß gemacht die Kritik zu lesen - und auch unglaubliche Lust auf die Serie. Die wird jedoch auf Grund mageren Geldbeutels noch etwas auf sich warten müssen (ü50€ auf amazon. puh).
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Andreas | 30.03.2011 11:30
ganz tolles review. stimme auch inhaltlich voll und ganz zu, nur sollte das verzetteln mit einem viel größerem punkteabzug bestraft werden. paranoia agent ist, wie christian schon schreibt, superspannend und angsteinflößend - bis zu dem zeitpunkt, wo alles absurd wird (ab ca. folge 5). ich denke mal, die story war für ca 7 episoden genug, da aber eine serie nun mal im japanischen fernsehen immer 12 oder 13 folgen (oder ein multiplikatives vielfaches davon) haben muss, mussten ein paar ziemlich sinnlos absurde seitensprünge dazu erfunden werden. leider storymäßig betrachtet völlig unnötig. die geschichte mit den selbstmördern hat mir dabei noch am besten gefallen.

in diesem sinne: friday night skating startet bald wieder in wien. wer nimmt dazu den goldenen baseballschläger mit?

6 von 10 folgen (wären genug gewesen.)
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